Ice Age 4 – Voll Verschoben

by on 06/26/2012

© 20th Century Fox

Warum gibt es eigentlich so viele im Grunde bedeutungslose Filme?

Neulich unterhielt ich mich mit einer Regisseurin, die mir ihr Leid darüber klagte, dass das Kinopublikum nicht mehr in der Lage sei, anspruchsvolle Filme zu verstehen oder auch nur zu wertschätzen. Ich entgegnete, dass dies daran läge, dass Filme uns von Kind an als etwas angeboten werden, das leicht verdaulich und wenig kulturell anspruchsvoll ist. Ice Age 4 – Voll Verschoben ist das perfekte Beispiel für diese These und zeigt eindrucksvoll wie es zur Entstehung einer Generation kommen konnte, die Michael Bay als großen Künstler verehrt, während Woody Allen für diesen „New Yorker Künstler mit der großen Brille, der die Konservendosen malt“ gehalten wird.

Aber noch mal von vorne: In Ice Age 4 – Voll Verschoben treffen wir natürlich die alten Gesichter wieder: Das Faultier Sid (im deutschen Gesprochen von Otto Waalkes), den Säbelzahntiger Diego und Manni das Mammut – kurzum die coolste Herde, die es jemals gab. Aber das Leben wäre ja auch zu schön, wenn wir einfach immer weiter mit unseren besten Kumpels abhängen könnten. Und so kommt auch unseren tierischen Eiszeitfreunden die Familie in die Quere. Sids nervtötende Oma wird von der Restfamilie bei ihm zur Betreuung abgeladen und Manni quält sich mit seine pubertierenden Tochter Peaches (ob die Amis wohl die gleichnamige deutsche Musikerin kennen?…). Bis hierhin klingt es ja noch nach einer pädagogisch wertvollen Geschichte. Allerdings sind diese paar Sätze so ziemlich das einzige, was Ice Age 4 – Voll Verschoben an ernstzunehmender Handlung vorzuweisen hat. Die restliche Storyline setzt sich daraus zusammen, wie unsere Freunde von einer lebensgefährlichen Situation in die nächste stolpern, weil der vierbeinige Running-Gag Scrat auf der Jagd nach seiner heiligen Nuss die Kontinentalverschiebung auslöst.

Zugegeben: Scrat ist noch immer lustig. Nach wie vor kann ich nicht nachvollziehen, warum diesem liebenswerten Nager mit den großen Augen innerhalb des Franchises keine größere Bedeutung beigemessen wird. Vermutlich wollen die Macher einfach nicht ihren stets funktionalen Running-Gag riskieren. Das kann ich verstehen, denn die kurzen, von der Haupthandlung abgekoppelten Sequenzen, in denen Scrat seine Nuss sucht, gefallen mir eindeutig am besten. Allerdings frage ich mich auch an anderen Stellen, warum die gelungenen Elemente nicht stärker ausgekostet werden. Da gibt es zum Beispiel dieses Hamster-Volk (eine eindeutige Anlehnung an die indigenen Kulturen des frühen amerikanischen Kontinents, aber dazu an dieser Stelle keine Interpretation). Obwohl in den vorhergehenden Ice Age Filmen bereits vollkommen unterschiedliche Tierarten aufeinanderstießen, kommt es hier erstmals zu echten Sprachproblemen. Die Fantasiesprache, die die winzigen Eingeborenen sprechen, ist derart unterhaltsam gestaltet, dass ich ihr wirklich gerne länger als nur die wenigen Sekunden gelauscht hätte. An anderer Stelle tritt ein nicht gerade von Intelligenz gesegnetes, kleines rotes Huhn leider nur ein einziges Mal in Erscheinung, bringt aber den in meinen Augen besten Gag des ganzen Films. Warum diesen Figuren innerhalb der Handlung nicht mehr Raum geschenkt wurde, bleibt mir ein Rätsel.

Es ist aber ziemlich klar, was stattdessen diesen Raum einnimmt: Action. Stets besteht Lebensgefahr durch sich nähernde Felsberge, zerklüftende Erdschollen, blutrünstige Piraten, listige Sirenen auf hoher See… den kleinen Zuschauern wird keine Zeit zum Aufatmen gelassen. Aufatmen ist out, ebenso wie Denken. So scheint es mir. Denn während der erste Ice Age Film noch eine Geschichte von echter Freundschaft und des Überwindens gravierender kultureller Unterschiede zu berichten hatte, kann Ice Age 4 -Voll Verschoben nur mit der klassischen Geschichte vom reumütigen Teenager aufwarten („Papa is doof, ach nein, doch nicht, wie konnte ich das nur denken, ich böses, böses Mädchen“). Die aber haben wir schon so oft (besser) gesehen, dass uns auch diese wenigen emotionalen Momente in Ice Age 4 -Voll Verschoben keine Träne mehr abringen können.

Das Kinderpublikum hat sich trotzdem amüsiert. Insgesamt glaube ich, dass Ice Age 4 -Voll Verschoben stärker den Humor der kleinen als den der großen Zuschauer trifft. Zu viele Lacher werden durch Slapstick-Einlagen generiert, zu wenig Amüsement entsteht durch Sprachwitz oder subtile Scherze, die sich nur dem Erwachsenen erschließen. Bei mir blieb beim Verlassen des Kinos dieses schale Gefühl, dass eben diese Kinder, die in der Aneinanderreihung animierter Verfolgungsjagden den Höhepunkt cineastischer Freuden zu sehen glauben, zu eben jenen heranwachsen, die bei High Noon an Jackie Chan denken.

KINOSTART: 2. Juli 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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