Katastrophe und Kapitalismus – Phantasien des Untergangs

by on 09/21/2013

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© Bertz + Fischer

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Die Katastrophen auf der Leinwand haben es mir angetan, insbesondere seitdem ich meine Magisterarbeit zum Thema religiöser Subtexte in Weltuntergangsfilmen verfasst habe. Der Titel Katastrophe und Kapitalismus – Phantasien des Untergangs zog mich daher magisch an, obwohl Autor Jan Distelmeyer – seines Zeichens Professor für Mediengeschichte und -theorie – die Religion in seinen Betrachtungen vollkommen beiseite lässt. Dennoch widmet er sich, wie damals auch ich, der starken Präsenz apokalyptischer Szenarien im Mainstream-Kino und geht ihr auf den Grund.

Wie der Titel schon verrät, stellt Distelmeyer eine Verbindung zwischen der Katastrophe im Film und dem Kapitalismus, bzw. der kapitalistischen Krise her. Er beobachtet, wie sich Katastrophenszenarien im Kino verändert haben, wie sie von kleinen, kontrollierbaren Unfällen wie Flugzeugabstürzen zu unaufhaltbaren Weltvernichtungsszenarien wurden. Diese Entwicklung verbindet er argumentativ mit der Wirtschaftskrise und dem Verlust des Glaubens an den Kapitalismus. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge erwiesen sich dabei als so komplex, dass sich der Mensch ihnen ähnlich hilflos ausgesetzt sehe wie einem Orkan oder Erdbeben. Hiermit erklärten sich, so Distelmeyer, die Metaphern und Illustrationen der medialen Krisenberichterstattung, die sich das Vokabular der Naturkatastrophen oder die Bilder des Katastrophenfilms zu eigen machten.

Die These, Wirtschaftskrise und Katastrophenfilm stünden in einem Zusammenhang, ist nicht sonderlich steil. Hieran krankt in meinen Augen der Essay Distelmeyers, der sich manchmal wie eine Aufzählung von Beispielen liest und oft einen sehr akademischen Tonfall anschlägt. Auch wenn der Text einige Aha-Momente liefert, verliert er sich oft an Nebenschauplätzen wie Genre-Diskussionen oder seitenlangen Zitatensammlungen, die einen umfassenden Einblick in das Medienecho der Wirtschaftskrise verleihen sollen, in der Masse jedoch über das Ziel hinaus schießen und den Leser zu weit weg von der ursprünglichen Fragestellung führen. Fest steht: Katastrophe und Kapitalismus – Phantasien des Untergangs ist, und das sollte in Anbetracht des Titels eigentlich niemanden wundern, nicht nur ein Buch über Film, sondern auch über Wirtschaft. Dass ich mich in diesem Bereich weniger zu Hause fühle, kann ich Herrn Distelmeyer wahrlich nicht ankreiden.

Insgesamt empfand ich das Buch dennoch als nicht sonderlich stark. Wie oft, wenn ich akademische Texte lese, habe ich das Gefühl, das dargelegte Argument hätte auch in wenigen Seiten klarer ausformuliert werden können und wird nur durch die enthaltene Zitatesammlung zu einem Buchkorpus aufgeblasen. Auch der Versuch, dem Ganzen durch die Konstruktion eines Widerspruchs eine Dramaturgie zu verleihen, schlug in meinem Fall fehl. Jan Distelmeyer macht uns darauf aufmerksam, dass doch die Finanzkrise mit der Suche nach einem Schuldigen verbunden sei, während der Mensch den Naturgewalten unschuldig und hilflos gegenüber stünde. Doch schon als ich dies das erste Mal las, entstand für mich hier keine Frage, die das vorliegende Buch zu beantworten hätte. Der Widerspruch ist in meinen Augen keiner und ich fragte mich, ob der Verfasser es denn hier wirklich versäumt habe, zu berücksichtigen, dass wir den Menschen durchaus als Verursacher von Nataurkatastrophen annehmen können. Als schließlich auch Jan Distelmeyer am Ende des Buches formuliert, dass Erdbeben und Konsorten nur dann als Bild für die Wirtschaftskrise dienen könnten, wenn wir sie als Folge unserer Nachlässigkeit begriffen, war dies für mich dementsprechend kein Erkenntnismoment.

Ich kann Katastrophe und Kapitalismus – Phantasien des Untergangs nur bedingt empfehlen. Der Auto macht uns definitiv auf Zusammenhänge aufmerksam, die zumindest ich zuvor nicht im Blick hatte. Doch Jan Distelmeyer bleibt für meinen Geschmack zu sehr an der Oberfläche, zählt Filme wie auch Zitate zur Wirtschaftskrise eher auf, statt sie zu analysieren. Vielleicht eignet sich der Essay am besten als Einführung in ein Themengebiet, das wir bei Interesse mit weiterführender Literatur vertiefen können. Mich hat Katastrophe und Kapitalismus – Phantasien des Untergangs jedoch nicht sonderlich neugierig gemacht.

Katastrophe und Kapitalismus – Phantasien des Untergangs ist bei Bertz + Fischer erschienen.

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