Girlhood – Mein Leben und mein Körper gehören nur mir!

by on 09/27/2014
© Films Distribution

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Bei dem Filmtitel Girlhood werden die meisten wohl an den Berlinale-Liebling Boyhood denken. Doch der Film von Céline Sciammas Film hat mit dem von Richard Linklater nichts zu tun. Und das ist gut so. Denn abgesehen davon, dass es sich bei Girlhood nur um den internationalen Titel handelt, der sicher bewusst an Linklaters Booyhood angelehnt wurde, ist die Kindheit von Mädchen und Jungen auch durch völlig unterschiedliche Herausforderungen geprägt.

Ich spreche hier bewusst nicht von Problemen, denn obwohl Célina Sciamma eine Protagonistin der französischen Unterschicht wählt – ein Mädchen, das in prekären Verhältnissen in einem afrikanisch dominierten Plattenbau-Ghetto am Rand von Paris lebt – achtet sie geradezu penibel darauf, Mariemes Probleme nicht in den Vordergrund zu stellen, sie nicht zu dramatisieren und die junge Frau damit in eine Opferposition zu rücken. Die 16 Jährige bleibt trotz der mehr als subtoptimalen Voraussetzungen stets die Agentin ihres eigenen Lebens. Niemals werden die Steine, die ihr im Weg liegen, nur auf die äußeren Umstände zurückgeführt, sondern Sciamma macht klar, dass auch Mariemes eigene Entscheidungen ihren Weg maßgeblich mitbestimmen. Dass sie beispielsweise nicht zum Abitur zugelassen wird, dass sie sich aus Frust einer Mädchengang anschließt und auch dass sie auf die „schiefe Bahn“ gerät und Drogen verkauft. Diese Geschichte ließe sich mit großer Tragik erzählen. Nach dem Motto: Schaut was die Gesellschaft dieser jungen Frau antut, so dass sie keinerlei Wahl mehr besitzt, als sich immer tiefer in eine Abwärtsspirale zu schrauben. Nein. Marieme ist kein Opfer. Sie verdient unser Mitgefühl, aber niemals unser Mitleid.

Das Ende der Unschuld

Denn ebenso so oft, wie Marieme in Not gerät und verzweifelt, zeigt Céline Sciamma auch Momente der überbordenden Freude. Die Regisseurin nimmt sich auffallend viel Zeit, um Glücksmomente der Mädchenclique zu betrachten. So zum Beispiel, wenn Marieme und ihre Freundinnen zu Rihannas Diamonds in einem Hotelzimmer tanzen und singen und Sciamma diese Szene über die volle Länge des Songs ausdehnt. Immer wieder nimmt sie die Zuschauer_innen auf diese Weise mit in die Lebensrealität ihrer Hauptfigur. Mit einer Kamera, die stets die Nähe der Protagonist_Innen sucht, erschafft sie eine Unmittelbarkeit, die durch das authentische Schauspiel der Darsteller_innen gestützt wird.

Wann immer sich Momente der Freude und Ausgelassenheit unter Frauen abspielen, werden diese durch die Intervention eines Mannes unterbrochen. Besonders krass ist diese Störung zu Beginn des Films, wenn sich Marieme mit den Kolleginnen ihrer American Football Mannschaft in alberner Stimmung auf den Heimweg vom Training begibt. Kaum betreten sie das Ghetto, in dem junge Männer auf der Straße rumlungern und die Mädchengruppe beobachten, verstummt ihr Lachen urplötzlich. Momente dieser Art gibt es in Girlhood zu Hauf – mal mehr, mal weniger subtil. Es sind die Blicke der Männer, manchmal aber auch ihre Sprüche, sexuelle Übergriffe, verbale und körperliche Gewalt, die den Mädchen ihre „Unschuld“ rauben. Nicht im sexuellen Sinne, sondern im emotionalen. Momente der Leichtigkeit und Freude, Szenen, die auch den Zuschauer_innen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, finden hierdurch ein jähes Ende.

