Jesus liebt mich

by on 12/13/2012

@ Warner

Vor ein paar Jahren schenkte mir meine Mutter das Buch Jesus liebt mich. Eigentlich bevorzuge ich eher schwere literarische Kost, aber es schadet ja auch nichts, ab und an ein wenig Trivialliteratur dazwischen zu schieben. In der Tat amüsierte ich mich beim Lesen des Buches von David Safier so köstlich, dass ich es innerhalb weniger Tage verschlungen hatte. Und wie groß war meine Freude als ich erfuhr, dass die Geschichte von niemand anderem als Florian David Fitz, den ich für den Zach Braff Deutschlands halte, auf die Leinwand gebannt werden würde. Ich wurde nicht enttäuscht.

Kurz zur Handlung: Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es um Jesus. Nun wird ja jeder Mensch von Jesus geliebt, darum geht es ja gerade im Christentum. Aber in diesem Film schwingt bei dem Satz Jesus liebt mich noch etwas anderes mit. Hauptfigur Marie (Jessica Schwarz) verliebt sich nach der Trennung von ihrem Verlobten Hals über Kopf in einen Unbekannten (Florian David Fitz), bei dem es sich um niemand Geringeren als Jesus selbst handelt. Der ist auf der Erde unterwegs, um vor der anstehenden Apokalypse noch eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Sein Begleiter ist Engel Gabriel (Henry Hübchen), der jedoch der Liebe willen vor vielen Jahren seine Flügel gegen das Erdenleben eingetauscht hat. Natürlich will Satan (Nicholas Ofcarek) trotz biblischer Vorhersage seinem Niedergang nicht tatenlos zusehen und so wird es immer fraglicher, ob am Ende der Apokalypse wirklich das Reich Gottes oder nicht vielleicht doch das des Teufels steht. Und Marie? Die hat inzwischen rausgefunden, dass  es sich bei ihrem neuen Schwarm um Gottes Sohn handelt. Was nun? Darf sie Jesus überhaupt auf diese Weise lieben? Und was meint er dazu?

Viele Christen, mit denen ich über das Buch gesprochen habe, kritisieren, dass Jesus hier zu stark vermenschlicht wird. Im Grunde aber geht es in meinen Augen in der Geschichte genau um diese Gradwanderung zwischen Respektperson und „Kuschelgott“. Sehen wir Jesus zu stark als Menschen, drohen wir den Respekt vor ihm und seiner Lehre zu verlieren. Überhöhen wir ihn ins Unendliche, verlieren wir den Kontakt und an die Stelle der persönlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben tritt das Dogma, das in meinen Augen meist größere Gefahren birgt als die Abwesenheit von Religion. Jesus liebt mich wirft genau diese Fragen nach der Menschlichkeit Gottes auf und eröffnet somit einen wichtigen Dialog. Zugegebenermaßen wird dem christlichen Publikum hier eine gewisse Offenheit abverlangt, um sich bei der Darstellung der Hippie-Jesus-Jünger nicht auf den Schlips getreten zu fühlen (ich fand diese Szene übrigens sehr passend und realistisch!).

Ich bin mir nicht sicher, wie die Geschichte auf einen nicht-christlichen Zuschauer wirkt, kann mir jedoch gut vorstellen, dass die Momente, in denen Jesus in seiner biblischen Form inszeniert wird, dem einen oder anderen zu pathetisch geraten sind. Dabei kann seine bedingungslose Nächstenliebe – wie übrigens auch in den biblischen Geschichten – durchaus anrührend wirken. Hier wiederum ist die Offenheit des agnostischen, atheistischen oder andersgläubigen Publikums gefragt. Florian David Fitz, der nicht nur Hauptdarsteller und Drehbuchautor, sondern auch Regisseur des Films ist, inszeniert Jesus auf eine sehr treffende Art und Weise. Er verwendet Motive, die auch über die Grenzen der strenggläubigen Gemeinschaft hinaus bekannt sind, scheut sich jedoch niemals davor, diese für die komödiantische Seite seines Konzepts zu nutzen. Ich glaube, es ist gerade dieser direkte Umgang mit der Bibel, der dazu führt, dass Jesus liebt mich trotz aller Scherze niemals den Respekt vor der Religion verliert. Der Zuschauer wird nicht dazu angestiftet über das Christentum zu lachen, sondern über das Aufeinandertreffen einer 2000 Jahre alten Figur mit der modernen Welt. Des Weiteren wird der Humor – wie übrigens auch in der Romanvorlage – größtenteils aus den Charakteren entwickelt. Maries Vater, der mit einer Russin aus dem Katalog (Palina Rojinski) seinen zweiten Frühling erlebt, oder Maries Hippie-Mutter Silvia (Hannelore Elsner), die extra für die Hochzeit der Tochter ihren indischen Ashram hinter sich gelassen hat, entfalten ihre komödiantische Dimension jenseits der religiösen Komponente.

