Is the Man Who is Tall Happy? – Im Fell des weißen Kaninchens

by on 02/10/2014
© Sundance Selects

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Als ich zum ersten Mal den Roman Sofies Welt von Jostein Gaarder las, hatte ich eine Art kleines Erweckungserlebnis. Darin ist die Rede von einem weißen Kaninchen, das ein Magier aus dem Hut gezaubert hat. Wir Menschen sitzen im kuscheligen, warmen Fell des Häschens und haben es uns dort so richtig schön gemütlich gemacht. Nur ein paar von uns wagen den unbequemen Weg aus dem Fell heraus und versuchen unermüdlich, bis zu den Haarspitzen heraufzuklettern, denn von dort aus lässt sich vielleicht ein Blick erhaschen – auf den Zauberer und seinen Zylinder. Genau diese Neugierigen, Unermüdlichen, schreibt Gaarder, das seien die Philosophen und Wissenschaftler.

Is the Man Who Is Tall Happy?  hat bei mir ein ähnliches Erweckungserlebnis heraufbeschworen. Das Werk des Regisseurs Michel Gondry ist die Aufzeichnung eines stundenlangen Gesprächs mit dem berühmten Linguisten Noam Chomsky, quasi einem Universalgelehrten unserer Zeit. Der Filmemacher und der Wissenschaftler unterhalten sich buchstäblich über Gott und die Welt: persönliche Erfahrungen, das Leben nach dem Tod, Biologie, Psychologie, Sprache, Religion, Platon, Galileo, Newton – es gibt unheimlich viel Input. Die beiden sitzen an einem Tisch in einem nüchternen Raum, im Hintergrund bleibt das penetrante Rattern einer analogen Kamera hörbar, trotzdem will sich einfach keine Langeweile einstellen. Denn Michel Gondry illustriert das Gespräch mit handgezeichneten Animationen. Auf diese Weise stelle er sicher, dass der Zuschauer permanent daran erinnert werde, sich hier keiner allgemeingültigen Wahrheit oder gar einer objektiven Realität auszusetzen, erklärt der Regisseur gleich zu Beginn seiner Reise durch unsere Synapsen. Er will sein Publikum nicht unnötig manipulieren. So hundertprozentig geht dieser Plan nicht auf. Aber wer sagt schon, dass das überhaupt nötig ist?

Nach nur ein paar Minuten überkommt einen jedenfalls plötzlich das Gefühl, mit Noam Chomsky den brilliantesten Kopf aller Zeiten vor sich sitzen zu haben. Ich stelle mir das menschliche Wissen und die dazugehörigen Fähigkeiten gern als eine Art Netz vor, in das sich Neuerlerntes an einen ganz bestimmten Platz einordnen lässt und so mit allen anderen Knoten verknüpft wird, damit alles hübsch ineinander greift und nichts verloren geht. Um bei diesem Bild zu bleiben: Chomskys Netz muss mittlerweile derart dicht gewebt sein, dass er es als wärmenden Pullover tragen könnte. Wie der Mann scheinbar mühelos von Disziplin zu Disziplin springt, ringt einem nichts als höchsten Respekt ab und sogar Gondry gibt an einer Stelle zu: „Wie Sie sehen konnten, habe ich mich hier etwas dumm gefühlt.“

© Sundance Selects

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Mich persönlich hätte durchaus interessiert, diesen Film in einem anderen Kontext zu sehen und nicht festivaltypisch als dritten Streifen in einer Blockveranstaltung, hungrig, müde, mit schmerzenden Beinen und überreiztem präfrontalen Cortex. Aber selbst, wer irgendwann aussteigt, während Michel Gondry und Noam Chomsky persönliche Anekdoten mit hochtrabenden Theorien verbinden, der kann sich immer noch an den Animationen erfreuen. Das ist nicht gerade ein schwacher Trost. Is the Man Who Is Tall Happy? sieht aus, als würden direkt vor unseren Augen Doodles erwachsen, die Kritzeleien eines überdurchschnittlich kreativen Menschen bei einem Telefonat. Wie sich ein Bild fließend aus dem anderen ergibt und Gondry diese unheimlich anschaulichen Visualisierungen für ein streckenweise sehr abstraktes Gespräch findet, bietet eine Faszination, die ihresgleichen sucht. Wer nicht ohnehin visuelle Reize zum Lernen benötigt, könnte es manchmal beinahe schwer haben, sich nicht vollends von den detailverliebten Zeichnungen vereinnahmen zu lassen und dabei noch ein wenig auf das gesprochene Wort zu achten.

Neben der überaus originellen Bebilderung gibt es aber in Is the Man Who Is Tall Happy? noch einen weiteren Trost. Eigentlich ist es nämlich gar nicht so wichtig, Chomskys Ausführungen bis ins kleinste Detail zu durchdringen. Dazu wären ohnehin mehrere Sichtungen und am besten gleich noch die Lektüre seines umfassenden Werkes nötig. Nein, eine Botschaft schneidet garantiert jeder mit: die wichtigste Frage ist das ‚Warum‘. Wer diese Frage vergesse, so der Wissenschaftler, entwickle sich über kurz oder lang zu der Kopie eines anderen Geistes. Es gibt wahrlich genügend Science-Fiction-Filme, die mich im Laufe meines noch kurzen Lebens darüber belehrt haben, dass man mit Hirn-Kopien besser kein Schindluder treibt. Also nichts wie rauf zu den Spitzen des Kaninchenfells!

Is The Man Who Is Tall Happy? auf der offiziellen Berlinale-Website

Vier andere bezaubernde Filme von Michel Gondry:

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