Journey to the West – Von Menschenhass zu meditativer Gelassenheit

by on 02/12/2014

Manche Filmkritiker sind schon echte Snobs. „Solche Filmchen habe ich schon vor 30 Jahren gedreht“, ereiferte sich ein Kollege möglichst laut, kaum dass der Abspann von Journey to the West vor unseren Augen vorbeigerollt, der letzte Ton des Soundtracks verklungen war. Hm. Mag ja sein. Aber vielleicht wollte das ja eigentlich gar niemand wissen. Wieso muss eigentlich immer das eigene Geschmacksurteil das Maß aller Dinge sein? Wieso nicht Filme bei aller Subjektivität auch mit einem kleinen Hauch Objektivität betrachten? Wieso nicht einfach mal versuchen, sich bei aller berechtigten Kritik für einen Moment in den Regisseur hineinzuversetzen? Die eigenen Vorlieben hinten anzustellen und probieren herauszufinden, mit welcher Intention der Filmemacher welches Mittel eingesetzt hat; welche Wirkung diese Mittel haben könnten. Statt nach fünf Minuten in der eigenen Verblendung zu schwelgen und sich selbst ob seines Könnens zu beweihräuchern. Oh, das hat mich wirklich aufgeregt. Aber was hatten wir da eigentlich gesehen?

Die Handlung von Journey to the West lässt sich kaum beschreiben, denn eine wirkliche klassische Geschichte nach aristotelischem Aufbau erzählt dieser Film nicht. Ming-Liang Tsai zeigt uns vielmehr eine Stunde lang einen orange gewandeten buddhistischen Mönch, der barfuß und in Zeitlupe durch die Straßen der südfranzösischen Stadt Marseille läuft. Und wenn ich Zeitlupe schreibe, dann meine ich auch Zeitlupe. Der Mönch, verkörpert von Lee Kang-Sheng, läuft derart langsam, dass seine Bewegung auf den ersten Blick überhaupt nicht auffällt. Er schleicht durch Fußgängerzonen und Unterführungen, an Hafenmauern vorbei und über Plätze, und bildet dabei einen tiefenentspannten Ruhepunkt inmitten gaffender, hektischer Menschenmassen.

© House on Fire

© House on Fire

Es stimmt ja: Journey to the West ist nicht unbedingt eine filmische Offenbarung. In schier unendlichen statischen Einstellung – die längste dauert über zehn Minuten – sehen wir abwechselnd den Mönch und Einwanderer aus verschiedensten Ecken dieser Welt. Mit den eingefangenen Bildern wird Ming-Liang Tsai bestimmt keinen Preis für die beste Kamera gewinnen und ich möchte sogar sagen, dass wir ähnliche Konzepte sicher auch schon zuvor gesehen haben. Aber es ist auch faszinierend, welche Kleinigkeiten sich entdecken lassen, wenn man sich auf die manchmal wirklich anstrengenden Bilder einlässt. Da sind zum Beispiel die herrlich absurden Reaktionen der Menschen: Sie imitieren ihn, wechseln die Straßenseite oder schütteln einfach gedankenverloren den Kopf bevor sie weiterhetzen. In einer besonders bizarren Einstellung läuft der Mönch an einem Café vorbei, vor dem lauter breitbeinige Machos sitzen, über deren Köpfen sich große Fragezeichen drehen. Das Spiel mit Kontrasten zieht sich durch den ganzen Film. Während das Zentrum des Bildes exzessive Langsamkeit suggeriert, läuft der Ton diesem Prinzip völlig zuwider. Stimmengewirr, Vogelgezwitscher und Motorengebrumm zerreißen die Stille und der sich bildende Klangteppich lenkt die Aufmerksamkeit umso mehr auf den Stilbruch – diesen Menschen, der sich all der Hektik entzieht.

Neben dem Geschehen vor der Kamera ist es aber vor allem spannend, was sich in unseren Köpfen abspielt. Gut, der ein und andere ist sicher weggedöst – und das kann ich niemandem verübeln. Immer bleibt die Kamera fern vom Mönch, so dass wir uns als distanzierte Überblicker der Szenerie fühlen. Irgendwann so versunken in meinem Amüsement über die vielen irritierten Menschen auf den Straßen von Marseille dachte ich mir, wie merkwürdig das doch eigentlich ist. Wir laufen jeden Tag an unzähligen Individuen vorbei und ich möchte gar nicht wissen, was für Verrücktheiten sich hinter deren Fassaden verbergen. Aber so lange sie äußerlich in die Norm passen, nehmen wir kaum Notiz von ihnen. Da muss erst ein orangefarbener Mönch an uns vorbeischleichen. Bei aller Befremdung wird die Situation in Journey to the West für uns aber auch irgendwann zur Normalität. Eine Einstellung liefert uns einen Establishing Shot – eine Übersicht über einen großen, offenen Platz. Viele Menschen durchschreiten den sich öffnenden Raum kreuz und quer, eine Gruppe Schaulustiger hat sich um einen Mann versammelt, der große Seifenblasen durch die Luft fliegen lässt. Und wir haben nichts anderes im Sinn als den Mönch. Wo zum Teufel hat sich der Buddhist versteckt? Wir suchen so lange ungläubig, bis sich endlich im gewohnten Schneckentempo sein Fuß von rechts ins Bild schiebt. Da ist er ja, denken wir beruhigt, der Film kann weitergehen. Soviel zum Thema Manipulation. Sie geht so weit, dass wir uns nach einer guten halben Stunde auf Gedeih und Verderb an einen in Zeitlupe laufenden Mönch gewöhnt haben.

So, lieber Kollege. Wie viele Menschen haben eigentlich den Film gesehen, in dem Du vor dreißig Jahren genau diese Bilder schon einmal eingefangen hast? Und vor allem: Ist danach jemand aufgestanden und hat dich lauthals mit einem unprofessionellen Totschlagargument zerrissen? Niemand muss Journey to the West gut finden. Ach, niemand muss überhaupt einen Film gut finden. Aber ein klein wenig Wertschätzung und Respekt dürfte doch drin sein.  Für eine Idee, für ein bisschen Handwerk, die Einladung in ein Festivalprogramm oder schlicht die Tatsache, dass hier eine kleine Anfängerin diesen Film zum Anlass nehmen konnte, um nach einem kleinen Ausbruch von Menschenhass wieder in kathartische, meditative Gelassenheit zu verfallen.

Journey to the West auf der offiziellen Berlinale-Website

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