Ich kam, sah und sneakte The Call

by on 06/21/2013

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Ich wollte Filmosoph werden! Es gibt daher von mir nun wöchentlich die Kolumne „Ich kam, sah und sneakte“ über die Sneak-Preview meines Vertrauens im Cinestar am Potsdamer Platz: Originalton, kein 3D und vor allem ein ziemlich gutes Publikum für Sneak-Verhältnisse. Daher möchte ich nicht nur jede Woche hier etwas über den Film schreiben, den ich gesehen habe, sondern auch etwas zu der Stimmung, um danach den Propheten zu spielen und zu sagen, wie erfolgreich der Film wohl in Deutschland im Kino laufen wird.

Vorhang noch zu!

Nach meiner langen Pause (u.a. Kurzurlaub in der Heimat, „Nippon Connection“ Filmfestival in Frankfurt) kann ich endlich wieder meine Sneak-Kolumne weiterführen. Ich hab es richtig vermisst – ehrlich! Daher freue ich mich umso mehr, wieder den gewohnten Ablauf eines Donnerstagabends erleben zu dürfen, inklusive der Begleitung von Micha natürlich. Ich habe heute gar keine Erwartungen, hab mir auch keine Gedanken gemacht, was so kommen könnte. Einfach, weil ich große Lust habe in die Sneak zu gehen. Ich bin auf jede Art von Film eingestellt. Diese Vorfreude vernebelte mir auch scheinbar das Gehirn, denn leider konnte ich heute beim Quiz keine Frage richtig beantworten. Auch wenn ich beim Erscheinungsjahr des ersten Superman Comics nur ein Jahr daneben lag. Asche auf mein Nerd-Haupt.

 Vorhang auf!

Das Logo des World Wrestling Entertainments wird eingeblendet und ich fange an zu lachen, habe aber auch ein wenig Angst. Was kommt denn jetzt? Ein John Cena Film? The Marine 2 oder sowas ähnliches? Mir bangt es. Es stellt sich aber heraus: Es spielt kein Wrestler mit. Warum die WWE diesen Film produziert hat, bleibt wohl erstmal ein Rätsel. Es handelt sich nämlich um The Call, einem Thriller mit Halle Berry. Um genauer zu sein handelt es sich um einen Konzeptfilm – so hoffe ich zumindest und so sieht es auch am Anfang aus: Jordan Turner (Halle Berry) arbeitet bei der Polizei im Notruf Callcenter. Als durch ihren Fehler eine junge Frau stirbt, gibt sie ihren Dienst auf und schult nur noch neue Telefonisten. Bei einer Führung muss sie aber einspringen und hat nun ein Mädchen (Abigail Breslin) am Apparat, die entführt wurde und im Kofferraum des Täters liegt. Die Ähnlichkeit zum ersten Fall ist unübersehbar und es entwickelt sich ein Verfolgungsthriller, den Jordan am Telefon mitbekommt.

© Square One Entertainment

© Square One Entertainment

In letzter Zeit gab es im Kino immer wieder Filme, die durch ihr hohes Tempo überzeugen konnten. Nicht nur waren diese Filme immer (oder meistens) spannend, sie haben durch dieses Tempo auch erreicht, dass Logikfehler oder unpassende Situationen nicht so aufgefallen sind. Bestes Beispiel ist da für mich Star Trek Into Darkness, den ich sehr mochte. Auch The Call hat sich diese Philosophie zu Nutze gemacht. In der ersten Hälfte des Films wird man mitgenommen auf eine wilde Verfolgungsjagd. Jordan versucht immer wieder neue Möglichkeiten zu finden, das Auto, mit dem der Killer und das Mädchen unterwegs sind, zu finden. Das Telefon, ein Pre-Paid Handy, kann nicht geortet werden. Der Killer muss mehrere Menschen auf seiner Fahrt töten und er wird immer ungemütlicher. Das Ganze hat, wie gesagt, ein enormes Tempo. Von einer Hürde für den Killer zur nächsten. Dann aber bricht der Anruf ab. Das Tempo fällt auf ein Minimum. Ich werde als Zuschauer aus der Achterbahn gerissen und finde mich in einem höchst wackligen Konstrukt wieder. Nun, da das Tempo weg ist, merke ich die Logik-Lücken, oder eher Logik-Schlaglöcher. Mir wird bewusst, wie klischeehaft die Charaktere sind und wie schlecht die Story eigentlich ist. Und diese Entwicklung spürt man auch im Kino. In der ersten Hälfte war der Saal still, man spürte wie jeder die Luft angehalten hat, jetzt aber wird der Film zu einer Farce. Jede zweite Szene wird mit ironischem Klatschen begleitet, die meisten Szenen werden belacht. Der Mix aus Torture-Porn wie Saw und Grusel-Horror wie Gothika funktioniert auf fast keiner Ebene. Auch, dass Jordan als Telefonistin die Heldin am Tatort spielen muss, ist unlogisch, dumm und schlecht inszeniert. Halle Berry und auch Abigail Breslin machen einen guten Job, doch die zweite Hälfte ist einfach zu schlecht, um diese Leistungen zu würdigen. Der Soundtrack ist absolut deplatziert und der Fokus auf den Killer überflüssig, da er keine neue Facette bietet und nicht interessant ist.

Ach, hätte man das Tempo doch einfach hoch gehalten und weiter am Telefon Verfolgungsjagd gespielt. Konzeptfilme sind dafür da, auch Konzept zu bleiben. Eine Frau am Telefon muss einem entführtem Mädchen helfen, sich gegen den Entführer zu wehren. Zwei Schauplätze, zwei Hauptcharaktere, eine böse Instanz des Killers im Hintergrund. Das hätte alles so gut werden können. So wurde es leider zu einem unfreiwillig komischen Erlebnis für den ganzen Kinosaal. Ein Film mit zwei Hälften. Leider war die falsche davon gut.

Vorhang zu!

Film-o-meter: Ich gab eine 5. Micha war (etwas) gnädiger und gab eine 6.

Sneak-o-logie: Der Film wird nur mäßig anlaufen in Deutschland. Halle Berry ist schon lange nicht mehr so ein Zuschauermagnet, wie sie mal war und auch sonst ist es ein Klischee Thriller, der wohl ein kleines Publikum finden, aber nicht die Massen anziehen wird.

Satz des Abends: Micha: „Wer hat der Frau eigentlich diese Friese verpasst?“ Als Anspielung auf Halle Berrys Haarbüschel auf dem Kopf.

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