Ieji (Homeland) – Kleine Katastrophen im Angesicht der Großen

by on 02/13/2014
© Berlinale

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Die Katastrophe von Fukushima ist mittlerweile unglaubliche zwei Jahre her. Die Berichterstattung der Medien war damals überwältigend. Live-Blogs wurden eingerichtet, alle Nachrichtensendungen schickten ihre Reporter nach Japan und im Nachklang der Ereignisse rang sich die deutsche Bundesregierung sogar zum Atomausstieg durch, wo nur Monate zuvor noch die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert wurden. Mittlerweile ist Ruhe eingekehrt, die Reporter tummeln sich auf anderen Schauplätzen. Dabei ist eine der drängendsten Fragen doch noch lange nicht geklärt: Was wird aus den Menschen, die von der Katastrophe ganz direkt betroffen waren? Die im Umkreis von Fukushima wohnten und, wenn nicht durch den Tsunami obdachlos geworden, so doch durch die Evakuierung im Nachhinein ihr Hab und Gut verloren?

So ergeht es auch Soichi (Seiyo Uchino), der mit seiner in die Jahre gekommenen Mutter (Yuko Tanaka), seiner Frau (Sakura Ando) und Tochter aus dem stattlichen Familiendomizil evakuiert wurde und in einer Übergangssiedlung untergekommen ist. Kleine rechteckige Wohncontainer reihen sich dort in schier endlosen Reihen aneinander und unterscheiden sich untereinander nur durch die Schuhe, die vor ihren Türen stehen. Eines Tages kehrt der jüngere Bruder Jiro (Kenichi Matsuyama) aus Tokio in die Region zurück. Er zieht jedoch nicht zu seiner Verwandtschaft in die Container, sondern illegalerweise zurück in das abgesperrte Gebiet unweit des Atomkraftwerks. Wegen der erhöhten Strahlung findet sich dort kaum noch eine Menschenseele – bis auf Jiros alten Schulfreund (Takashi Yamanaka), mit dem der junge Mann seine verlassene Heimatstadt erkundet und die vergifteten Felder neu zu bestellen beginnt. Die nervenzerreibende Situation beginnt an den Grundfesten der kleinen Familie zu rütteln: die Konkurrenz zwischen den Brüdern kocht wieder hoch, Soichis Ehe wackelt und die alternde Mutter wird langsam senil.

Nichts ist mehr, wie es einmal war in Ieji (Homeland), dem Spielfilmdebüt von Nao Kubota, das seine Weltpremiere im Panorama der Berlinale 2014 feiert. Und trotzdem versuchen die Menschen weiterzumachen so gut es eben geht. Bei scheinbar zusammenhangslosen Alltagstätigkeiten beobachten wir eingangs die Figuren, bevor sich uns ihre Beziehungen zueinander erschließen. Sie bereiten ihr Frühstück, richten ihre Unterkünfte her, nehmen an der gemeinschaftlichen Morgengymnastik teil oder sind auf dem Weg zur Arbeit. Aber dann wird doch schnell deutlich, dass der Alltag hier ein Erzwungener ist, dass das Leben all dieser Menschen gehörig aus der Bahn geraten ist. Die Wohncontainer bieten für Gemütlichkeit oder Privatsphäre nicht viel Spielraum, die Gymnastik findet in einer trostlosen Halle inmitten des Übergangslagers statt und Soichis Frau ist nicht etwa auf dem Weg zu einem x-beliebigen Bürojob, sondern verkauft ihren Körper, um der Familie etwas finanzielle Unabhängigkeit zu verschaffen.

© Berlinale

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Ein Vorzug von Ieji (Homeland) sind mit Sicherheit die doch sehr besonderen Locations. Zum einen ist da natürlich die mehrfach beschriebene Containersiedlung, in deren Gleichförmigkeit die Mutter in einer fast schon kafkaesk anmutenden Szene die Orientierung verliert. Noch viel absurder wirkt dann aber doch das verlassene Dorf der Familie, das Jiro mit seinem alten Freund neu entdeckt. Mitten auf den Straßen wächst dichtes Grün aus den Rissen im Beton und die Klassenräume in der Grundschule sehen so aus, als würde jede Minute die Klingel läuten und die Schüler von der großen Pause hereinstürmen. Wir kennen solche postapokalyptischen Settings zur Genüge aus allerhand Actionfilmen und vergessen über dem seltsam vertrauten Anblick fast, dass solche aufgegebenen Städte in Japan tatsächlich existieren. Hier droht immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken zu laufen, denn gruseligerweise wirkt die Umgebung völlig intakt. Keine zerstörten Gebäude, keine brennenden Autos oder verwüsteten Felder. Es sind einfach nur die Menschen von heute auf morgen verschwunden, denn die hier drohende Gefahr ist trotz ihrer Unsichtbarkeit überall. Vor der erhöhten Radioaktivität gibt es kein Entkommen und Nao Kubota vermag es durchaus, die beklemmende Atmosphäre der nur scheinbaren Idylle auf den Zuschauer zu übertragen.

Und doch: trotz des Settings, der gesellschaftlichen und politischen Relevanz seines Themas und einer durchaus interessanten Figurenkonstellation will es Ieji (Homeland) einfach nicht so recht schaffen, uns zu vereinnahmen und bei der Stange zu halten. Zu viel Potential bleibt ungenutzt, zu viele Handlungsstränge laufen schlicht unkommentiert ins Leere, statt Konsequenzen auszubilden. So wird beispielsweise die Prostitution der Ehefrau mit einer richtiggehend befremdlichen Beiläufigkeit abgehandelt. Natürlich steht die Frau nicht im Mittelpunkt der Geschichte, aber  dass ihre äußerst unkonventionelle Arbeit für die Figuren so wenig eine Rolle spielt, erscheint doch reichlich unglaubwürdig – gerade da die Familie sonst so viel Wert darauf legt, den Anschein von Normalität zu erwecken. Und auch rein visuell verschenkt Nao Kubota diverse Möglichkeiten. Er findet kaum Allegorien für die vermittelten Inhalte und seine Bildsprache entwickelt so auch keinen besonderen Reiz. Es ist paradox: Ieji (Homeland) geht vorbei und wir wissen ganz genau, dass der Film uns ob seiner thematischen Brisanz sehr viel mehr fesseln und beschäftigen sollte. Stattdessen stehen wir ihm doch mehr oder weniger gleichgültig gegenüber.

Ieji auf der offiziellen Berlinale-Website

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