Güeros – Orientierungslos in Mexiko City

by on 02/08/2014
© Berlinale

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„Wo sind wir?“ fragt der kleine Bruder, als die drei jungen Männer in einem fremden Garten stehen, in dem Möhren wachsen, wie sie sie sich seit Monaten schon nicht mehr leisten konnten. „In Mexiko City“, lautet die schlichte Antwort des großen Bruders. In Berlin Kreuzberg gibt es einen ganz ähnlichen Garten. Kein Privateigentum sondern kollektiver Raum für den Anbau von Obst, Kräutern, Gemüse; Ort des Gedeihens eines neuen, eines jungen Verständnisses von Urbanität. Denn ob Berlin oder Mexiko-Stadt, das ist fast egal, wenn es um die eigene Existenz geht.

Die Mutter des besagten kleinen Bruders scheint von den existenziellen Sorgen ihres ältesten Sohnes allerdings nicht viel mitzubekommen. Als der Teenager eine Wasserbombe vom Dach fallen lässt, die auf dem Baby einer Nachbarin zerplatzt, reicht es ihr. Sie schickt Tomás (Sebastián Aguirre) zu seinem großen Bruder, der als Student in einer kleinen Dachgeschosswohnung in Mexiko City wohnt. Die Aussicht ist grandios, aber das war es auch schon mit den Vorzügen. Ihren Strom zapfen Fede (Tenoch Huerta) und sein Mitbewohner Santos (Leonardo Ortizgris) von den wenig begeisterten Nachbarn ab, Möhren standen schon lange nicht mehr auf dem Speiseplan und an ihrer Universität, der Universidad Nacional Autónoma de México, sind sie auch nicht von allen gern gesehen, weil sie gegen den Streik ihrer Kommilitonen streiken. Zuerst ist Fede von der Ankunft seines kleinen Bruders deshalb gar nicht angetan, aber Tomás trägt etwas Bedeutendes bei sich: eine Kassette ihres gemeinsamen Vaters mit Musik des schon fast vergessenen Epigmenio Cruz. Die Legende besagt, dass der mexikanische Sänger einst Bob Dylan zum Weinen gebracht habe, und obwohl sich kaum noch jemand an den Künstler erinnert, ist er für Fede und Tomás ein Held. Als sie in einer kleinen Zeitungsmeldung lesen, dass Cruz in ein Krankenhaus der Stadt eingeliefert wurde, entschließen sie kurzerhand, ihn besuchen zu fahren.

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Aus der Suche nach Epigmenio wird schnell so etwas wie ein Roadtrip, denn als die Suchenden im Krankenhaus ankommen, ist der halsstarrige Musiker schon längst wieder draußen. Das absurde ist nur, dass der Roadtrip niemals aus der Stadt herausführt. Die fünf Kapitel, in die Güeros grob unterteilt ist, zeigen stattdessen die verschiedenen Stationen an, die unsere Figuren ansteuern: Süden, Westen, Universitätscampus, Zentrum, Osten. Es ist keine zielgerichtete Reise, eher das orientierungslose Treibenlassen einer Gruppe junger Menschen, die beim besten Willen nicht wissen, was das Leben ihnen noch zu bieten hat. Und schon wieder liegt der Vergleich zu Berlin nicht weit: Güeros ist gewissermaßen das mexikanische Oh Boy. Ein Student ohne Geld oder Perspektive, mit eigenwilligen Zeitgenossen und überforderten Eltern, die eigene Existenz scheint sich beinahe in Bedeutungslosigkeit zu verlieren, das Ganze festgehalten in schwarz-weißen Bildern.

Und dann ist da noch das Format 4:3, ein Kopfnicken hin zur Französischen Nouvelle Vague, die diesen Film ebenfalls hervorgebracht haben könnte. Immer wieder unterbrechen nahtlose Einschübe die Handlung, in denen Güeros plötzlich wirkt wie sein eigenes Making Of. Da werden Kameras und Crewmitglieder sichtbar, diskutieren die Schauspieler ihren Dialog oder nehmen sich selbst auf die Schippe: „Da kommen ein paar Typen dahergelaufen, drehen einen Film in Schwarzweiß und nennen das Kunst.“ Zum Glück ist das Werk von Alonso Ruíz Palacios dann aber doch mehr als bloß ein leeres Gefäß, das Versatzstücke alter Filmtraditionen aneinanderreiht. Obwohl Güeros noch nicht einmal in unserem Jahrzehnt spielt, sondern im Jahre 1999, beschreibt der Film mit seinem Coming-of-Age-Motiv eine Thematik, die aktueller nicht sein könnte. Junge Menschen haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie fügen sich in das System und erleben, wie ihr Realismus zu Pessimismus wird aber Resignation sich trotzdem niemals lohnt. Oder sie kämpfen engagiert für den gesellschaftlichen Wandel – so wie Anna (Ilse Salas), Fedes erklärter Schwarm – und bemerken früher oder später, dass Veränderungen oft nicht so leicht oder schnell zu bewerkstelligen sind, wie es voll von jugendlichem Idealismus zuerst scheint. Egal ob Berlin oder Mexiko City. Und dennoch: Es ist nie alles verloren. Schon gar nicht, solange es immer wieder junge Leute gibt, die sich für einen dieser Wege entscheiden. Gegen Ende steht das Auto unserer Reisenden mitten in einer Demonstration und diesmal ist es der große Bruder, der fragt: „Wo sind wir?“ „In Mexiko City“, lautet die Antwort des kleinen Bruders.

Güeros auf der offiziellen Berlinale-Website

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