Hardcore – Kennt man eigentlich dieses Call of Duty?

by on 04/04/2016

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© Capelight

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„Kennt man eigentlich dieses Call of Duty?“ Mit dieser naiven, aber ernst gemeinten Frage, war ich vor einigen Jahren imstande, eine Redaktion in eine kollektive Lachsalve zu versetzen. Vor ein paar Monaten durfte ich meinen Blog Filmlöwin auf Radio Fritz in der Rubrik „Blogger privat“ vorstellen. Während des Interviews wurde mir auch die Frage gestellt, welches Spiel ich als letztes „gezockt“ hätte. Äh… keins?! Auch diese Antwort sorgte für Amüsement.

Nein, ich spiele nicht. Die wachsende Welt der Computerspiele ist mir vollends fremd und hätte es da nicht meine liebe Kollegin Rae gegeben, inzwischen Chefredakteurin von gamespilot, wüsste ich wohl bis heute nicht, was denn eigentlich dieses Call of Duty ist.

Vielleicht bin ich also die falsche Person, um einen Film wie Hardcore zu besprechen, der sich selbst in der Tradition der Ego-Shooter ansiedelt. So informiert mich das Presseheft statt einer Inhaltsangabe: „Nicht dein Ernst, oder? Hast Du schon mal einen Langinhalt zu Call of Duty, Crank oder Doom gelesen? Eben!“ Dann aber wieder bin ich vielleicht genau die richtige Person, da mein Blick eben nicht durch die Begeisterung für eines dieser Spiele verschleiert ist, sondern gerade zu jungfräulich, vor allem aber analytisch an den Gegenstand herangehen kann. Mein Fazit: Hardcore ist die konsequente Adaption einer Spiele-Dramaturgie für die Kinoleinwand. Aber nicht nur das: Hardcore führt uns damit im selben Moment auch vor Augen, wie sich die Dramaturgie des Blockbusterkinos grundsätzlich verändert hat und womit diese Veränderung zu tun hat.

Regisseur Ilya Naishuller hat seinen Actionfilm mit Hilfe sogenannter GoPro-Kameras durchgehend aus der Perspektive seiner Hauptfigur gedreht – und zwar nicht nur visuell, sondern auch inhaltlich. Das bedeutet, dass wir ebenso ahnungslos in die Geschichte hineinstolpern wie der Held Henry, der als Cyborg ohne Erinnerung an sein früheres Leben aus dem Koma erwacht. Vor ihm steht eine auffallend sexy gekleidete Wissenschaftlerin, die sich als seine Ehefrau vorstellt. Und noch bevor uns, äh Henry, eine Stimme programmiert werden kann, fällt auch schon Bösewicht Akan (Danila Kozlovsky) in das Labor ein und eine knapp 90-minütige Verfolgungsjagd beginnt.

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Durch die subjektive Kameraperspektive, in die für gewöhnlich zwei bewaffnete Arme ragen, wecken selbst bei Ahnungslosen wie mir umgehend die Ego-Shooter Assoziation. Aber nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Dramaturgie und der Handlungsverlauf erinnern verdächtig an Computerspiele. So entwickeln sich die Ereignisse weitgehend zirkulär. Henry gerät von einer Situation der Bedrohung in die nächste, muss sich stets gegen eine Überzahl von Angreifern zur Wehr setzen, wird in der Regel in letzter Sekunde von dem geheimnisvollen Wissenschaftler Jimmy (Sharlto Copley) gerettet und macht sich mit Hilfe von GPS-Koordinaten auf zum nächsten Level. Dort gibt es dann wieder kämpferische Auseinandersetzungen, eine haarsträubende Rettung in letzter Sekunde und weiter geht’s. Bis Henry dann irgendwann vor seinem Endgegner steht. Von Handlung kann dabei tatsächlich kaum die Rede sein. Zwar enthüllt Naishuller in seinem Drehbuch tatsächlich Schritt für Schritt ein paar wenige Zusammenhänge, doch mit einer Narration hat das nur wenig zu tun.