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Ja, das ist ein bisschen plakativ. Aber manchmal geht es nicht anders, wenn man einem großen Publikum eine Realität vor Augen halten will, an dem es tagtäglich blindlings vorbeiläuft. Auf einer Metaebene erklärt Céline Sciamma die Direktheit ihrer Inszenierung auch durch Mariemes Geschichte. Im letzten Drittel des Films, gerät die junge Frau in Streit mit ihrem Freund, da dieser ihre jungenhafte Kleidung kritisiert. „Wie doof kann man sein“, denkt sich hier der/die Zuschauer_in. Es ist mehr als offensichtlich, dass sich Marieme in den kriminellen Kreisen, in denen sie verkehrt, nicht durch ihre Sexualität angreifbar machen, nicht „verfügbar“ wirken möchte. Und genauso denke ich mir oft „Wie doof kann man sein“, wenn Menschen den Alltagssexismus unserer Kultur verleugnen. In Girlhood ist er zu offensichtlich, um ihn zu verleugnen. Und das ist gut so!

Sexualität und Respekt

Sexualität ist ein großes Thema in Girlhood, nicht nur weil sie zu einer guten Coming of Age Story dazu gehört. Vielmehr zeigt Céline Sciamma hier die Paradoxie patriarchaler Kontrolle über den weiblichen Körper. Marieme darf nicht selbst entscheiden, wann sie mit wem Sex hat. Ihr Bruder kontrolliert jeden ihrer Schritte und sollte sie „Unanständiges“ tun, werfe dies ein schlechtes Licht auf ihn. Ihre Sexualität ist also Teil seiner Person und nicht Ausdruck der Ihrigen. Und dennoch werden Marieme und ihre Freundinnen von ihrem männlichen Umfeld anhaltend sexualisiert. Sie dürfen nur dann sexuell sein, wenn die Männer es wünschen. Ihre Sexualität gehört ihnen nicht.

Insbesondere in diesen Passagen ist die weibliche Handschrift Sciammas unübersehbar. Es gibt nicht eine einzige überflüssige Nacktszene im gesamten Film. Die Entblößung des weiblichen Körpers ist in Girlhood keine Selbstverständlichkeit, die der Erbauung des (männlichen) Publikums dient, sondern wird bewusst eingesetzt und ist ein dezidierter Akt der Gewalt: Mariemes Freundin Lady wird bei einem Zweikampf das T-Shirt ausgezogen. Die Niederlage ist eine doppelte: Sie ist „nackt“, liegt am Boden, ist angreifbar und schutzlos. Das Handy, das sie filmt, erniedrigt die junge Frau zusätzlich. Sciamma erniedrigt ihre Protagonistinnen niemals. Lady trägt auch nach ihrer Niederlage noch einen BH. Weder Marieme noch ihre Freundinnen treten jemals nackt auf. Und warum auch?

Danke, Frau Sciamma!

Céline Sciammas Film wird von dunkelhäutigen Frauen und Mädchen dominiert. Nun werden vielleicht einige argumentieren, dies sei ja eine sehr spezielle und kleine Gruppe, bla, bla, bla. Nun zu erst einmal kann ich Sciammas Entscheidung gar nicht genug loben, denn „people of color“ sind im Kino noch immer frappierend unterrepräsentiert. Und zum Anderen sind die Herausforderungen, die Marieme in diesem Film meistert, von ihrer Hautfarbe vollkommen unabhängig. Wer hier an Äußerlichkeiten hängen bleibt, hat wirklich nichts verstanden.

All dies klingt nun vielleicht sehr moralisierend, doch das ist es nicht. Céline Sciamma erzählt ihre Geschichte nicht nur, sie zeigt sie auch. In wunderschönen Bildkompositionen, an denen man sich nicht sattsehen kann, drückt sie die unterschiedlichsten Gefühle wie Isolation, Gemeinschaft, Freude und Verzweiflung aus. Girlhood ist vielmehr als nur ein feministischer Aufschrei, nämlich auch ein stilistisch herausragender Film. Und deshalb sehe ich gerne großzügig darüber hinweg, dass die Geschichte an der einen oder anderen Stelle ein wenig konstruiert erscheint.

Nach dem Film war ich so gerührt, dass ich Céline Sciamma am liebsten um den Hals gefallen wäre. Nicht nur weil mich Mariemes Mut unfassbar beeindruckt hat, sondern auch weil ich Sciamma unheimlich dankbar bin für diesen Film, der auf der einen Seite Probleme unverhohlen benennt und zugleich so lebensbejahend ist. Ein Film, der sich wirklich in die Welt der Frauen begibt und nicht nur so tut als ob, der aber nicht in Schuldzuweisungen und Problematisierungen stecken bleibt, sondern den Weg nach vorne zeigt. Mehr davon!

Kinostart: 26. Februar 2015

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