God Bless America

by on 01/18/2013

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© EuroVideo

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Wer wollte nicht schon einmal Jury und Teilnehmer einer dieser unsäglichen Reality- oder Castingshows über den Jordan schicken? Oder religiösen Eiferern, die von sich behaupten, mit Schwulen- und Judenhass Gottes Werk zu erledigen, das Licht ausknipsen? Oder aber gedankenlosen und arroganten Menschen, die die Dreistigkeit besitzen, ihr Auto quer über mehrere Parkplätze zu stellen, einfach unvermittelt in die Schulter ballern? Von uns hatte sicherlich noch nie jemand das Bedürfnis, seinem Unmut auf diese Weise Luft zu machen. Wir alle haben ja keinen an der Klatsche. Dass viele Leute aber bei all dem TV-Abfall, bei der grassierenden Verrohung und Verblödung, bei der Verehrung semiprominenter Vollspacken am liebsten a) den Kopf in den Sand stecken, oder b) ebendiesen kontinuierlich gegen die Tischkante schlagen würden, steht außer Frage. Ein Film, der eine Person zeigt, die über 2 Stunden den eigenen Schädel malträtiert, hat aber eher geringe Erfolgsaussichten. So gesehen hat Bobcat Goldthwait (vielen von euch wohl als Zed aus Police Academy bekannt) alles richtig gemacht, denn er trägt sein Anliegen auf eine Weise vor, die Menschen einerseits anzieht und andererseits keinen Spielraum für Missverständnisse offen lässt.

Die Einleitung dieses Textes beinhaltet schon einen Großteil der Essenz von God Bless America. Frank (Joel Murray), ein Mann reiferen Alters, außer Form, von seiner Familie getrennt lebend und zusätzlich mit grauenhaft lauten Nachbarn gestraft, hat die Schnauze voll. Die Menschen um ihn herum gehen ihm auf den Keks, sind sie doch nur Papageien bekannter Meinungsführer und Fernsehzombies, denen Konsum heilig ist und deren zivilisiertes Verhalten abhanden gekommen ist. Vor allem ein schlecht singender, dicker, ungelenker Junge, der am Tag zuvor bei einer Castingshow zum Gespött der Leute wurde, ist aktuell omnipräsent. Frank fantasiert von Amokläufen, bei denen er all diejenigen über den Haufen ballert, die es – seiner Meinung nach – verdient haben. Noch ist es allerdings nicht soweit. Aber bald. Wegen angeblicher sexueller Belästigung (Frank schickte der Rezeptzionistin aus Freundlichkeit Blumen nach Hause) wird er entlassen. Und damit noch nicht genug: Sein Arzt teilt ihm mit, dass ein Tumor sich in seinem Kopf breit macht! Daheim auf der Couch schaut Frank in die Glotze und trinkt Bier. Eine Reality Show läuft, in der ein verwöhntes junges Blondchen zu ihrem 16. Geburtstag statt eines SUV „nur“ einen Lexus geschenkt bekommt und daraufhin vollkommen ausrastet. Das Telefon klingelt, Frank geht ran. Am anderen Ende der Leitung ist seine kleine Tochter (Mackenzie Brooke Smith), die furchtbar am Rad dreht, weil ihre Mutter (Melinda Page Hamilton) ihr kein iPhone gekauft hat – ihr Daddy soll nun dafür sorgen, dass sie dieses ach so wichtige Handy bekommt. Ein anderes Anliegen hat das Mädchen nicht, ihr Vater ist ihr scheißegal. Sie will haben, haben, haben – wie die Göre im Fernsehen. Anstatt seine Selbstmordabsicht durchzuziehen, entschließt Frank sich dazu, die undankbare TV-Bitch von diesem Planeten verschwinden zu lassen. Geplant, getan – wenn auch nicht perfekt. Frank wird bei dem Mord von der Schülerin Roxy (Tara Lynne Barr) beobachtet. Die verpfeift ihn allerdings nicht, sondern will sich ihm anschließen. Nach einer herzerweichenden Missbrauchsgeschichte willigt Frank ein. Gemeinsam morden sie sich durch das einstmals so großartige Land, immer auf der Suche nach Opfern, die es in den Augen des Killer-Teams durch ihr Verhalten verdient haben zu sterben. Antisemiten, Schwulenfeinde, fundamentale Christen, ultrakonservative Tea-Party-Anhänger, die in Parkinson eine Strafe Gottes für Sozialisten sehen – alle werden umgenietet. Franks finales Ziel ist jedoch ein anderes: Er will zu der Castingshow, in der der dicke Junge lächerlich gemacht wurde. Warum? Es gehört sich einfach nicht, sich auf Kosten anderer zu amüsieren.

