Joy – Die Stella Dallas unserer Zeit

by on 12/21/2015

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© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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Es gibt in Joy – Alles Außer Gewöhnlich diese Szene, in der Joy (Jennifer Lawrence) mit unsicherem Gesichtsausdruck auf einem Sofa im Bildhintergrund sitzt, während sich im Vordergrund Männer mit dicken Siegelringen in Anzügen die Hände schütteln. Ich weiß nicht, wie oft ich solchen Szenen schon beigewohnt habe – im Alltag sowohl als auch in unzähligen Filmen. Es ist eine wirkliche Besonderheit, dass der Fokus diesmal nicht auf den Geschäftsmännern liegt, sondern auf der Frau im Hintergrund.

Joy ist eine moderne Stella Dallas, schreibe ich im Titel dieses Artikels. Wer ist denn eigentlich diese Stella? Keine Sorge, sie ist zwar ein echter Klassiker, aber eben nicht Casablanca. Ohne die Uni hätte ich sie wohl auch nicht gekannt. Ein 1937er Melodrama von King Vidor mit Barbara Stanwyck in ihrer ersten Filmrolle als Mutter, die sich den sozialen Konventionen nicht fügen möchte und deshalb eine ausgefuchste Strategie entwickelt, um ihnen zu entkommen und gleichzeitig ihre Tochter nicht ins gesellschaftliche Aus zu schießen. Melodramen waren damals als women’s weepies verschrien, seichte Unterhaltung für gelangweilte Hausfrauen. Aber als Stanwyck in der letzten Einstellung des Filmes mit einem strahlenden Lächeln nicht etwa in Richtung des Sonnenuntergangs schritt, sondern der Kamera entgegen – ihr Gesicht die Blicke des Publikums in den Zuschauerraum zurückwerfend – da hieß es, ein Star sei geboren. Stanwyck sollte später noch in vielen vergleichbaren Rollen spielen. Am Set von Stella Dallas wusste sie das freilich noch nicht.

The Marriages of LAUREL DALLAS from Catherine Grant on Vimeo.

Eine solche Zeitschleife gibt es auch am Ende von Joy – Alles außer gewöhnlich. Ihre Großmutter (Diane Ladd), die Erzählerin aus dem Off, informiert uns über die Erfolge, die Joy später einmal als Geschäftsfrau feiern wird. Ein Spoiler ist das nicht: David O. Russells neuer Film ist ein Biopic über Joy Mangano – die Erfinderin des Magic Mop. Jep. Ein Wischmob, bestehend aus Plastik und einem meterlangen, gewundenen Baumwollfaden: leicht, extrem absorbierend, zu bedienen ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Aber dazu später. Erst einmal bewegt sich die Zeitschleife von der zukünftigen Geschäftsfrau zurück in die filmische Gegenwart. Joy hat gerade einen Triumph erlebt, ihre Strategie ist aufgegangen. Mit neuer Frisur, in Lederjacke und mit extragroßer Sonnenbrille läuft sie die Straße entlang, der Kamera entgegen. Strahlend, Schneeflocken umwehen sie, dazu Musik wie aus einem Happy Ending Hollywoods Goldener Tage. Es ist diese Szene, die wir auch auf dem Werbeplakat zu Joy – Alles Außer Gewöhnlich sehen. Und es ist ein weiter Weg dahin.

Joy Mangano wohnt in den 1970er Jahren in Long Beach und ihr Alltag ist der von Millionen von Frauen. Als Angestellte einer Airline nimmt sie tagtäglich wütende Beschwerden entgegen, ihre lethargische Mutter nimmt ein Zimmer des kreditbelasteten Hauses in Beschlag und schaut dort Seifenopern, ihre Kinder brauchen Betreuung und ihr gealterter Vater Rudy (Robert de Niro) und ihr Exmann (Édgar Ramírez) teilen sich in Ermangelung eigener Wohnungen den Keller. Es ist an Joy, den Laden zusammenzuhalten: sie ist Arbeiterin und Mutter, Pflegepersonal und Psychologin, Putzkraft und Klempnerin – und eines Abends sitzt sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin Jackie (Dascha Polanco) am Küchentisch und fragt sich, wo eigentlich die Träume ihrer Kindheit hin sind. Sie arbeitet sich den Arsch ab und trotzdem bleibt sie unsichtbar. Warum dann nicht gleich ebenfalls im Schlafzimmer sitzen bleiben und Seifenopern schauen? Aber Joy will sich nicht zufrieden geben. David O. Russell zeichnet den Weg ihrer Erfindung zum Erfolg detailliert nach – aber natürlich ist es nicht der Magic Mop, der im Mittelpunkt des Filmes steht.

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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Auf der Handlungsebene ist es Joy selbst, die in jeder einzelnen Szene zu sehen ist. Der Regisseur findet einen spannenden Stil, um ihre Geschichte zu erzählen. Zum Einen ist er – eben ganz David O. Russell – über alle Maßen artifiziell. Das Haus der Familie Mangano wird bei ihm zur Bühne, so ähnlich wie die dreh- und schwenkbare Kulisse der Homeshopping-Show, in der Joy später ihre Erfindung verkaufen wird. Eine Bühne jedoch, auf der keine glanzvolle Show sich abspielt, sondern auf der die Figuren sich mit dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags herumschlagen müssen. Die sorgfältig gestalteten Kostüme, die studio-professionelle Ausleuchtung der Räume, die filmische Realitätsebene, die sich in Joys Träumen mit den Kulissen der Seifenopern vermischt – all das ist ist einer subtileren Ebene entgegengesetzt, die erstaunlich treffend so etwas wie tatsächlich existenten Alltag beschreibt: wie im Laufe des Tages Joys Frisur zerfranst und abendliche Gespräche am Küchentisch die einzigen fünf Minuten Freizeit bedeuten; in solchen Details werden sich zahllose arbeitende Mütter wiederfinden.

Auf einer weiteren Ebene ist es aber gar nicht unbedingt Joy allein, deren individueller Weg hier zählt. „Inspired by many daring women“, schreibt David O. Russell auf die Leinwand, bevor der Film beginnt. Und deswegen muss das Bild von ihr als gemachter Geschäftsfrau hinter dem Schreibtisch auch nicht am glorreichen Ende stehen. Viel treffender ist es, wie sie strahlend auf die Kamera zu marschiert. Mit Lederjacke und Sonnenbrille in die generische Uniform eines Stars gewandet. Es ist das Sichtbarwerden, gar das Starwerden einer Frau wie jeder Anderen, das hier erzählt wird. Dieser zahllosen Frauen, die gleichzeitig fünf Jobs verrichten aber nur einen davon bezahlt bekommen. Die viel zu lange im Hintergrund sitzen blieben, während gutverdienende Anzugträger sich die Hände schüttelten. Die es sowas von wert sind, gesehen zu werden.

Pressespiegel auf film-zeit.de

Kinostart: 31. Dezember 2015

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