Into the Woods – It’s Magic!

by on 12/08/2014
© Disney

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Märchen sind meist recht einfach gestrickt. Um mal die Checkliste abzuarbeiten: es gibt junge, schöne, tugendhafte Prinzessinnen, die unter widrigsten Umständen leiden und dabei auf die Erlösung durch den schönen Prinzen warten. Es gibt eine alte, hässliche Frau – die böse Hexe, die in einem Häuschen im Wald wohnt und mit Vorliebe an Kindern ihre Zauberkünste ausprobiert. Oh, und ganz wichtig: Märchen sind grausam. Blut muss fließen, Körperteile und Pferdeköpfe werden abgehackt, Augen ausgekratzt, Menschen enden im Ofen und Eltern verbannen ihre Sprösslinge schon mal in dunkle Wälder, wenn Zuhause das Essen nicht reicht.

Um ehrlich zu sein – hätte ich heute Kinder (und ich bitte den Konjunktiv zu beachten), dann würde ich mir in einem gewissen Alter zwei Mal überlegen, ob ich ihnen die Gebrüder Grimm, Hans Christian Andersen und Co antue. Wegen der ausufernden Brutalität – aber auch wegen der oft so ausgesprochen simplen Weltsicht. Nun gut, Kinder kommen in meiner Lebensplanung nicht vor – ich muss mich also in erster Linie fragen, ob ich mir Märchen antun will. Und mit Into the Woods habe ich mich für die volle Dröhnung entschieden. Das Werk ist nämlich ursprünglich ein Tony-prämiertes Musical, das verschiedene Überlieferungen zu einer neuen Geschichte verwebt. Hier gibt es ein Wiedersehen mit Figuren aus Rotkäppchen, Aschenputtel, Rapunzel und Hans und die Bohnenranke. In Rob Marshalls Version gibt es aber nicht nur den ultimativen Märchen-Clash, sondern auch ein hochkarätiges Stelldichein im Cast: Meryl Streep und Johnny Depp, anyone?

Aber Stopp mal, warum erzähle ich eigentlich nicht von vorne? So, wie sich das für ein anständiges Märchen gehört. Es waren einmal ein Bäcker (James Corden) und seine Frau (Emily Blunt), die wünschten sich von Herzen ein Kind. Eines Tages kam die böse Hexe (Meryl Streep) in ihre kleine Bäckerei und verkündete die furchteinflößende Nachricht: sollten sie je Eltern werden wollen, müssten sie in den geheimnisvollen Märchenwald aufbrechen und ihr von dort drei magische Objekte bringen: einen Umhang, so rot wie Blut, Haar, so gelb wie das Korn, Schuhe aus purem Gold und eine Kuh, so weiß wie Milch. Den Beiden bleibt nichts anderes übrig. Sie begeben sich Into the Woods.

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Und los geht es mit einer wilden Tour durch ein ganzes Märchenuniversum. Nachdem ich mich halbwegs an das ganze Gesinge gewöhnt habe (mit Musicals fremdle ich nach wie vor) komme ich mir vor wie in einer Märchenbahn im Erlebnispark. Schau, wer kommt denn da hinter dem Baum hervor? Es sind Rotkäppchen (Lilla Crawford) und der böse Wolf (Johnny Depp). Schon beizeiten zeigt sich die Prämisse des Films: Rob Marshall hat kein Interesse daran, in aufwendiger Kulisse schlicht eine uralte Geschichte neu durchzukauen (wie es andere Märchenfilme der jüngeren Vergangenheit leider getan haben, siehe Die Schöne und das Biest). Stattdessen wird gnadenlos überzeichnet und durch den Kakao gezogen. Einen großartigen Job macht zum Beispiel die Erzählstimme aus dem Off, die uns ganz selbstverständlich über Augen auskratzende Vögel informiert.

Into the Woods persifliert aber nicht nur die Erzählweise der Märchen, sondern eben auch das, was mich so oft an ihnen stört: die eindimensionalen Figuren und das schlichte, konservative, heteronormative Weltbild. Was ist zum Beispiel, wenn die Prinzessin sich endlich den lang ersehnten Prinzen krallt – und dann entspricht der Schönling aber auch so gar nicht ihren kühnsten Träumen? Und überhaupt: will sie eigentlich die brav lächelnde Dekoration bei Hofe sein? Für uns Zuschauer ist die eine oder andere Volte der Dramaturgie freilich ungewöhnlich. Wir sind es einfach gewöhnt, dass nach der prunkvollen Hochzeit das Märchen zu Ende ist. Im Fall von Into the Woods nimmt die Geschichte aber erst danach so richtig an Fahrt auf, Riesen haben ihren großen Auftritt und die Figuren müssen sich fragen, ob sie das erlangte Leben überhaupt führen wollen. Für den Zuschauer wirkt die Geschichte ab diesem Zeitpunkt etwas unorganisch. Aber ehrlich gesagt: was ist schon organisch, in einer wilden Zusammenstellung verschiedener Märchen?

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Plötzlich fangen die Figuren an, aus ihren vorbestimmten Lebensläufen auszubrechen und selbst zu denken. Und das ist auch gut so: „I was raised to be charming, not sincere“, so lautet nämlich das vielsagende Motto des Prinzen (Chris Pine), den ich als Prinzessin nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde. In einer besonders herrlichen Szene steht er mit seinem Bruder (Billy Magnussen) auf den Felsen eines Wasserfalls und schmettert aus vollem Hals, komplett mit Föhnwelle und offenem Hemd eine herzzerreißende Powerballade. Und ich fühle mich wie in einem George Michael-Video aus den 80ern. Das kleine Rotkäppchen (Lilla Crawford) ist hingegen alles andere als ein naives Kindchen, sondern lässt mit ihrer selbstbewussten Schlagfertigkeit gerne mal die Fragezeichen in den Gesichtern ihrer Mitfiguren aufploppen. Und natürlich legt auch die großartige Meryl Streep ihre Hexe als eine zutiefst gespaltene Figur an. Es ist erstaunlich, zu welcher Mimik sie noch mit einer dicken Schicht Schminke im Gesicht fähig ist und mit beeindruckend klarer Stimme singt sie Lieder über Schuld und das Leben als personifizierter Sündenbock, mal kräftig, mal fragil und zerbrechlich.

Und nicht zuletzt ist der wichtigste Charakter in Into the Woods wohl der Märchenwald selbst. Er ist buchstäblich ein Ort des Zaubers, der magischen Begegnungen, der schieren Unglaublichkeiten. Wer würde schon in einem Wald einer Frau glauben, die erzählt, sie brauche goldene Schuhe, um einen uralten Fluch zu lösen? Hier werden Träume wahr und zerplatzen sofort wieder, schöne Illusionen erweisen sich als nichts weiter als das – Illusionen. Aber daran ist überhaupt nichts Schlechtes. Rob Marshall dreht mit seinem Film eine liebevolle Hommage an das Geschichten Erzählen, das Geschichten Hören und Weiterspinnen.

Und so fügte es sich, dass Into the Woods ein intelligent erzähltes Erlebnis wurde, ein reflektiertes und überraschendes Märchen, das perfekt in seine Zeit passte – und dabei den Spaß nicht vergaß. Und wenn sie nicht gestorben sind… na, ihr wisst schon.

Kinostart: 19. Februar 2015

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