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An dieser Stelle beende ich die Ausführungen über die Geschichte, denn ich möchte Wendungen und Schluss nicht vorwegnehmen. Ich kann allerdings verraten, dass die Auflösung wenig überraschend ist. Das ist auch der Hauptkritikpunkt an God Bless America: Wo bleibt die Figurenentwicklung? Normalerweise verfolgen Personen in Filmen ein Ziel – das ist hier der Fall -, und tun alles, um es zu erreichen – passt soweit auch. Während ihres Weges durchlaufen die Figuren dann verschiedene Stadien, an deren Ende eine Persönlichkeitsveränderung steht. Wer etwas erreichen will und dafür immensen Aufwand betreiben muss, der entwickelt sich. Wer ist am Anfang schon so, wie er am Schluss ist? Auf Frank trifft das im Großen und Ganzen zu. Der Unterschied besteht nur darin, dass er seinen Ärger öffentlichkeitswirksam rausgelassen hat. Er persönlich hat sich kaum verändert – außer der Erkenntnis vielleicht, dass auch er Dämonen in sich trägt. Aber dieser Punkt wird kaum näher beleuchtet, weshalb er beinahe zu vernachlässigen ist.

Ist God Bless America deswegen ein schlechter Film? Keineswegs. Eigentlich ist God Bless America sogar ein ziemlich guter Film. Er ist kontrovers, was für eine Satire nicht die schlechteste Voraussetzung ist; er ist kritisch, was unbedingt nötig ist; und er führt deutlich vor Augen, was alles schief läuft (das gilt nicht nur für die USA, sondern lässt sich problemlos auch auf Deutschland übertragen). Trotz Schwächen in der B-Note (neben der angesprochenen mangelhaften Figurenentwicklung ist God Bless America relativ repetitiv und dann und wann etwas moralinsauer) muss man Bobcat Goldthwait zu diesem Film gratulieren. Dieses Werk ist nämlich eines der wenigen, in dem die polarisierende Prämisse durchgezogen wird – bis zum bitteren Ende. Dafür braucht es Eier und ein breites Kreuz. Beides scheint Bobcat Goldthwait offenbar in ausreichendem Maße zu besitzen. Und das ist gut so.

VERKAUFSSTART: 14. Februar 2013

2 Responses to “God Bless America”

  • quadzar
    quadzar says:

    Die Punkte, die du als Mankos angesprochen hast, habe ich genau so wahrgenommen. Der Schluss als gigantischer Mittelfinger hats dann aber wieder herausgerissen. Und Joe Murray passt einfach. Unfassbar sympathischer Typ, sogar wenn er jemanden voller Blei pumpt (und diese Sympathie ist bei seinen Handlungen sicherlich der stärkste Punkt des Films).

  • guggenheim
    guggenheim says:

    Murray ist ganz stark und wirklich sympathisch. Das manipuliert den Zuschauer ja auch sehr, denn man ist eher gewillt, die Taten seiner Rolle in gewisser Weise gutzuheißen, auch wenn die in höchstem Maße amoralisch sind (Mord, Selbstjustiz ist die Spitze des unzivilisierten Verhaltens). Da wird dem Rezipienten ein Spiegel vorgehalten, in vielerlei Hinsicht.

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