Gone Girl – Das perfekte Opfer oder die perfekte Inszenierung

by on 09/28/2014

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© 20th Century Fox

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Wie bei den meisten bekannten Regisseure scheiden sich auch im Fall von David Fincher zumeist die Geister. Die einen preisen ihn als einen der bedeutendsten Filmemacher unserer Zeit, die anderen halten ihn für einen überbewerteten Werbefilmer. Ich selbst versuche ja ganz gern, mich bei solchen Pauschalurteilen zurückzuhalten, wenn das natürlich auch nie hundertprozentig funktioniert. Aber selbst wenn wir mal annehmen, Fincher sei tatsächlich ein wahnsinnig stilbesessener Oberflächenkratzer… wäre das eigentlich so schlimm?

Gone Girl – Das Perfekte Opfer ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Gillian Flynn. Die Geschichte ist ein Thriller, eigentlich recht klassisch in seiner Ausgangssituation: an ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy Dunne (Rosamund Pike) spurlos. Ihr Ehemann Nick (Ben Affleck) verständigt sofort die Polizei, die eine umfangreiche Suchaktion einleitet. Während der Benefizveranstaltungen, Zeugenbefragungen und Hintergrundermittlungen scheinen sich Indizien wie kleine Puzzlesteinchen ineinander zu fügen. War das Verhältnis der Dunnes tatsächlich eine solche Bilderbuchehe, wie nach außen hin propagiert? Zwei erfolgreiche Autoren, beeindruckende Abschlüsse, großes Haus, finanzieller Überfluss. Hinweise tauchen auf, die Amy offensichtlich hinterlassen hat und ihr Tagebuch spricht ebenfalls eine deutliche Sprache: anscheinend hatte die schöne Blonde Angst vor ihrem aufbrausenden Ehemann. Nick rückt immer mehr selbst in den Fokus der Ermittlungen. Hat er seine Ehefrau mit den eigenen Händen umgebracht?

© 20th Century Fox

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Nun gut. Wenn David Fincher so oft für seine Oberflächlichkeit kritisiert wird, dann werfen wir doch mal einen Blick auf genau das: die Oberfläche. Angefangen bei den Darstellern. Der Regisseur verpflichtet für seine männliche Hauptrolle einen All American-Guy mit dem typisch amerikanischen Kaugummi-Kinn. Ben Affleck ist der US-Saubermann, steckt aber immer wieder öffentlich Häme und Spott ein, ob nun wegen seiner regelmäßigen Flops oder wegen seinem jüngsten Engagement als Batfleck. Ihm stellt er Rosamund Pike zur Seite, die unantastbare Verkörperung der kühlen Blonden, die niemand so richtig einschätzen kann. Dann gibt es noch die knallhart zynische Ermittlerin (Kim Dickens) und die moralisch verwerfliche Geliebte, besetzt mit einer Frau (Emily Ratajkowski), die vor allem für ihren stofflosen Auftritt im Musikvideo des Machos Robin Thicke bekannt ist. David Fincher packt all diese Figuren in einen Film hinein, der sich nicht dafür interessiert, solche klischeehaften Assoziationen aufzubrechen. Good Guy und Bad Guy, Heilige und Hure, all diese Typen haben in Gone Girl – Das perfekte Opfer ihren Auftritt. Der Film funktioniert streckenweise nach dem Prinzip des Whodunit: das typisch fincher’sche Gefühl von ständiger Bedrohung stets präsent, seziert er mit der beobachtenden Kamera in ruhigen Einstellungen präzise und schon fast klinisch kunstvoll das Geschehen. Vielleicht mag er für die ein oder andere Tat der Figuren ein psychologisches Motiv rudimentär andeuten, wirklich wichtig scheint ihm die Plausibilität dahingehend aber nicht zu sein.

© 20th Century Fox

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Und nun die Frage: macht diese Vorgehensweise David Fincher zu einem banalen Regisseur, der sich lediglich für den nächsten unvorhergesehenen Effekt, die nächste schöne Einstellung interessiert? In gewisser Weise schon. Aber eben nicht ohne Grund. Amys Verschwinden setzt in Gone Girl – Das Perfekte Opfer nicht nur polizeiliche Ermittlungen in Gang, sondern auch eine Welle der Anteilnahme und Hysterie in den Medien. Übertragungswagen stehen vor dem Haus der Dunnes, in Nachrichtensendungen gibt es kein anderes Thema mehr und Nick selbst tritt in Talksendungen auf, um sein öffentliches Image zu retten. Detailversessen feilt sein Anwalt (Tyler Perry) am Outfit, an Blicken, Betonungen, Formulierungen. Auf jede Kleinigkeit kommt es an und David Fincher spielt diese mediale Inszenierung so breit und überdeutlich aus, dass sein Film ihm immer wieder zur bitterbösen Mediensatire, ja sogar zur Parodie gerät.

Verkauft wird die common sense Story der heiligen Ehe, des untreuen Mannes und der hilflosen Frau. Und wenn wir ehrlich sind, sind wir selbst diejenigen, die für solche Geschichten empfänglich sind. Um das nachzuweisen, reicht es schlicht, den Blick auf den letzten Absatz zu richten: Der All-American Guy, die kühle Blonde, das halb nackte Sexhäschen – wenn wir ehrlich sind, reichen uns diese Schubladen. Und angenommen, wir hören im Fernsehen von einem Verbrechen und der schwierigen Kindheit des Verdächtigen, dann denken wir „alles klar“, und betrachten den Fall als geklärt. Psychologie, Motivation, Wahrheit, alles egal. Was wirklich hinter der Fassade steckt, tritt zurück hinter dem runden Anschein auf dem Bildschirm, auf dem Familienfoto, hinter der perfekten Geschichte. Wer verstanden hat, aus welchen Einzelteilen sich eine gelungene Inszenierung zusammensetzt, der hat gewonnen. David Fincher hat es verstanden. Am Ende ergibt alles einen Sinn.

Kinostart: 02. Oktober 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

One Response to “Gone Girl – Das perfekte Opfer oder die perfekte Inszenierung”

  • Andreas says:

    Auf den Film bin ich auf jeden Fall gespannt. Ich mag diese Art von Thriller sehr gern und finde auch, Ben Affleck passt sehr gut in solche Rollen. In „Spurwechsel“ überzeugt er in seiner Rolle meiner Meinung nach auch eher, als zum Beispiel in „Daredevil“. Auch die neue Batman Verfilmung mit ihm werde ich wohl auslassen, da sie nicht viel besser werden kann, als damals mit Clooney.

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