Gravity – Die Anziehungskraft der Schwerelosigkeit

by on 09/30/2013

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© Warner Bros.

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Kennt ihr dieses Gefühl? Im offenen Wasser zu tauchen, oder auch nur in einem menschenleeren Pool? Und dann die Augen zu öffnen und für einen kurzen Moment völlig die Orientierung zu verlieren. Nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist. Keine Kontrolle zu haben. Ich persönlich kann dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins überhaupt nicht leiden. Und wenn ich das schon in einem leeren Pool gruselig finde, dann möchte ich mir nicht vorstellen, wie es sein muss, ohne jeden Kontakt zu anderen Menschen, ohne Rettungsanker und ein letztes Fünkchen Hoffnung durch den Weltraum zu driften. Genau das passiert aber in Alfonso Cuaróns Gravity. Horror.

Eigentlich spricht auf der Raumstation alles für einen routinierten Tag. Der erfahrene und charismatische Matt Kowalsky (George Clooney) befindet sich auf seinem letzten Flug ins All, für seine Kollegin, die Wissenschaftlerin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) ist es die erste Mission. Gemeinsam sollen die beiden Astronauten Reparaturen am Weltraumteleskop Hubble vornehmen, wofür sie sich außerhalb ihres Shuttles begeben müssen. Zuerst scheint dabei alles glattzugehen, doch dann wird in unsicherer Entfernung ein alter Satellit abgeschossen und die Trümmerteile rasen ungebremst auf die Weltraummission zu. Für eine Evakuierung ist keine Zeit mehr, und als eines der Metallteile Ryans Verbindung zum Shuttle kappt, wird die junge Frau ins All geschleudert. In den unendlichen Weiten warten nichts als Leere, Stille, Schwerelosigkeit.

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© Warner Bros.

Bei der extraterrestrischen Location und den großen Bildern in Gravity dauert es nicht lange, bis sich jedem cineastisch Bewanderten der Vergleich zu 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick aufdrängt. Der legendäre Regisseur schlug vor Jahrzehnten den denkbar größtmöglichen Bogen und ließ seinen Film in der Steinzeit beginnen, um sich anschließend in die hochgradig technisierte Welt der Raumfahrt vorzuwagen. Bei Alfonso Cuarón haben wir es mit dem Gegenentwurf zu tun: hier ist der Mensch von Anfang an in den luftleeren Raum vorgedrungen. Die Erde ist nur ein weit entfernter Planet, ein erhabener Ausblick, eine seltsam vertraute Ahnung. All die Wahnsinnstechnik hilft aber im Extremfall herzlich wenig – der Mensch ist ausgelieferter als jemals zuvor, und das körperlich wie auch mental. „Ab nach Hause und ein Stück Kuchen essen“, so spricht sich Ryan sinngemäß Mut zu. Aber was zählt für einen Menschen eigentlich als Heimat, wenn er mutterseelenallein im Weltall herumschwirrt? Als wir nach etwa der Hälfte der Laufzeit erstmals einen Menschen ohne den dicken, weißen Raumanzug zu sehen bekommen, wirkt es regelrecht befremdlich, wie ein derart verletzliches Wesen es überhaupt schaffen konnte, sich auf seinem Heimatplaneten zur sogenannten Krone der Schöpfung aufzuschwingen.

© Warner Bros.

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Ein großes Problem in Gravity gibt es mit der Orientierung, und das für die Figuren im Film wie auch für den Zuschauer. Ständig wechselt die Kamera die Perspektive und zeigt uns Ryans Blickfeld, eingeschränkt durch den unflexiblen Astronautenhelm, bedrückend ihre schweren Atemgeräusche. Es ist schon beinahe die einengend beklemmende Atmosphäre eines Kammerspiels, die sich paradoxerweise in den unendlichen Weiten des Weltraums entwickelt. Ganz ähnlich sieht es auf der thematischen Ebene aus: Alfonso Cuarón berührt in seinem Film die ganz großen Themen der Menschheit, aber gleichermaßen auch das Kleine, das Individuelle, Einzelschicksale; und das Ganze – dem Himmel sei Dank – ohne dabei in Pathos oder Banalitäten abzugleiten oder einen billigen Abgesang auf die moderne Gesellschaft zu produzieren. Die Gefahr dazu bestand durchaus. Und während ich schon nach Sichtung der ersten kurzen Teaser mit unglaublich hohen Erwartungen an Gravity heranging, prognostizierte ein ebenfalls filmbegeisterter Freund: „Pass auf, es wird einen spektakulären Unfall geben, ein paar große Bilder des Planeten Erde aus dem All – und dann passiert achtzig Minuten lang nichts mehr.“ Weit gefehlt, kann ich da nur sagen.

Die neunzig Minuten Laufzeit vergehen ganz im Gegenteil wie im Fluge und sprechen dabei all unsere Empfindungen an: Sensationsgier und das Bedürfnis nach Humor, aber genauso auch Empathie und Trauer. Und dabei können wir uns nicht einmal gegen ein ständig aufkommendes Schwindelgefühl wehren. Wir sind der Anziehung von Alfonso Cuaróns Gravity genauso ausgeliefert wie seine Figuren der fehlenden Schwerkraft. Es ist, wie im leeren Pool zu tauchen. Nur besser.

Kinostart: 03. Oktober 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

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3 Responses to “Gravity – Die Anziehungskraft der Schwerelosigkeit”

  • Satoshi says:

    Hiho,
    „Ab nach Hause und ein Stück Kuchen essen“.

    -> Piece of Cake. übersetzt sich (angesichts der Situation von Ryan) mit „ein Kinderspiel“ und hat wenig damit zu tun, dass sie wortwörtlich jetzt gerne zu Hause ein Kuchenstück essen würde.

    • cutrin
      cutrin says:

      Oh, da bin ich ja schön in den Fettnapf getreten. Der Satz läuft ja eher auf die Heimatfrage hinaus, deswegen werde ich es einfach mal im Text so belassen. Aber vielen Dank für den Hinweis!

  • Marcel says:

    Den muss ich mir auch gaaanz ganz dringend anschauen!

    Ist auf der Monatsliste drauf 🙂

    LG

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