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Dementsprechend kann Hardcore auch keine Charakterentwicklung bieten. Wie denn auch, ist doch die Figur des Henry nichts mehr als eine Leerstelle. Die subjektive Kameraperspektive suggeriert eine Identifikation, die keine ist, denn Henry besitzt keinerlei Persönlichkeit, in der sich das Publikum wiederfinden könnte. Theoretisch sollen die Zuschauer_innen wohl diese Leerstelle füllen – tatsächlich aber bleiben sie durch ihre ungemein sichere Position im bequemen Kinosessel meilenwert vom Schlachtfeld auf der Leinwand entfernt. Da Hardcore weder eine spannende Handlung, noch interessante Figuren zu bieten hat, gibt es nur einen einzigen Grund, am Ball zu bleiben: die Freude an drastischer Brutalität. Und wer diese Freude nicht besitzt, der wird sich – so wie ich – zu Tode langweilen.

Statt also eine lineare Geschichte zu entwickeln und mit Wendepunkten zu strukturieren, schickt der Film seinen Helden durch austauschbare Levels, die eine immer gleiche Choreographie der Gewalt in immer neuen Settings darstellen, und einen von jeglicher Moral befreiten Genuss blinder Mordlust bieten. Frauen existieren in dieser Welt ausschließlich als sexualisierte Objekte. Kurzum: Hardcore ist wie ein Walkthrough auf YouTube. Nur viel, viel länger.

Aber, und hier wird es interessant, Hardcore kann uns trotzdem eine ganze Meng erzählen. Denn Ilya Naishuller treibt nur eine Tendenz ins Extrem, die das massentaugliche Abenteuer- und Actionkino schon viele Jahre aufweist. Dass Handlungsverläufe nur eine Actionszene lose an die nächste reihen, anstatt eine Geschichte zu erzählen, dass sich Helden von einem Szenario ins nächste kämpfen, anstatt eine charakterliche Entwicklung zu vollziehen, dass übertrieben sexualisierte Frauenfiguren lediglich dazu dienen, die tapferen männlichen Helden zu eben jenen zu machen, dass Figuren keine eigene Persönlichkeit besitzen, sondern ausschließlich als möglichst breitentaugliche und zugleich schmeichelhafte Projektionsfläche für ihre Zuschauer_innen fungieren – all das sind Merkmale, die sich in fast jedem Marvel-, Action- oder Fantasyfilm finden lassen. Der Hobbit – und zwar alle drei sich in ihrer Überflüssigkeit gegenseitig überbietenden Teile – ist eines der besten Beispiele dafür.

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Hardcore führt uns also nur vor Augen, was aus dem zeitgenössischen Kino geworden ist. Die Cyborgs, die Bösewicht Akan in Hardcore als entseelte Kampfmaschinen dienen, sind nichts anderes als ein Bild für den modernen Menschen, der sich ohne Sinn und Verstand aus reinen Prokrastinationszwecken mit Mord und Totschlag von einem Level ins nächste kämpft, zunehmend verwachsen mit seinen Bedienhilfen, die sich vom mittelnden Controller zu unmittelbareren Techniken weiterentwickeln, um einen immer direkteren Zugang zur Gewaltorgie zu ermöglichen. Mitten drin statt nur dabei.

Nein, Hardcore hat meine Meinung zu Ego-Shootern nicht geändert, hat mir kein neues Bild dieses Kulturphänomens gezeigt, sondern eine Bestätigung meiner bisherigen Vorurteile. Hardcore demonstriert eindrucksvoll, dass sich nicht nur die modernen Spiele immer mehr dem Filmgenre annähern – wie von Fans dieses Zeitvertreibs gerne betont wird – sondern sich auch das Kino dem Gaming-Genre annähert. Ich sehe das mit Bedauern, denn mir hat diese Art Kino nichts mehr zu bieten. Außer vielleicht eine Antwort auf die Frage: „Kennt man eigentlich dieses Call of Duty?“

Kinostart: 14. April 2016

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