Jäger der gehüteten Filmschätze

by on 05/12/2013

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Ich schreibe selbst als Filmkritiker, aber über Film schreiben heißt nicht zwangsläufig, dass man das nur im Form einer Kritik oder Rezension machen muss. Dies geht auch aus film- und medienwissenschaftlicher Sicht. In meiner Kolumne „Back To The Film Studies“ will ich mich daher aktuellen aber auch nicht aktuellen Filmen, Serien und ganzen Genres widmen und hier einzelne interessante Aspekte aus film- und medienwissenschaftlicher Sichtweise beleuchten und besprechen.

Foto: mikemccaffrey / Titel: IMG_9603 Canisters (Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Foto: mikemccaffrey / Titel: IMG_9603 Canisters (Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Wenn es um das Thema „Entdeckung von Filmschätzen“ geht, bin ich immer Feuer und Flamme. Abgesehen von den Fällen, in denen Filmschätze durch einen Brand oder andere Unglücke wirklich unwiderruflich verloren gegangen sind, ist das Paradoxe an den vielen verschollen geglaubten Filmschätzen jedoch, dass sie in den meisten Fällen eigentlich gar nicht verschollen sind. Wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrem Aufsatz „Archive im Wandel der Mediengeschichte“ einmal schrieb, sind viele der Gegenstände in einem Archiv zwar da, aber gerade unzulänglich1  oder um einfacher zu formulieren: sie sind oft in den Tiefen der Filmarchive vorhanden, doch keiner weiß mehr von ihrer Existenz.
Da prominenteste Beispiel hierfür ist wohl der Science-Fiction Klassiker Metropolis von Fritz Lang, der 2010 auf der Berlinale seine zweite Premiere hatte. Im Jahr 2008 tauchte im Archiv des Museo del Cine Pablo C. Ducrós Hicken in Buenos Aires mehr durch Zufall eine Version des Klassikers auf 16mm Filmmaterial (im Original auf 35mm) auf, die bis auf 8 Minuten fast so lang ist wie die vollständige Version, die 1927 ihre Premiere in Berlin feierte. Als Auslandsversion kam sie in die argentinische Hauptstadt und wurde über die Jahre hinweg mehr oder weniger vergessen. Ein anderes Beispiel für diese Art von verloren geglaubten Filmen, ist das Beispiel von White Shadow aus dem Jahr 1923, einem Stummfilm der unter der Mitwirkung des Suspense Meisters Alfred Hitchcock entstanden ist und der bei diesem Film als Drehbuchschreiber, Artdirektor und Regieassistent mitgewirkt hatte. Wie der Artikel der taz auch weiter zeigt, wurden drei der sechs Rollen des Films in einem feuerfesten Safe in Neuseeland im Jahr 2011 gefunden. Das Vergessen ist hier in gewisser Hinsicht sogar auf die Spitze getrieben: Neuseeland ist nicht nur geographisch gesehen am Ende der Welt, sondern war es zu der Zeit auch in Hinblick auf den Vertrieb und somit wurden die Filme dort zuletzt gezeigt und schließlich auch von dort nicht mehr zurückgebracht.
Es ist aber gar nicht nötig bis ans Ende der Welt zu reisen, um verschollene Filme ausfindig zu machen. Selbst in der Abteilung Film des Bundesarchivs hier in Berlin, oder genauer gesagt im Standort in Hoppegarten bei Berlin, lagern in einem feuersicheren Bunker zahlreiche Filmrollen, deren Inhalt oft auch noch nicht bekannt ist. Die beiden Beispiele aus Buenos Aires und Neuseeland zeigen aber auch besonders gut, was das zentrale Problem ist, wenn von Filmschätzen die Rede ist. In vielen Fällen mangelt es nämlich an Zeit, Personal und vor allem an Geld, um die unzäligen Filmrollen zu sichten und festzustellen, welche Filme und Inhalte sich auf den jeweiligen Rollen befinden.

