High-Rise – Ein postmoderner Jenga-Turm

by on 03/29/2016

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© DCM Film Distribution

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Der Film beginnt genau wie das Buch, das J.G. Ballard 1975 veröffentlichte: mit Dr. Robert Laing, gespielt von Tom Hiddleston, der auf seinem Balkon den frisch gerösteten Schenkel eines selbst geschlachteten Hundes verspeist. Dann springen wir auf der Zeitachse drei Monate zurück, zum Tag seines Einzugs im High-Rise.

Ballards Science Fiction-Dystopie soll schon seit Jahrzehnten auf die große Leinwand gebracht werden, und schließlich hat der britische Regie-Liebling Ben Wheatley diesen Plan umgesetzt. Nach seinen eher kleinen Produktionen und dem schwarzweißen A Field in England darf Wheatley hier endlich auch einmal ausstattungstechnisch auf die Pauke hauen. Ein ganzer Supermarkt mit eigens designten Produktverpackungen im Stil der 1970er Jahre, Plattencover und Filmposter an den Wänden und schäbig schicke Post-Hippie-Mode machen High-Rise zu einem optischen Vergnügen. Einbußen gibt es dagegen – und das ist je nach Perspektive des Zuschauers zu begrüßen oder eben nicht – beim Ekelfaktor des Films. Weder Ben Wheatley, noch J.G. Ballard haben eigentlich nennenswerte Hemmungen, wenn es darum geht, ihren Rezipienten mithilfe drastischer Darstellungen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Und doch zeigt der Regisseur weder ausufernd gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Stockwerken (diese Tatsache mag auch dem relativ schmalen Budget geschuldet sein), noch all die widerwärtigen Kleinigkeiten, die das Buch auszeichnen: das Schächten von Hunden und Pferden, Menschen, die ihre eigenen Wunden wieder öffnen und Katzen daran knabbern lassen.

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Ben Wheatleys Kamera schaut in den entscheidenden Momenten weg und dichtet lieber seinen eigenen Ekel um den Stoff herum. Am liebsten schmückt er Laings Job als Pathologen aus und lässt ihn genüsslich die Gesichtshaut von bleichen Schädeln ziehen und mit den Gefühlen ungeliebter Kollegen spielen. In seinem Film sind es vor allem die Figuren, die im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Laing, seine Nachbarin Charlotte Melville (Sienna Miller), der grobschlächtige Richard Wilder (Luke Evans), der aus seiner Wohnung in einer der unteren Stockwerke aufzusteigen versucht, und seine hochschwangere Frau Helen (Elisabeth Moss). Ganz oben thront Anthony Royal (Jeremy Irons) in seinem Penthouse, der Architekt des Ganzen. Nur, was dieses Ganze ist, dafür fehlt leider ein wenig das Gefühl. Zu Beginn bekommen wir einmal den Platz zu sehen, auf dem das utopische Bauprojekt verwirklicht wird: drei Hochhäuser in unterschiedlichen Baustadien ragen da dem Himmel entgegen – graue Ungetüme aus Beton, die obersten Etagen schräg aufeinander balancierend, als wären die Gebäude nur so dafür prädestiniert, dass in ihnen etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Es sieht gut aus, nur ein Gefühl für den Komplex will sich eben nicht so recht einstellen. Wo im Buch ausführliche Passagen die Stromausfälle beschreiben, die kaputten Müllschlucker, die dräuenden Geräusche aus Rohren und Schächten, müssen in High-Rise eilig montierte Collagen den Verfall der Gesellschaft anzeigen. Plötzlich liegen Müllberge in der schicken Eingangshalle, und schon steigt die nächste Party und übertrumpft in ihrem Alkoholkonsum und Gewaltpotential die der vorangegangenen Nacht.

Ben Wheatley ist Jahrgang 1972, ein Kind der Postmoderne, und in seinem Film lebt er dieses Erbe ohne Rücksicht auf Verluste aus. Vor allem während der zahlreichen Partyszenen sprudeln die mehr oder weniger subtilen Anspielungen nur so aus ihm heraus: so lässt er beispielsweise die Superreichen in den obersten Stockwerken in Marie Antoinette-Kleidern und gepuderten Perücken feiern, während im Hintergrund barock aristokratische Musik erklingt. Dann hier noch eine Referenz und da noch ein Zitat, ABBAs „S.O.S.“ in einer extrem verlangsamten Version und Margaret Thatchers Rede über den Kapitalismus, fertig ist der Jenga-Anspielungs-Turm. Wheatley treibt dieses Spiel, bis es beliebig wirkt. Bis jeder erdenkliche Zuschauertyp daran etwas findet, woran er sich seine Wunschinterpretation des Films zusammenbasteln kann. Die besten Ideen dabei – das ist schade für Wheatley – entstammen schon der Vorlage Ballards. Und einige besonders spannende Dynamiken des Buchs – zum Beispiel Laings Verhältnis zu seiner Schwester – hat der Regisseur drastisch abgeändert oder gar ganz gestrichen. High-Rise fühlt sich an, als hätte er mit so viel Euphorie und übersprudelnder Fantasie das Buch gelesen, dass ihm dabei der Blick für den roten Faden der Geschichte abhanden kommen musste. Er kann es auch nicht bei der so wunderbar funktionierenden Klammer der Vorlage belassen: Laing, der am Ende wieder auf seinem Balkon sitzt und den Hund verspeist. Man wünscht sich an dieser Stelle, auf der Zeitachse noch einmal drei Monate zurückzuspringen und einen neuen Versuch zu wagen.

Kinostart: 30. Juni 2016

Im April im Programm der Fantasy Film Fest Nights

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