Im Keller – Das Problem von Form und Inhalt

by on 08/30/2014

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© Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

© Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

Ulrich Seidl, der zuletzt mit der Paradies-Trilogie im Rampenlicht der internationalen Filmfestivals stand, spürt in seinem jüngsten Dokumentarfilm die sprichwörtlichen Leichen im Keller auf. Seine Protagonisten gewähren ihm erstaunlich tiefe Einblicke – nicht nur in die Untergeschosse ihrer Wohnhäuser, sondern auch in ihre Persönlichkeit. Da ist eine ältere Dame, die lebensechte Babypuppen bemuttert. Da sind Waffennarren, ein Blasmusiker mit starkem Hang zu Nazi-Reliquien und mehrere Freunde sadomasochistischer Machtspiele. All das zeigt Seidl in den gewohnten Tableaus, also statischen und wohlkomponierten Bildausschnitten. Seine Protagonisten blicken direkt in die Kamera und drehen damit den voyeuristischen Blick des Zuschauers kurzzeitig um. Insbesondere in der Aufnahme eines Hobbykellers, in dem etwa Jugendliche auf einer Couch lümmeln und ungerührt, um nicht zu sagen missmutig, in die Kamera schauen, fühlte ich mich tatsächlich angestarrt. Doch die Tableaus haben noch einen anderen, recht verhängnisvollen Effekt: Sie erzeugen Komik.

In Paradies: Hoffnung, dem einzigen Seidl-Film, den ich bislang gesehen habe, waren es gerade diese oft geometrischen Bildkompositionen und ihre skurrile Komik, die mich so begeisterten. Sie verweisen auf das inszenatorische Moment des Films und erzeugen damit eine ganz eigene Brechung der filmischen Illusion. Der Kontrast mit den lebensnahen Figuren und Geschichten bringt uns zum Schmunzeln, ohne jedoch die Figuren auf der Leinwand ins Lächerliche zu ziehen.

Beim Dokumentarfilm jedoch geht diese Rechnung meines Erachtens nicht auf. Ulrich Seidl platziert seine Protagonisten sehr bewusst im Tableau ihres Kellers. Der Authentizitätsanspruch des Zuschauers durch das Genre-Label „Dokumentarfilm“ kollidiert nun mit dem ganz offensichtlich inszenierten Bildausschnitt. Dass alle Menschen in diesen Bildern reglos in die Kamera schauen, verstärkt das Gefühl, es ginge hier nicht mir rechten (= realitätsgetreuen) Dingen zu. Immerhin liegt in dieser Wirkung auch eine gewisse Ehrlichkeit, denn Seidl bildet hier die Realität in der Tat nicht einfach nur ab, sondern überzeichnet die einzelnen Szenen auch inhaltlich. Das eigentliche Problem liegt jedoch in der Komik der skurrilen Nahezu-Standbilder. Wie auch die unkommentierten Selbstdarstellungen der Protagonisten erzeugt die Nüchternheit der Inszenierung in Kontrast mit den außergewöhnlichen Hobbys und Lebensstilen der Menschen starke Komik, die uns jedoch den Respekt vor den Kellerbesitzern verlieren lässt. Sicher haben viele Lacher ihre Ursache auch in unserer Scham, weil wir eigene verdrängte Persönlichkeitsanteile wiederentdecken. In anderen Fällen jedoch verhindert das Lachen eine ernsthafte Auseinandersetzung und beinhaltet zugleich eine Abwertung des Menschen auf der Leinwand. So zum Beispiel beim erwähnten Fan der Nazi-Reliquien, der mit der schon erwähnten Gleichgültigkeitsmiene von seinem schönsten Hochzeitsgeschenk – einem Hitler-Portrait – und dem jährlichen Sommerurlaub im ehemaligen Führerhauptquartier erzählt. Richtig schwierig wird es dann bei der Masochistin, die von Bondage-Seilen umsponnen über ihre Erfahrungen mit schwerer häuslicher Gewalt berichtet. In diesem Kontext wirkt die erotische Neigung lächerlich, bestenfalls neurotisch. Sie und ihren Lebensstil zu respektieren, fällt schwer.

© Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

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Zwei große Themenkomplexe lassen sich in den österreichischen Kellern ausmachen: Waffen und Sex. Dies sind wohl die Dinge, über die wir Menschen aus Scham nur ungerne sprechen. Insbesondere beim Thema sexueller Fetische musste ich unweigerlich an Jan Soldat denken, dessen Filme ähnliche Themen aufgreifen, den Protagonisten jedoch mit weitaus größerem Respekt begegnen. Soldats Inszenierungen sind extrem nüchtern. Wann immer Komik entsteht, entspringt sie ganz dem Protagonisten oder dem Zuschauer, nicht aber der Inszenierung. Auch ist seine Darstellung weit weniger voyeuristisch. Seidl jedoch schießt mit seinen wiederholten und ausgedehnten Szenen sadomasochistischer Spiele über das Ziel hinaus. Auch hier verliert wohl so mancher Zuschauer im krampfhaften Versuch, sich durch nervöses Lachen abzugrenzen, den Respekt vor den Menschen auf der Leinwand.

Während Jan Soldat mich dazu herausgefordert hat, sogar meine Einstellung zu sexuellen Beziehungen mit Tieren zu überdenken (wenn auch ohne Erfolg), musste auch ich mich bei Im Keller innerlich abwenden. Ich wollte diese Art intimer Einblicke nicht sehen, wollte der Bloßstellung der Protagonisten nicht beiwohnen. Und die unkommentierte Nebeneinanderstellung von häuslicher Gewalt und BDSM machte mich schließlich sogar wütend. Die Ambivalenz von Dokumentarfilm und gestellter Inszenierung ist meines Erachten die falsche Form für derart intime und streitbare Themen.

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