Inside Llewyn Davis – Schon immer da und niemals alt

by on 10/21/2013

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© Studiocanal

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Mich lässt permanent das Gefühl nicht los, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein. Schon klar, wir leben in einer immens spannenden Zeit, das finde ich auch. Aber mal ehrlich: in den Sechzigern und Siebzigern war einfach die Musik viel besser. Ob nun Punkrock, Blues oder Folk: Musik war Programm. Musik war Lebensentwurf und Attitüde, Rebellion und Ausdruck des Innersten. Der Folk ist aber nach einer langen Durststrecke auch heute wieder salonfähig, und vielleicht trägt ja Inside Llewyn Davis zu einem kleinen aber feinen Hype bei. Wenn das wohl ein Film schaffen kann, dann der neue Streifen von Joel und Ethan Coen, denn der scheint modern zu sein und trotzdem geradewegs aus der Hochzeit der Folk Music zu kommen.

Auch für Llewyn Davis (Oscar Isaac) bedeutet der Folk alles. Er ist ein Musiker im New York City der 1960er Jahre und tingelt mit seiner Gitarre und seinen Songs durch die kleinen Clubs. Während sich in der Stadt die großen Künstler die Klinke in die Hand geben, will seine Karriere aber nicht so recht zünden. Ein eigenes Dach über dem Kopf wäre schon zu viel verlangt, stattdessen schläft Llewyn jede Nacht auf der Couch eines anderen Bekannten, lebt von Tag zu Tag, schwängert in schöner Regelmäßigkeit die Frauen in seinem Leben und macht sich damit nicht nur Freunde. So gefühlvoll wie sich der Musiker in seinen Lieder zeigt – so überfordert ist er, wenn es im wahren Leben daran geht, Emotionen zuzulassen und auf andere Menschen zuzugehen. Als er eines Morgens die Wohnung eines Freundes verlässt, entwischt ihm dessen Katze, und so bleibt Llewyn nichts anderes übrig, als das Vieh den ganzen Tag mit sich herumzuschleppen. Obwohl er eigentlich nach Chicago will, um dort bei einem Studioboss vorzusingen.

© Studiocanal

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Als Inside Llewyn Davis beginnt, sehen wir den Künstler in einem der wenigen Momente, in denen er ganz mit sich im Reinen ist: auf der Bühne. „Wenn es niemals neu war und niemals alt wird – dann ist es ein Folk Song“, erklärt Llewyn seinem Publikum. Da ist was dran. Und nach diesem Prinzip funktioniert auch das Werk der Coen-Brüder. Mit seiner Thematik, seiner Musik und der rastlosen Atmosphäre könnte es glattweg in den 60er Jahren entstanden sein. Gleichzeitig ist Inside Llewyn Davis aber ein zeitloser, vielleicht sogar auch ein moderner Film. Die Selbstfindungsreise eines jungen Mannes ist ein Motiv, das bekanntermaßen schon in der Antike das Publikum brennend interessierte und das auch im 21. Jahrhundert nichts von seinem Reiz eingebüßt hat; weder in Kunstwerken, noch im wahren Leben.

Und was würde wohl besser zu einer melancholischen Selbstfindung, zu einem ziellosen Treiben passen, als der Folk? Joel und Ethan Coen gewähren der Musik all die Zeit, die ihr gebührt. Sie spielen die Songs aus, statt sie zu bloßem Soundtrack-Beiwerk verkommen zu lassen, und Oscar Isaac lässt es sich nicht nehmen, persönlich zu singen – mit einer erstaunlich schönen, ungeschliffen rauen Stimme. Wenn er da so perfekt atmosphärisch ausgeleuchtet im Halbdunkel mit seiner Gitarre auf der Bühne sitzt und Traditionals singt, dann hat Inside Llewyn Davis schon beinahe etwas von einem grandios gelungenen Konzertmitschnitt aus den Sechzigern.

© Studiocanal

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Und dann gibt es neben dem elaborierten visuellen Stil und der exquisit ausgewählten Musik der Coen-Brüder auch noch den typisch trockenen und oft abstrusen Humor, der sich durch all ihre Filme zieht. Es ist schon einen Lacher wert, wenn der R’n’B-Fistelstimmenking Justin Timberlake im flauschigen Wollpullover und mit adrett gestutztem Bärtchen Folksongs interpretiert. Dazu eine schwer fluchende Carey Mulligan, John Goodman als exzentrischer Jazz-Musiker und die abenteuerlustige Katze – fertig ist ein Coen-typischer Streifen voller kauziger Figuren und aberwitziger Situationen. Da braucht es auch keine hochgradige Spannung oder atemberaubende Twists. Das flüchtende Kätzchen bringt Action genug, und wer schon einmal das Gefühl hatte, nirgendwo wirklich dazuzugehören, keinen Plan B zu kennen, der wird auch Llewyns Reise als hinreichende Handlung anerkennen. Ein bisschen machen die Coen-Brüder es mit ihrem Film auch allen recht: ihren Fans und den Musikfreaks, den Hobbyphilosophen und den retroversessenen Hipstern. Aber der Folk war ja im Grunde auch für alle da – schon immer und für immer. Inside Llewyn Davis ist ein filmgewordener Folksong.

Kinostart: 05. Dezember 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

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