Die Tatsache, dass ich hier so einfach von Filmarchiven und Filmschätzen schreibe, ist eigentlich gar nicht so selbstverständlich wie es auf den ersten Blick scheint, denn das Bewusstsein, Filme überhaupt zu behalten und zu archivieren, entsteht nicht gleichzeitig mit der Erfindung des Films. Wie der Filmkritiker Raymond Borde schon auf den ersten Seiten seines Buches „Les cinémathèques“ schreibt, ist der Gedanke des Konservierens von Film keineswegs von Beginn an selbstverständlich. Wenngleich sein Ansatz von einem ökonomischen und rechtlichen Standpunkt ausgeht, trifft sie den Kern der Sache. Das zentrale Problem zu Beginn der Filmgeschichte war, dass der Film nicht den gleichen ökonomischen Wert hatte, wie es heute der Fall ist. Film war nicht ein eigenes geschaffenes Werk, das gelagert und immer wieder verwendet wurde, wie es z.B. mit der DVD und Blu-ray heute der Fall ist. Die damaligen Filme wurden vielmehr als ein vergängliches, temporäres Produkt angesehen, das aus inhaltlicher Sicht nur dem aktuellen Geschmack und Interesse genützt hat und eben auch nur dafür geschaffen wurde. Weil sich auch der Geschmack der Zuschauer mit der Zeit veränderte, waren die Filme oft nicht mehr interessant und würden nicht mehr genutzt. Der Gedanke, dass die Filme für zukünftige Generationen interessant sein könnten, war noch nicht ausgeprägt. So passierte es, dass selbst Georges Méliès, einer der Urväter der Kinematographie, im Wissen nicht mehr dem Geschmack der Zeit zu treffen, 1923 seine von ihm gelagerten Filmkopien verbrannte und die Negative an einen Pariser Altmaterialsammler vermachte. Unter anderem auch wegen diesem Verhältnis zum Film, beziffert sich die weltweite Verlustrate – so Borde – für den Zeitraum von 1895 und 1918 auf 80 %.2

Das Problem der verschollenen Filme lässt sich auch aus einer anderen Perspektive betrachten und so gibt es Fälle, in denen ein Film nicht immer das ist, was er auf den ersten Blick zu sein scheint.
Ein Beispiel hierfür sind z.B. die Tonbilder, mit denen sich u.a. der Restaurator Dirk Förstner von der Deutschen Kinemathek befasst. Die Tonbilder waren eine Art Vorstufe zum Tonfilm. Sie bestanden aus einem Film und einer Grammophonplatte, wobei die vorher besprochene oder oft auch mit Revue- oder Opernliedern besungene Platte als Ausgangsbasis diente. Die dazugehörige Szene wurde für den Film im „Playbackverfahren“ aufgenommen bzw. nachgespielt: die Schauspieler mussten die Texte nachsingen oder zumindest die Mundbewegungen nachahmen und agierten entsprechend der Musik. Das Problem, dass sich bei der Projektion bot, war, dass im Gegensatz zum späteren Lichttonverfahren, in dem Ton und Bild auf dem gleichen Filmstreifen sind und der dort in Wellenform dargestellte Ton  mittels eine Lampe ausgelesen wurde, Platte und Film beim Tonbild parallel und synchron laufen mussten. Riss der Film an einer Stelle, war es zwar einfach den Streifen wieder zu kleben, jedoch war damit die Synchronität zwischen Bild und Ton nicht mehr gewährleistet. Einer der berühmtesten deutschen Vertreter dieses Verfahrens war der Filmpionier Oskar Messter.
Das Problem bei der Archivierung dieser Tonbilder ist jedoch, dass Film und Grammophonplatte nicht immer zusammen aufbewahrt wurden. So finden sich in den Archiven Filme wider,  die, weil sie stumm sind, mangels weiterer Informationen für einfache Stummfilme gehalten werden. Erst durch Zufall oder durch genauere Betrachtung der jeweiligen Filme, finden die Wissenschaftler heraus, dass der Film ein Tonspur haben muss und es sich dabei um ein Tonbild oder Vergleichbares handeln muss. Die Platten zu den Bildern tauchen dann meistens auf Flohmärkten auf und werden im Rahmen der Restaurierung dann auch wieder zusammengeführt. Wobei die Verbindung zwischen Bild und Ton auch nicht immer vollständig rekonstruiert werden kann, wenn die Version der gefundenen Platte nicht mit der Version übereinstimmt, auf der die abgefilmte Szene basiert.

