Härte – Toupiertes Haar und Brutalität in der Pappkulisse

by on 02/06/2015

Walter aus dem Frauenknast und das Dschungelcamp, das sind wahrscheinlich die häufigsten Assoziationen, wenn der Name Katy Karrenbauer fällt. Deswegen geht auch ein Raunen durch den Saal, als sie auf der Kinoleinwand auftaucht – mit Küchenschürze, Lidstrich und toupierter Sechziger-Jahre-Frisur. In Härte von Rosa von Praunheim spielt sie eine Mutter, die Liebe und Nötigung nicht auseinanderhalten kann.

Noch so ein Name, der schnell Assoziationen wach ruft: Andreas Marquardt. Der vielfach preisgekrönte Kampfsportler hatte jahrelang als brutalster Zuhälter und Frauenhasser der Berliner Unterwelt gegolten und deswegen irgendwann auch jahrelang im Knast gesteckt. Härte, das ist der Titel seiner Autobiografie, die vor allem Kindheit und Jugend des Mannes aufarbeitet, der heute als geläutert und resozialisiert gilt und in Berlin Neukölln seine eigene Kampfsportschule leitet. Nur verzeihen kann er bis heute nicht. Denn die Mutter, die Katy Karrenbauer so skizzenhaft verkörpert, hat es wirklich gegeben. Vom Vater geschlagen und im Winter nass auf den Balkon gestellt, von der Mutter ab dem sechsten Lebensjahr sexuell missbraucht, so sah sie aus, die Jugend des Andreas Marquardt.

© Berlinale

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Rosa von Praunheim hat aus der Autobiografie des Mannes eine filmische Mischform gemacht, in der Inszenierung und Dokumentarisches miteinander verschwimmen. Mit illusorischem Reenactment wie aus den Dokumentationen auf N24 hat das aber nichts zu tun. Der Regisseur baut Kulissen aus Pappe auf, wie in alten Fernseh-Unterhaltungsshows, schaltet die Kamera auf schwarzweiß und stellt in groben Strichen gezeichnete Figuren in diese Uralt-Medienlandschaften. Point-of-Views-Shots deuten in den ersten Minuten des Films an, wie der kleine Andreas (in den Spielfilmszenen übrigens von Hanno Koffler verkörpert) sich in seinem prekären Elternhaus gefühlt haben dürfte. Später ist es nötig, den Zuschauer mit der Kamera eher auf Distanz zu halten, denn trotzdem Härte die geradezu tragische Geschichte eines Mannes erzählt, der ein Produkt seiner Lebensumstände wurde, bleibt er letztlich trotzdem eine zutiefst ambivalente Person. Dass Marquardt mehrere Lebensgefährtinnen gleichzeitig hatte, zählt dabei zu den akzeptabelsten Aspekten seiner Vergangenheit. Er verdingte sich als brutaler Geldeintreiber, verführte mit falschen Versprechungen seine jungen Bekanntschaften systematisch zur Arbeit als Prostituierte, drohte, unterdrückte, schlug blind vor Hass zu, weil seine Freundin am Heiligabend lieben feiern als arbeiten wollte und sprach ausschließlich zärtlich mit seiner goldenen Rolex.

Und auch die Gegenwart bleibt letztlich ambivalent. Noch immer hat Marquardt diese Art, so betont verbindlich und fürsorglich mit Frauen zu reden, als seien sie nichts als schutzbedürftige Wesen. Auch wenn ihm das vielleicht gar nicht bewusst ist und er die Taten seiner Vergangenheit durchaus bereut. Deutlich wird dies in den Szenen mit Marion Erdmann, der Frau, die all die Jahre bei ihm geblieben ist, obwohl auch sie zum Opfer wurde. Als Zuschauer_In ist man geneigt, ein wenig ungläubig auf diese beiden Menschen zu schauen, und sich zu fragen, wie um Himmels willen das eigentlich bis hierher funktionieren konnte. Er werde sie wohl bald zu seiner Frau machen, erklärt Marquardt denn auch, das habe sie sich verdient. Marion Erdmann steht daneben und lächelt. Sind sie eigentlich noch immer gefangen oder freier als der Rest von uns? Der Film lässt diese Frage offen. Rosa von Praunheim wandelt dabei ununterbrochen auf einem schmalen Grad: bestaunen ja, herabschauen nein, verständlicher machen ja, rechtfertigen nein. Mehr als dass er nacherzählt, stilisiert er und fängt damit die verklemmte Verschwiegenheit der alten Westberliner Gesellschaft eindrücklicher ein, als es durch Archivmaterial wahrscheinlich je möglich wäre. Ohne Nostalgie, ohne Sentimentalität, nur Härte.

Härte auf der offiziellen Berlinale-Website

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