Im August in Osage County – Vom Fluch, der sich Familie nennt

by on 03/05/2014
© Tobis

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Als ich diesen Text beginne, ist es bis zur Verleihung der Oscars 2014 noch ein paar Stunden hin und ich bin mächtig gespannt, denn zum nunmehr 18. Mal ist eine meiner absoluten Lieblingsschauspielerinnen nominiert. Dass zwischen den Kandidaten irgendwo der Name Meryl Streep steht, ist mittlerweile keine Überraschung mehr, es hat sich eher zu einem etwas müden Running Gag entwickelt. Die Frau selbst zeigt zum Glück gar keine Anzeichen von Müdigkeit. Sie liefert und liefert und liefert, verleiht selbst mittelmäßigen Filmkonzepten noch einen Hauch Anspruch und irgendwie ist alles an ihr preisverdächtig. Aber eigentlich soll das hier gar keine Ode auf Meryl Streep werden, sondern sich vielmehr einem Film widmen, der ebenfalls unheimlich stark von der Präsenz der Schauspielerin profitiert.

In Im August in Osage County verkörpert sie Violet, die Matriarchin der Familie Weston, Herrscherin über ein großes weißes Holzhaus im Herzen Oklahomas. Jahrzehntelang lebte sie dort mit ihrem Ehemann Beverly (Sam Shepard), der eines Tages einfach so durch die Terrassentür geht und nicht mehr wiederkommt. Als sich die Nachricht von seinem rätselhaften Tod verbreitet, kommen aus allen möglichen Ecken der USA die Kinder nach Hause. Barbara (Julia Roberts) hat ihre wenig begeisterte, pubertäre Tochter Jean (Abigail Breslin) und ihren untreuen Ehemann Bill (Ewan McGregor) im Schlepptau und die aufgebrezelte Karen (Juliette Lewis) kommt im roten Sportflitzer mit ihrem neuen Typen Steve (Dermot Mulroney). Nur die zurückhaltende Ivy (Julianne Nicholson) hat Osage County nie verlassen. Das hier wird also alles andere als ein tröstliches Zusammentreffen im Kreis der Familie. Durch eine schwere Krebserkrankung ist Violet drogenabhängig geworden, Beverly war ein alter Trinker und auch sonst schwelen unter der angekratzten Oberfläche der Familie Weston unausgesprochene Geheimnisse, Vorbehalte und Dramen.

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Es ist eigentlich durchaus gerechtfertigt, diesen Text mit dem Verweis auf eine seiner Hauptdarstellerinnen zu beginnen, denn wer Im August in Osage County sagt, muss auch Meryl Streep sagen. Zwar als Ensemblefilm angelegt, bietet die Theateradaption aber vor allem der Figur der Violet eine brüchige Bühne, die die mehrfache Oscarpreisträgerin mit all der ihr gegebenen Präsenz einnimmt. Oder einfach ausgedrückt: Die Anderen haben keine Chance. Meryl geifert und keift, sie tanzt wie im Rausch, wälzt sich wie besessen am Boden, schreit ihre Frustration heraus und wird im nächsten Moment ganz leise, ihre Stimme auf ein giftig manipulatives Flüstern reduziert, und wandelt sich von der rasenden Furie zum trotzigen Kind. Sie ist nicht nur von den Drogen völlig kaputt, sondern auch noch rassistisch und homophob – und irgendwie können wir makabererweise schon nach einigen Minuten nachvollziehen, wieso ihr feinsinniger, stiller Mann sich davon gemacht hat.

Da hilft auch die willentlich verklärte Sicht der Tochter Karen nichts, die sich nur allzu gern auf der Ansicht ausruhen möchte, ihre Eltern hätten es doch immerhin geschafft, 35 Jahre miteinander auszukommen. Wenn sie ehrlich sind, verschleppen die drei Töchter wie in jeder Familie die Neurosen ihrer Vorfahren in ihre eigenen Beziehungen. Als Barbara ihren Mann wegen seiner Geliebten konfrontiert, antwortet er ihr in einem Anflug von Ehrlichkeit: „Du bist anständig, liebevoll und ich liebe dich – aber du gehst mir auf’n Sack“, und ist sich dabei wahrscheinlich gar nicht so sehr bewusst, dass er gerade stellvertretend für einen Großteil Langverheirateter spricht. Regisseur John Wells scheut sich in Im August in Osage County wahrlich nicht davor, so lange schonungslos auf die dunklen Seiten seiner Figuren draufzuhalten, bis es selbst dem Zuschauer äußerst unangenehm wird. Besonders bei dem eine gefühlte Ewigkeiten andauernden Leichenschmaus wird die heiße, dicke, angestaute Luft im düsteren Esszimmer der Westons geradezu greifbar. Man ist fast schon dankbar für die eigene Familie – aber nur fast.

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So stark sich aber die Schauspielerriege gebärdet, so schwach erscheint mir jedoch der Unterbau des Dramas. Ja, es ist beinahe körperlich unangenehm, wie sich die Familienmitglieder bösartig bekämpfen, der Film tut durchaus manchmal weh. Und doch kann ich in Im August in Osage County nicht viel Neues entdecken. Klar, das ist auch keine zwingende Bedingung für einen soliden Film, und doch behagt mir das Gefühl nicht, dass John Wells Werk immer wieder etwas auf der Stelle tritt. Dass Barbara die unendliche Landschaft der sommerheißen Plains mit dem Gefühlszustand träger Melancholie vergleicht, ist keine bahnbrechende Metapher.

Das Drama ächzt unter der Fülle familiärer Katastrophen, die in so großer Vielzahl auftreten, dass man damit drei Drehbücher hätte füllen können. Da sind die Drogen- und Alkoholsucht, schwierige Kindheiten, Armut und kaputte Ehen, diverse Erkrankungen, Untreue und ihre Folgen, Enttäuschungen, Resignation und die Unfähigkeit zur offenen Kommunikation. Die Eltern werfen ihren Kindern die Tatsache vor, selbst kein so glückliches Heranwachsen erlebt zu haben wie die eigenen Sprösslinge, pflanzen ein schlechtes Gewissen in ihre Köpfe und vergiften sich damit nicht nur die Vergangenheit, sondern auch das gegenwärtige Verhältnis. Jeder wird in Im August in Osage County zumindest einen kleinen Teil seiner eigenen Familie wiederfinden und den Schmerz aushalten müssen, den dieser Film vielleicht ein wenig zu engagiert verursacht.

Kinostart: 06. März 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

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