Joe – Tragischer guter Held Joe

by on 10/22/2014

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© Koch Media

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Im kargen und ländlichen Texas führt Joe Ranson (Nicolas Cage), der wegen Brutalität gegen einen Polizisten im Knast saß, mit regelmäßigem Alkoholkonsum und sich wiederholenden Besuchen in einem lokalen Bordell nicht gerade ein tugendhaftes Leben. Als eines Tages der 15-jährige Gary (Tye Sheridan) vor ihm steht, gibt er ihm dennoch einen Job in seinem halblegalen Forstbetrieb und mit der Zeit fühlt Joe, der zwar loyal gegenüber seinen Angestellten ist, sich aber lieber nicht in die Privatangelegenheiten anderer Menschen einmischen will, immer mehr verantwortlich für den Jungen. Schnell gerät Joe mit Garys alkoholkranken Vater Wade (Gary Poulter) aneinander, der seinen Sohn immer wieder schikaniert und ihm sein hartverdientes Geld streitig macht. Als auch noch der psychopatische Willie-Russell (Ronnie Gene Blevins) eine Rechnung mit Gary zu begleichen hat, scheint Joe sein letzter Ausweg aus dieser zunehmend gefährlichen Welt zu sein und das obwohl Joe geschworen hatte, genau dieser brutalen und gefährlichen Welt zu entsagen.

Der letzte Film den ich von Regisseur David Gordon Green gesehen hatte war Prince Avalanche und der in meinen Augen zu den wohl besten Filmen der letzten Jahre gehört – und das, obwohl ich immer noch nicht genau beschreiben kann was genau mich daran fasziniert. Gerade aus diesem Grund war ich froh, dass ich nun Joe sehen konnte. Auch wenn der in meinen Augen völlig unpassende deutsche Verleihtitel Joe – Die Rache ist sein mich zu Beginn mehr als verwirrt hat, gerade weil er eigentlich rein gar nicht den Kern der Geschichte trifft und den Film in eine brutale Ecke drängt, der der Film Gott sei Dank nicht gerecht wird. Doch alles der Reihe nach.

Wie schon Prince Avalanche, wird auch bei Joe gleich zu Beginn klar, dass die ganze Geschichte kein gutes Ende nehmen wird oder zumindest etwas komisches passieren wird. Und lässt man sich auf dieses Gefühl ein, wird schnell klar, dass in diesem Fall der Titelheld der Leidtragende sein wird am Ende. Nicht ganz unbeteiligt an diesem Gefühl ist auch wieder diese sphärische und fast schon hypnotische Musik die Greens Filme ausmacht und charakterisiert und die den Zuschauer wie eine Art Sog mit sich zieht. Dabei merkt man zusehends, dass sich etwas aufbaut. Eine unausgesprochene Gewalt scheint sich langsam wie eine Sprungfeder aufzuziehen, um sich dann in einem kurzen, fast schon beiläufigen Sprung wieder entladen.

© Koch Media

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Eine weitere Kontinuität ist die karge Landschaft, die den Film auch dieses Mal auf das Wesentlichen konzentriert: das Schauspiel. War es in Prince Avalanche der abgebrannte Wald, so ist es in Joe die karge und stellenweise unwirkliche und düstere Landschaft des texanischen Hinterlandes. Sie strahlt keine Wärme aus diese Landschaft, im Gegenteil. Die Menschen scheinen in ihr verloren, wie fehl am Platz, fast schon ein Störfaktor. Und doch zeigt die Kontinuität des Elements der Landschaft, des archaischen Waldes, wie sehr für Green die Menschen und seine Figuren mit ihrer Umgebung verbunden sind – und sei es auch nur wider Willen.

Und auch hier sind sie wieder, diese in meinen Augen für seine Filme so typischen Dialoge. Dialoge mit einer fast schon poetischen Beiläufigkeit, die eine interessante und zugleich verstörende Faszination ausüben. Bezeichnend ist hier wohl eine Szene zu Beginn des Films, als Joe ein Stück aus einem erlegten Hirsch schneidet, den die Mutter vor Kurzem erschossen hatte, als dieser sich im Zaun des Hauses verfangen hatte. Die Kamera bleibt fast die ganze Zeit auf Cage, der behutsam mit dem Messer ein Stück abschneidet, um den anderen zu zeigen wie es richtig gemacht wird. Trotz dieses blutigen Aktes – der eigentlich nur ein Spiegelbild der brutalen und gefährlichen Welt außerhalb des Hauses ist und vor der Joe eigentlich fliehen will -, unterhalten sich die anwesenden drei Familienmitglieder über den bevorstehenden Geburstag der Mutter und verwandeln das Geschehen somit in eine fast schon erschreckend normale und alltägliche Szene, die gerade in ihrer Paradoxie interessante wird.

Eine Wohltat in meinen Augen ist in diesem Film zuletzt aber auch Nicolas Cage, der nach verschiedenen durchwachsenen Rollen in den letzten Jahren, wieder einmal eine interessante Figur mit Tiefgang verkörpert. Die wahre Entdeckung des Films ist jedoch Tye Sheridan, der schon in Tree of Life von Terrence Malick zu sehen war und für seine Darbietung in Joe zu Recht 2013 in Venedig mit dem Marcello Mastroianni Award als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde.
Ja, am Ende sind es wohl die Figuren, so gut oder böse sie am Ende auch sein mögen, die Green besonders am Herzen liegen und die auch der ausschlaggebende Faktor sind. Selbst wenn wie gesagt gleich zu Beginn klar wird, dass Joe ein tragischer Held ist, so ist er nicht der Typ tragischer Held, der aus einer griechischen Tragödie entsprungen zu sein scheint und nicht merkt, dass er auf den Abrund zurennt. Im Gegenteil, Joe weiß, dass er nicht wieder zu dem werden darf, was er mal war. Doch er weiß auch, dass er dahin muss und gerade weil seine Motive gut, menschlich und ehrenhaft sind, macht ihn das so interessant und zu einer Figur, mit der man als Zuschauer Mitleid und Anteil hat. Und am Ende überwiegt sogar der Gedanke, dass Joe etwas Gutes getan hat, über der Gewissheit, dass die Welt eigentlich viel zu voll ist mit schlechten und bösen Menschen.

Ich war von diesem Film sehr überrascht und wer den Stil und die Langsamkeit von David Gordon Green mag, sollte sich Joe definitiv anschauen – und wenn auf DVD oder Blu-ray, dann am Besten mit Untertiteln, denn das texanische Amerikanisch ist schon wirklich hart. Wer dann Gefallen am Film gefunden hat, dem empfehle ich bei den Extras noch die Dokumentation über die Entstehung von Joe und über den leider 2004 verstorbenen Autor Larry Brown, auf dessen gleichnamiges Buch der Film basiert.

DVD-/Blu-ray-Start: 23.10.2014

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