Interstellar – Der konzentrierte Blick des Matthew McConaughey

by on 11/03/2014
© Warner Bros.

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„Buuuh“, sagte ein Kollege hinter mir leise, aber doch deutlich vernehmbar, nachdem die letzte Einstellung aus Interstellar in der Pressevorführung von unseren Netzhäuten gewichen war. Nun ja, es war ein Kollege, den ich in meiner Journalisten-Typologie als ewigen Nörgler einstufen würde, und so darf man auf dieses großartig differenzierte Urteil wohl nicht allzu viel geben. Trotzdem lässt sich nicht verleugnen: die Meinungen zum neuen Werk von Christopher Nolan waren gemischt. Auch bei mir persönlich.

Dabei ist, das unterstelle ich einfach mal, den meisten filmbewanderten Menschen bewusst, womit sie bei einem Nolan-Film zu rechnen haben. Nämlich mit einem manchmal merkwürdigen Zwischending. Einem Werk, das gleichzeitig den Blockbuster- und den Philosophie-Anspruch an sich stellt. Das nicht mit bloßer visueller Reizüberflutung aufwartet wie viele Filme des modernen Actiongenres, sich aber trotzdem gern auf optische und akustische Überwältigung verlässt. Das kein volkstümliches Rührbröckchen sein will, aber doch ein recht entspanntes Verhältnis zum Pathos pflegt. Fragt sich, wie wir Zuschauer mit dieser wilden Ansammlung zurecht kommen.

Erst mal ist da die Geschichte, über die seit mittlerweile über einem Jahr spekuliert wird, denn kaum einem Film wird so entgegen gefiebert wie dem neusten Christopher Nolan. Mais. Nichts als hektargroße Maisfelder und Staubstürme. Das ist es, was im Großen und Ganzen von der Welt übrig geblieben ist. Überbevölkerung und Ausbeutung der Ressourcen haben ihre Wirkung gezeigt. Fast alle überlebenswichtigen Pflanzen sind längst zugrunde gegangen, die Menschen werden wieder in den Beruf des Farmers gezwungen, um die Lebensmittelknappheit wenigstens ansatzweise zu bekämpfen. Und während die Bevölkerung ums Überleben kämpft, müssen Wissenschaft und Forschung heimlich im Untergrund stattfinden – denn wer kann seinen Wählern schon hohe Ausgaben für Raumfahrtmissionen verkaufen, wenn zuhause nichts mehr auf den Tellern liegt? Cooper (Matthew McConaughey) leidet darunter. Er hat die Welt noch anders kennengelernt, als Pilot und Ingenieur gearbeitet, bevor er und seine Familie zum Leben als Bauern verdonnert wurden. Und dann der geheime Durchbruch: mithilfe von Wurmlöchern ist es möglich, ungeheure Strecken in der Raumzeit zurückzulegen. Das ist auch höchste Eisenbahn. Denn den Menschen auf der Erde geht nicht nur die Nahrung, sondern mehr und mehr auch die Luft zum Atmen aus.

© Warner Bros.

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In vielerlei Hinsicht hat der Regisseur mit Interstellar einen typischen Nolan abgeliefert, auch wenn wir hier eben Science Fiction zu sehen bekommen und keinen auf Hochglanz polierten Neo-Noir. Sein Spiel mit der Zeit lässt er sich nicht nehmen; Ellipsen, Parallelmontagen und das nichtlineare Erzählen dürfen nicht fehlen – und das liegt ja auch durchaus nah, in einem Film über Wurmlöcher. Es spricht für Christopher Nolan, dass die beinahe drei Stunden Laufzeit kaum wahrzunehmen sind – denn was wir sehen, ist spektakulär. Das All, ferne Galaxien und Planeten. Schwarz und grau dominieren, karge Landschaften und offensichtlich lebensfeindliche Umgebungen. Eis, Schnee, gefrorene Wolken, stahlgraues Wasser, leblos. Interstellar fehlt jedoch die kontemplative Eleganz von Gravity – und bei allen Parallelen zwischen beiden Filmen leider oft auch dessen Feingefühl.

© Warner Bros.

