Gnade

by on 10/17/2012

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Gnade lief 2012 im Wettbewerb der Berlinale. Diese Kritik erschien ursprünglich auf dem Festival Blog Sophies Berlinale.

© Alamode

Entweder ich bin für diesen Film von Matthias Glasner zu religiös, oder nicht religiös genug, denn das Ende lässt mich ratlos und ziemlich unbefriedigt zurück. Geht es hier um Ehrlichkeit, die Kraft der Beichte, Gott oder zwischenmenschliche Vergebung? Ich kann das Gesehene einfach nicht richtig einordnen.

Niels (Jürgen Vogel) geht mit seiner Familie nach Norwegen, um einen Neustart zu wagen. Doch so richtig neu ist das Leben in dem fremden Land eigentlich gar nicht. Die Ehe ist nach wie vor von Distanz gekennzeichnet, Niels geht weiterhin fremd und auch der Sohn scheint von seinen Eltern nachhaltig entfremdet zu sein. Eines Nachts fährt Niels‘ Frau Maria (Birgit Minichmayr) im Dunklen jemanden an und begeht in ihrer Panik Fahrerflucht. Trotz der kriselnden Beziehung zu Niels erzählt sie ihm von dem Ereignis. Fortan teilen sie das schreckliche Geheimnis und kämpfen mit dem Gefühl der Schuld und dem Bedürfnis, sich durch eine Beichte Erleichterung zu verschaffen.

 

Erst einmal zu den positiven Dinge an Gnade: Glasner hat mit den Schneelandschaften Norwegens ein atemberaubendes Setting gewählt, dass er gekonnt zu inszenieren weiß. Die Schauspieler verkörpern ihre Figuren glaubwürdig und nehmen uns in ihren inneren Konflikt mit hinein. Die Stimmung ist zeitweise fast unerträglich intensiv, doch leider schafft es die Dramaturgie nicht, diese Intensivität über den gesamten Film zu retten. Da ist zu viel, was überflüssig oder doch zumindest schwer einzuordnen ist, z.B. der Film, den der Sohn (Henry Stange) mit seinem Handy filmt und der auch den Epilog von Gnade bildet.

 

Der Aufbau der Story ist in meinen Augen an sich großartig. Glasner deutet immer wieder verschiedene Auflösungen der Situation an, schlägt dann aber doch einen anderen Weg ein. Dadurch wird unsere Anspannung immer größer: Wird die Wahrheit ans Licht kommen? Und wenn ja, wie werden die Konsequenzen aussehen? Das Ende, für das er sich dann, entscheidet, gibt mir jedoch noch mehr Rätsel auf. Durch den Chor, in dem Maria singt, wird eine religiöse Dimension aufgemacht, die dann stiefmütterlich vernachlässigt wird. So weiß zumindest ich letztendlich nicht, was es mit der Gnade, die die Geschichte übertitelt, eigentlich auf sich hat.

 

Die Geschichte der Beziehung zwischen Niels und Maria ist glaubwürdig und ergreifend. Durch das gemeinsame Geheimnis findet eine emotionale und körperliche Annäherung statt. Niels beginnt die Hand nach seiner Frau auszustrecken. Für mich ist der Moment, in dem er dies ganz praktisch tut und der von einer (vielleicht etwas zu) rührenden Gesangseinlage begleitet wird, geradezu magisch. Im Nachgang aber habe ich das Gefühl, dass sich Glasner hier nicht entscheiden konnte, um was es in seinem Film wirklich gehen soll. Es wäre für den Spannungsbogen und das Gesamtprodukt wohl besser gewesen, den Schwerpunkt entweder klar auf die Beziehung oder den Umgang mit der Schuld zu legen. Das hätte auch eine Kürzung des etwas zu lang geratenen Films möglich gemacht.

 

Den Buh-Ruf am Ende kann ich dennoch nicht ganz nachvollziehen. Gnade ist trotz allen Schwachstellen ein wirkungsvoller Film und die Fragen, die am Ende übrig bleiben, sind ein guter Ausgangspunkt für eigene Überlegungen zum Thema Sünde, Beichte und Vergebung. Von den vielen Interpretationen, die mir Gnade ermöglicht, entscheide ich mich für die folgende: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Im Laufe der Handlung kommt es zu zahlreichen Vergehen und Geständnissen, denen auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise begegnet wird. Was mir aber auffällt, ist, dass die Figuren eher in der Lage sind zu vergeben, wenn sie selbst Schuld auf sich geladen haben.  Das Verständnis für die Verfehlungen des Gegenübers wird dadurch erleichtert. Jeder mag selbst entscheiden, wie er mit seiner eigenen Schuld umzugehen gedenkt, doch uns allen muss klar sein, dass eben niemand ganz ohne Schuld (= Sünde) ist und wir das in unseren Urteilssprüche über unsere Nächsten berücksichtigen müssen. Ende der Moralpredigt.

 

KINOSTART: 18. Oktober 2012

 

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