Florian David Fitz ist die ideale Besetzung für Jesus. Er wirkt sanft, friedlich, liebevoll und strahlt von innen – und das nicht nur wegen des nachträglich illuminierten weißen Gewandes. Kurzum: Wir nehmen ihm die Rolle ab. Bei Jessica Schwarz war ich mir zunächst unsicher, da Marie für mich beim Lesen immer eine zarte Person war. Letztendlich passt Schwarz aber genau deshalb so gut in die Rolle, weil sie kein Püppchen ist, sondern eine Frau, der man die Situation der am Leben Gescheiterten abnimmt. Marie darf nicht ätherisch und engelsgleich wirken, da sie sonst nicht die Rolle des menschlichen Gegenübers für die göttliche Figur Jesu übernehmen könnte. Nichtdestotrotz hätte ich mir ein „unverbrauchteres“ Gesicht gewünscht. Damit meine ich nicht, Jessica Schwarz wäre zu alt für den Part. Vielmehr beschlich mich das Gefühl, die deutsche Schauspielriege hätte nur zehn Schauspieler zur Verfügung. Ein wenig mehr Abwechslung in den Besetzungslisten des deutschen Films würde ich insgesamt begrüßen.

Aber weg vom Gejammer über den Niedergang unserer Filmindustrie und zurück zum Film, der eigentlich Hoffnung macht. Denn Florian David Fitz hat den Roman ausgezeichnet für die Leinwand adaptiert, die Geschichte an den richtigen Stellen verändert und bei allem dennoch den Humor der Vorlage beibehalten. Der Film macht schlicht und einfach Spaß. Dass das Ende nicht so recht zum Anfang passen will, ist nicht seine Schuld. Dieses Problem bestand schon bei David Safiers Roman. Und das vom Buch abweichende Filmfinale ist in meinen Augen sogar einen Tick besser. Manch einer wird in diesen gefühlsbetonten Szenen die Action vermissen, die man allgemeinhin mit dem Wort Apokalypse verbindet. Ich als halbe Fachfrau muss an dieser Stelle aber noch einmal daran erinnern, dass das Wort Apokalypse nichts anders bedeutet als „Offenbarung“. Und die findet definitiv statt. Ob es sich bei Jesus liebt mich um eine filmische Offenbarung handelt, möchte ich trotz aller Begeisterung eher in Frage stellen. Vielleicht handelt es sich eher um die Entsprechung zur guten Trivialliteratur: unterhaltsam, aber nicht substanzlos. Leichte Koste für Zwischendurch.

Kinostart: 20. Dezember 2012

Presspiegel bei film-zeit.de

2 Responses to “Jesus liebt mich”

  • Yehudi says:

    Liebe Sophie,

    mein Glückwunsch zu deiner Kritik des Filmes. Das war eine reife und differenzierte Leistung und beweist dass du eine Mench bist der „Bewusstsein“ hat. Du bist in der Lage den geistigen Gehalt eines Kunstwerkes zu erfassen und darüberhinaus noch die verschiedenen Positionen, wie in diesem Fall von Christen und Nichtchristen einfühlsam zu berücksichtigen. Deine Urteile sind stimmig. Das ist besonders wenn es um spirituelle Inhalte geht in deutschen Landen selten. Danke. Yehudi
    P.S. Würde gerne regelmäßig deine Kritiken verfolgen

    • filmosophie says:

      Danke für das Feedback. Darüber freue ich mich sehr! Gerade in der letzten Zeit war ich auf Grund negativer Kommentare etwas entmutigt. Es freut mich, dass es auch Leute gibt, die gerne lesen, was ich schreiben.
      Damit Du nichts verpasst, likest Du uns am Besten bei Facebook! Dort posten wir alle Beiträge von filmosophie.com und manchmal auch Dinge, die ich auf anderen Seite veröffentliche. Liebe Grüße!

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