Jimmy’s Hall – Religionskritik Light

by on 05/23/2014

Flattr this!

© Le Pacte

© Le Pacte

Ich kenne Menschen, die waren noch vor gar nicht allzu langer Zeit fest davon überzeugt, dass es völlig inakzeptabel sei, ins Kino oder gar – Gott bewahre – zum Tanzen zu gehen. In der Dunkelheit könne Gott dich nämlich nicht finden, erklärten sie ihren Kindern. Soso. Mittlerweile erntet glücklicherweise Kopfschütteln, wer solch eine Denke praktiziert. Die Repressionen, die die Kirche mit sich bringt, finden zumeist auf einer subtileren Ebene statt. Wer Kirchenkritiker beschwichtigen will, kann dann getrost behaupten: Es hat sich doch schon so Vieles geändert.

Tatsächlich leben wir nicht im Irland der 1930er Jahre. Was scheinbar kein Spaß gewesen ist. In Ken Loachs neuem Film Jimmy’s Hall lernen wir Jimmy Gralton (Barry Ward) kennen, einen politischen Aktivisten, der einst als Kommunist des Landes verwiesen wurde und nach zehn Jahren in New York in sein Heimatstädtchen nahe Cork zurückkehrt. In seinem Gepäck hat er Schallplatten aus den Jazzclubs von Harlem, völlig neue Musik für die Iren, die wahre Meister ihrer eigenen Volkstänze sind. Als Jimmy einen Tanzsaal eröffnet, in dem er sowohl Tanzstunden als auch eine Möglichkeit zum Meinungsaustausch gibt, dauert es deshalb nicht lange bis sich das Dorf spaltet. Besonders Father Sheridan (Jim Norton), der Pfarrer der örtlichen Kirchengemeinde, lässt in seinen Predigten keine Möglichkeit aus, um Jimmy und seine Musik als Ausgeburt des Teufels zu diskreditieren. Er, seine Geliebte Oonagh (Simone Kirby) und ihre Unterstützer müssen zusammenhalten, um ihren kleinen Freiraum zu bewahren.

© Le Pacte

© Le Pacte

Mit Jimmy’s Hall hat Ken Loach – sollten sich seine eigenen Ankündigungen bewahrheiten – seinen letzten Film gedreht und sich darin zwei bedenkenswerten Kapiteln seines Heimatlandes gewidmet. Den oft ausufernd radikalen Katholizismus verbindet er thematisch mit dem irischen Bürgerkrieg, der um die Frage der Abhängigkeit von Großbritannien ausbrach, die IRA hervorbrachte und in der endgültigen Teilung des Landes gipfelte. Harter Stoff ist das, so ließe sich annehmen, und Verwunderung stellt sich ein, wenn der Film beginnt und über allen Bildern goldenes Licht und harmonisierende Farbfilter liegen. Faktisch passieren in Jimmy’s Hall üble Dinge: Eine Mutter verliert ihren Sohn, ein Liebespaar darf nicht zusammen sein, eine junge Frau wird von ihrem Vater brutal ausgepeitscht, weil sie an Jazzabenden teilnimmt, Brandstiftung und Attentate bringen das Gleichgewicht im Dorf gehörig durcheinander. Aber alles ist in diese fluffige Farbwolke gehüllt, die Dialoge erklären alle Vorgänge noch einmal für die nicht ganz so Schnellen, die Kamera schwenkt stets rechtzeitig weg vom Ort des Geschehens und hält sich generell lieber in einiger Distanz zu den Vorgängen, die Musik umschmeichelt sanft das fertige Paket. Ja, nach einigen Tränen der Figuren erledigt sich gar jedes noch so schlimme Problem auf wundersame Weise wie von selbst.

© Le Pacte

© Le Pacte

Dabei verfolgt Ken Loach durchaus richtige Ansätze. Dem Pater wirft Jimmy vor, den Leuten nur zuzuhören, wenn sie ehrfürchtig vor ihm niederknien. Der Film zeigt die absurden Anmaßungen der Kirche, in deren Gottesdienst am Sonntag öffentlich die Namen derer verlesen werden, die am Abend zuvor im Tanzsaal gesehen wurden. Jimmy hält seinen Kritikern wiederum entgegen, sein Lokal sei für ihn ein heiliger Ort. Denn er bringe das Beste in den Menschen hervor, die sich dort gegenseitig hülfen und unterstützten wo sie nur könnten.

Doch wieso nur, wieso, war es dann nötig, bei einem solchen Thema einen so mainstreamig weichgezeichneten Film zu drehen? Jimmy bringt die große weite Welt in das kleine irische Dorf und ein dort über Jahre etablierter enger Horizont lässt sich so leicht nicht sprengen. Jimmy’s Hall macht es jedoch allen einfach, es gibt ja nicht viel zu ertragen, dessen Darstellungsebene wirklich unter die Haut gehen würde. Hinterher kann jeder aufatmen und sich beruhigend zuseufzen: Zum Glück ist es ja heute nicht mehr so. Und dann die Hände in den Schoß legen und sich weiter manipulieren lassen. Ein wenig Kritik innerhalb des Systems ist gern gesehen, sie tut niemandem wirklich weh und erweckt wage den Anschein, die Kontrolle über das eigene Denken zu besitzen. Vor Kritik am System selbst ist es dann aber doch sicherer, den Schwanz einzuziehen. Jimmy’s Hall erzählt für sich genommen eine interessante Geschichte. In ihrem kritischen Potential wird Ken Loach ihr aber leider nicht gerecht. Zu schade.

Kinostart: 14. August 2014

Vier bessere Filme von Ken Loach:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 1+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.