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Er verlangt dem Zuschauer vielmehr einiges ab. „Geht’s auch ein bisschen leiser?“, quittierte ein Zwischenrufer schon wenige Minuten nach Beginn die Lautstärke des Films. Wo Gravity mit der Dolby Atmo-Technik ganz neue Klangwelten erschuf, ist Interstellar oft einfach nur laut, was durch die Projektion im ohnehin aufgerüsteten IMAX-Kino wahrscheinlich noch potenziert wird. Das tut dem Film nicht immer gut. Zum Beispiel, wenn der Lärm so ohrenbetäubend dröhnt, das stellenweise der Dialog nicht mehr zu verstehen ist. Eigentlich passt das viele Krawumm aber recht gut zur Prämisse des Films, der sich durchweg bierernst nimmt. Ab und zu sorgt ein auf Sarkasmus programmierter Roboter für Schmunzelmomente, meistens sehen wir aber die in höchster Konzentration verkniffenen Augenbrauen von Matthew McConaughey, der selbstverständlich auch nach Jahren ohne Übung noch problemlos schwarzen Löchern entfliehen, Wurmlöcher durchqueren oder an rotierende Raumstationen andocken kann. Anne Hathaway tut sich recht gut hervor. Schauspieler_Innen wie Jessica Chastain oder Michael Caine bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück – was allerdings eher am Drehbuch liegt als an ihren Fähigkeiten. Auch in drei Stunden bleibt eben kaum Zeit für psychologische Profile, wenn es eine fremde Galaxie zu erkunden gilt.

Was die Wissenschaftlichkeit von Interstellar angeht, so kann ich mir kaum ein Urteil erlauben, auch wenn ich im Kino natürlich keine Vorlesung erwarte. Der Idee des Films zugrunde liegen die Thesen des Wurmloch-Forschers Kip Thorne, und mit meiner naiven Amateur-Faszination für das unendliche All und Zeitreise-Theorien reicht mir dieses Wissen völlig. Es gibt in dem Film aber tatsächlich die ein oder andere Stelle, an der Physik in Hollywood-Spiritualität umzukippen droht. Das unvermeidliche Gedöns von Liebe und Menschlichkeit, ihr wisst schon. Nicht nur ich habe mich in diesen Momenten gefragt, inwiefern sich das Geschehen auf der Leinwand noch mit tatsächlichen Theorien in Einklang bringen lässt. Interstellar hat schon allein durch die Narration bedingt eine Hürde zu meistern wie die meisten Science Fiction-Filme. Wie etwas Umgreifbares darstellen? Noch nie ist jemand wohlbehalten in eine fremde Galaxie gereist, schwarzen Löchern sollten wir tunlichst vom Leib bleiben und fünf Dimensionen kennen wir auch noch nicht. Der Regisseur findet anschauliche Wege, aber nicht immer wirklich plausible.

Wenn ich meine eigene Kritik lese, erscheint mir das Fazit zu Interstellar fast durchweg negativ. Eigentlich ist es das aber gar nicht. Denn Christopher Nolan kann einfach Wirkungen erzielen, dieser Fuchs. Wer ihn mag, wird auch diesen dreistündigen Höllenritt mögen. Ob ich die Überwältigung in Interstellar als positiv oder negativ wahrnehme, ist schlicht eine Frage der Erwartungen.

Kinostart: 06. November 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

2 Responses to “Interstellar – Der konzentrierte Blick des Matthew McConaughey”

  • Jan says:

    Schöne Kritik, die es mir allerdings nicht leichter macht, ob ich den Film nun sehen will oder nicht. Mit den letzten Filmen von Nolan erging es mir (mit Ausnahme von Dark Knight Rises) so, dass ich im Kino überwältigt war und mit jeder weiteren Sichtung mehr und mehr resigniert den Blick von dem Regisseur abgewandt habe.

    Wenn es sich allerdings tatsächlich um den typischen Nolan handelt, kann ich mir das Kinoticket auch sparen, immerhin weiß ich dann, was mich erwartet und dass das mehr Schall und Rauch ist als tatsächliche Unterhaltung.

  • Friendly says:

    Dieser Film schafft es, sowohl besonders gut als auch besonders mittelmäßig zur gleichen Zeit zu sein. Mit 169 Minuten Laufzeit hat er ja auch die Zeit dazu. Schlecht ist der Film, wenn zwei Wissenschaftler-Darsteller vor einem Whiteboard stehen und sich gegenseitig mit Pseudo-Physik zuschwurbeln. Gut ist er, wenn die schwarze Leere des Weltraums auf einmal unendlich zu sein scheint und das Raumschiff sehr, sehr klein.

    Mehr zum Film unter: http://friendly101.blogspot.de/2014/11/interstellar.html

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