Hungry Hearts – Löwenmütter ohne Tabus

by on 09/01/2014
© Rai Cinema

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Es ist ein Kennenlernen aus der Hölle. Was könnte peinlicher sein, als der Frau seines Lebens just dann zu begegnen, wenn man auf Grund einer Darmverstimmung gerade die Toilette eines Restaurants in eine olfaktorische Güllegrube verwandelt hat? Und dann werden Mina (Alba Rohrwacher) und Jude (Adam Driver) auch noch in dieser stinkenden Nasszelle eingesperrt!

Es brauchte nur diese eine Szene, ohne Schnitt und auf engstem Raum gedreht, um mich in Saverio Costanzos Hungry Hearts zu verlieben. Zum einen liegt das an Alba Rohrwacher und Adam Driver, zwei so erfrischend natürliche Schauspieler jenseits der viel zu perfekten Hollywood-Mannequins, die umgehend eine Leinwandchemie hypnotischer Wirkung entfalten. Auch die folgenden Szenen ihrer frischen Liebe sind so lebensecht, so herzerfrischend, so voller Zärtlichkeit, dass man sich daran gar nicht satt sehen kann. In ihrer bezaubernden Leichtigkeit erinnern sie stark an Blue Valentine und leider erweist sich der Vergleich als nur allzu passend. Denn der romantische Auftakt fungiert hier nur als Basis für das eigentliche Thema des Films, die folgende Beziehungskrise, die durch Minas wachsende Neurose ausgelöst wird. Nachdem die junge Frau ungewollt schwanger geworden ist, entwickelt sie eine Obsession mit Reinlichkeit und Gesundheit. Den Schulmedizinern traut sie nicht. Das Baby muss mit Hilfe alternativer Medizin auf die Welt kommen und unter allen Umständen vegan ernährt werden. Erst als die Mangelernährung sichtbare Konsequenzen verursacht, gibt Jude seine Beobachterperspektive auf und greift ein.

Die große Tragik der Geschichte entspringt eben jener zärtlichen Liebe, die Saverio Costanzo zu Beginn so eindrücklich vermittelt hat. Jude liebt seine Frau über alles und all ihrer Taten zum Trotz. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht, die kleine Familie als solche zu erhalten, und der Angst um das Leben seines Sohnes. Und auch die Inszenierung bleibt ambivalent. Als Zuschauer können wir uns niemals sicher sein, ob Mina mit ihren Theorien von gesunder Ernährung und mütterlichem Instinkt nicht vielleicht doch Recht hat. So werden wir in diesen schwierigen Konflikt mitten hineingezogen, können uns den widersprüchlichen Gefühlen selbst nicht entziehen. Dass Hungry Hearts eine derart starke Wirkung entfaltet, ist in erster Linie Alba Rohrwacher zu verdanken, die hier eine immens bewundernswerte Schauspielleistung abliefert. Zart und liebenswert, zuweilen diabolisch, wenn nicht gar wahnsinnig – all diese Facetten zeigt sie im Laufe des Films und kann so bei aller Grausamkeit stets ein Fünkchen Sympathie für sich verbuchen. Auch das Auftreten von Judes Mutter Anne (Roberta Maxwell), die eine ebensolche – zuweilen übertrieben wirkende – Bedrohlichkeit entwickelt, macht deutlich, dass es Costanzo nicht darum geht, Mina zu verurteilen. Vielmehr zeigt er die Macht und Kraft der Mutterliebe bis hin zu ihren pathologischen Auswüchsen. Wie sehr die Löwenmütter auch über das Ziel hinausschießen, letztlich können wir nicht anders, als sie für ihren Mut zu bewundern.

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Mit fortschreitender Handlung wird Hungry Hearts vom zarten Liebesfilm mehr und mehr zum bitterbösen Thriller, der nun weniger an Blue Valentine und mehr an Rosemaries Baby oder The Harvest erinnert. An dieser Stelle droht Costanzo mit seinen schiefen Kamerawinkeln und verzerrten Bildern ein wenig über das Ziel hinauszuschießen. Der Film bewegt sich zu sehr in eine surreale Richtung und verliert dabei eben jene Natürlichkeit, die zuvor sein hervorstechendstes Merkmal war. Die veränderte Wahrnehmung ist aber auch ein Weg, den Zuschauer in die Krise der Protagonisten zu involvieren, denn auch Jude ist in seiner Not nicht mehr Herr der Lage, kann nicht mehr „klar sehen“.

Auf inhaltlicher Ebene verhandelt Hungry Hearts auch das Problem des mütterlichen Missbrauchs, denn Mina auf legalem Wege das Kind zu entziehen, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen. Damit verweist der Film auf den schwierigen Realzustand moderner Väter, die in Sorgerechtsfragen auch heute noch oft benachteiligt werden. Es ist interessant, dass dies innerhalb kürzester Zeit bereits der zweite Film ist, in dem ein liebender Vater die Misshandlungen einer psychisch kranken Mutter mit ansehen muss. Schon der eben erwähnte The Harvest, der auf dem Filmfest München zu sehen war, erzählte eine ähnliche, wenn auch klar im Thriller-Genre gerahmte Geschichte. In Verbindung mit meiner wiederholten Beobachtung, dass Väterfiguren in allen Genres – auch im Kinderfilm – zunehmend die Mütter verdrängen bzw. als Sympathiefiguren fungieren, während letztere abwesend sind oder als Antagonisten auftreten, müssen wir wohl auf eine große Relevanz des Themas schließen. Vaterschaft scheint etwas zu sein, das wir heutzutage verstärkt verhandeln, um das unsere Gedanken und Sorgen kreisen.

Doch auch wenn Hungry Hearts überhaupt gar nichts mit unserer Gesellschaft und Epoche zu tun hätte, wäre es immer noch ein herausragender Film, der mit großartigen Schauspielern und einer durchdachten Inszenierung komplexe Gefühle transportieren und den Zuschauer wahrhaft involvieren kann. Das ist großes Kino, wie ich es von einem großen Filmfestival wie Venedig erwarte.

One Response to “Hungry Hearts – Löwenmütter ohne Tabus”

  • quadzar says:

    Adam Driver ist mir schon in Girls und Frances Ha positiv aufgefallen (wie alle SchauspielerInnen in der Serie wie auch dem Film). Werd mir Hungry Hearts wohl definitiv mal antun.

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