Auch ich hatte – um mal aus dem wissenschaftlichen Nähkästchen zu plaudern – schon die ein oder andere Gelegenheit eine solche Entdeckung zu machen. Als ich zum Beispiel während meiner Forschungsarbeit über den DDR-Amateurfilm mich mit verschiedenen Filmen befasst habe, konnte ich ein paar Amateurfilme sichten, von deren Existenz selbst die Macher nichts mehr wussten bzw. keine Erinnerung mehr daran hatten, was eigentlich auf den Rollen war, die sie zur Verfügung gestellt haben.
Wer übrigens auch dazu beitragen will, dass Filme „wieder entdeckt“ werden, dem sei die Seite Lost Films ans Herz gelegt, auf der Filmschnipsel präsentiert werden, von denen man nicht mehr weiß aus welchen Film sie stammen. Nach dem Wiki-Prinzip kann hier jeder der einen Verdacht oder Hinweis hat, seinen Beitrag dazu leisten, damit die Filme wieder entdeckt werden und einen Namen bekommen.

Es ist stark zu vermuten, dass in den Tiefen der Filmarchive dieser Welt noch viele unentdeckte bzw. vergessene Filmschätze liegen. Vielleicht liegen diese aber auch im eigenen Keller oder dem eigenen Dachboden und warten nur auf ihre Entdeckung und vielleicht findet sich, wie es einmal die Simpsons parodiert haben, dort auch das ein oder andere alternative Filmende zu Filmklassikern wie z.B. Casablanca oder It’s a Wonderful Life.

Fußnoten:
[1] Vgl. Assmann, Aleida: „Archive im Wandel der Mediengeschichte“, S. 168f.
In: Ebeling, Knut/Günzel, Stephan (Hg.): „Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten“. Berlin: Kulturverlag Kadmos (2009), S. 165 – 175.

[2] Vgl. Borde, Raymond: „Les cinémathèques“. Lausanne: Editions L’Age d’Homme S.A. (1983), S. 15ff und S. 22ff.

2 Responses to “Jäger der gehüteten Filmschätze”

  • Frida says:

    Ich bin durch facebook auf diese Kollumne aufmerksam geworden. Ich freue mich über diese Kollumne, habe sie aber nicht gelesen. Ich selbst beschäftige mich mit Textkritik und hoffe, dass es Euch hilft, zu wissen, warum ich nach dem zweiten Satz das Lesen eingestellt habe. Dort heißt es:

    „In meiner Kolumne ‚Back To The Film Studies‘ will ich von Zeit zu Zeit versuchen mich mal ernst, aber auch mal weniger ernst, einzelnen neuen oder auch alten Filmen, Serien oder auch ganzen Genres auf film-, medienwissenschaftlicher und stellenweise essayistische Art und Weise zu nähern, bestimmte Aspekte dort hervorzuheben und darüber zu schreiben.

    In diesem Satz stecken etwa 10 vage Angaben („von Zeit zu zeit“, „versuchen“, „mal ernst aber auch mal weniger ernst“, „weniger ernst“ usw. Als Leser muss ich also annehmen, das auch der Rest nichts greifbares liefert. Das muss man nach Grice aber unterstellen, damit eine sinnvolle Kommunikation stattfinden kann. Daher habe ich leider nicht weitergelesen. Als Empfänger will ich klarere Angaben. Der Text würde gewinnen, wenn man hier alles vage wegstreicht und nur schreibt „Ich habe eine neue Kollumne über Film und sie heißt ‚back to the film studies“. Ich hoffe, diese Rückmeldung hilft Euch.

    • dennis
      dennis says:

      Liebe Frida,

      danke für deinen Kommentar. Bezieht sich deine Anmerkung konkret auf die Einleitung? Du hast sicherlich Recht, dass sie ein bisschen ungenau formuliert. Eigentlich wollte ich sie dadurch möglichst offen gestalten, befürchte jedoch, dass ich genau das Gegenteil kommuniziert habe bzw. wirklich nicht konkret dargestellt habe, was ich machen will.
      Ich hab sie daher ein bisschen angepasst und gekürzt.

      Viele Grüße

      Dennis

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