Große Erwartungen

by on 11/22/2012

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© Senator

Schon meine Großmutter sagte (und sagt) mir immer: „Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden“. Vielleicht wäre ich mit besserer Laune aus dem Kino gekommen, wenn ich mir diesen Ratschlag mehr zu Herzen genommen hätte. Große Erwartungen von Mike Newell nämlich hat mich leider enttäuscht.

Wie schon bei Anna Karenina bereue ich, den zu Grunde liegenden Roman – in diesem Fall von Charles Dickens – nicht gelesen zu haben. Wer dies ebenfalls versäumt hat, dem sei noch kurz umrissen, wovon Große Erwartungen handelt. Pip (Jeremy Irvine) wächst nach dem Tod seiner Eltern bei seiner abusiven Schwester (Sally Hawkins) und ihrem Ehemann, dem gutmütigen Schmied Joe (Jason Flemyng), auf. Doch statt das Geschäft seines Ziehvaters zu übernehmen, möchte Pip am liebsten ein angesehener Gentleman werden, um die Frau seiner Träume – die gefühlskalte, aber wunderschöne Estella (Holliday Grainger) – zu erobern. Tatsächlich geht sein Wunsch in Erfüllung und ein anonymer Gönner verhilft ihm zu einem großen Vermögen, das ihm den Einstieg in die Londoner High Society ermöglicht. Doch Reichtum hat seinen Preis und bald entdeckt Pip, welch furchtbare Intrige ihm zu seinem vermeintlichen Lebensglück verholfen hat.

Neben den bereits genannten Schauspielern treten außerdem Ralph Fiennes als flüchtiger Sträfling Magwitch und Helena Bonham Carter als dem Wahn verfallene Miss Havisham auf. Der Cast ist ebenso hochkarätig wie die Romanvorlage. Und dennoch vermag der Film den großen Erwartungen, die hierdurch entstehen, nicht gerecht zu werden. Warum?

Die Frage nach dem Warum ist nicht leicht zu beantworten. Daher möchte ich erst einmal sagen, woran es nicht liegt, dass Große Erwartungen mich nicht fesseln konnte. Es liegt nicht an der Besetzung. Jeremy Irvine (Gefährten) steht zwar das Kostüm des Schmieds weit mehr als das der Londoner Oberklasse, doch seine Unschuldsmine und seine Neigung zum Pathos fügen sich passgenau in die melodramatische Inszenierung. Bonham Carter und Fiennes glänzen wie gewohnt in ihren Rollen, auch wenn ich etwas müde bin, Frau Bonham Carter ständig als geistig debile, mysteriöse Drahtzieherin zu erleben. Es sind nicht die Schauspieler, die dafür verantwortlich sind, dass die Figuren nur schwer überzeugen können. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass hier Charaktere und nicht Menschen verkörpert würden. Als spielten die Darsteller bewusst konstruierte, literarische und somit letztlich leblose Figuren, statt sich der authentischen Verkörperung realistischer Personen zu widmen.

Vielleicht liegt es zudem am Drehbuch von David Nicholls. Auch wenn dieser natürlich für die Geschichte selbst nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, rollt er die Hintergründe Pips unverhofften Wohlstands ein wenig zu turbulent auf. Plötzlich reiht sich Offenbarung an Offenbarung, eine skandalöser und dramatischer als die andere. Diese unerwartete und unwahrscheinliche Verknüpfung der verschiedenen Handlungsstränge und Figuren erinnert ein wenig an den Plot mittelmäßiger TV Soaps, in denen bekannter Maßen die Protagonisten innerhalb weniger Jahre von ebenso vielen Schicksalsschläge ereilt werden, wie normale Menschen sie in ihrem ganzen Leben nicht erfahren. Was im Roman des 19. Jahrhunderts aufregend erscheinen mag, wirkt in dem gewisser Maßem dem Realismus verpflichteten Medium Film heutzutage gestelzt. Meiner Meinung nach ist es Nicholls leider nicht gelungen, die Geschichte in ein zeitgenössisches Konzept zu überführen.

Der Fairness halber muss ich aber an dieser Stelle unbedingt hinzufügen, dass Mike Newell mitnichten eine rein naturalistische Herangehensweise wählt. Insbesondere die Inszenierung von Miss Havisham verweist – das mag auch an Helena Bonham Carter liegen – auf das Horror- oder Fantasygenre. Es handelt sich klar um Fiktion und nicht um ein Historiendrama. Solche Brüche mit einer naturalistischen Literaturverfilmung wachsen sich jedoch nicht zu einem eigenständigen Stilmittel aus und wirken in der Konsequenz eher wie irritierende Ungereimtheiten des Konzepts. Da sind zu viele verschiedene Ansätze, die auf diverse Genres hindeuten, ohne dass diese konsequent durchgehalten würden. Melodram, Coming of Age, Thriller, Fantasy, Romanze… von allem ein wenig, dafür nichts richtig. In der Folge taumelt der Zuschauer ein wenig orientierungslos durch die Handlung und ist sich nicht sicher, durch welche generische Brille er die Geschichte nun sehen soll.

Auch der hektisch fuchtelnde moralische Zaunpfahl bildet einen Wermutstropfen. Zu deutlich ist die Unterscheidung zwischen den „guten“ Arbeitern und der „verdorbenen“ Oberschicht. Schläge werden grundsätzlich nur von oben nach unten ausgeteilt. Geld korrumpiert auch die gutmütigste Seele – das scheint ein wenig die Moral von der Geschicht zu sein. Für meinen Geschmack hätte diese Botschaft deutlich differenzierter ausfallen können. Was das Frauenbild angeht ist Luft nach oben geblieben. Miss Havisham erzieht Adoptivtochter Estella mit dem Leitbild, eine Frau könne nur dann Macht ausüben, wenn sie sich jegliche Emotionen versage. Auch wenn in diesem Ansatz sicherlich ein wenig Wahrheit steckt, so macht sich die junge Frau hiermit auf eine ganz neue Weise zum Opfer und ist vom Lebensglück ebenso weit entfernt, wie ihre traumatisierte Mutter. Ein Alternativmodell zu dieser Herangehensweise wird nicht vorgestellt.

Letzten Endes ist es besonders ernüchternd, dass von Große Erwartungen so wenig hängen bleibt: Keine Emotionen, die einen nachhaltig umtreiben, keine Anregungen für eigene Gedanken. Nur bekannte Schauspieler in bekannten Rollen, die eine bekannte Geschichte mit einer bekannten Moral darbieten. Da stellt sich mir doch wirklich die Frage, wozu wir diese siebte Verfilmung des Stoffes eigentlich brauchen!

KINOSTART: 13. Dezember 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

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