Keine Angst vor Hitler – Darf sich Film über Nationalsozialimus lustig machen?

by on 09/29/2014

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Ich schreibe selbst als Filmkritiker, aber über Film schreiben heißt nicht zwangsläufig, dass man das nur im Form einer Kritik oder Rezension machen muss. Dies geht auch aus film- und medienwissenschaftlicher Sicht. In meiner Kolumne “Back To The Film Studies” will ich mich daher aktuellen aber auch nicht aktuellen Filmen, Serien und ganzen Genres widmen und hier einzelne interessante Aspekte aus film- und medienwissenschaftlicher Sichtweise beleuchten und besprechen.

Foto: Elliott Brown / Titel: Bletchley Park - The Churchill Collection - Charile Chaplin (CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Foto: Elliott Brown / Titel: Bletchley Park – The Churchill Collection – Charile Chaplin
(Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Als ich vor Kurzem im Bus stand, dachte ich über die verpasste Chance nach die DVD von Iron Sky zu rezensieren. Ich hatte den Film bereits auf der Berlinale gesehen, doch ich hätte ihn gerne wieder gesehen, weil er einer dieser wenigen Filme ist, die es schaffen auf intelligente Art und Weise rechtes Gedankengut auf den Arm zu nehmen und sich damit auf filmische Art und Weise einem komplizierten Thema zu widmen. In der Tat, ein so schwieriges Thema mit Humor zu entwaffnen, ist wohl die beste Möglichkeit um diesem komplexen Thema Herr zu werden, auch wenn das Unterfangen stellenweise in die Hose gehen kann.

Charlie Chaplins Film Der große Diktator (1940) ist eines dieser Beispiele, die Erfolg hatten. Auch wenn Chaplin im Nachhinein immer wieder gesagt haben soll, dass er in Anbetracht der Gräultaten Hitlers diesen Film lieber nicht gemacht hätte, ist sein Werk wohl das beste Beispiel dafür, wie Humor entwaffnend sein kann und den deutschen Diktator als das darstellt, was er ist: ein kleiner mit einer Weltkugel spielender Kauz, der seine Allmachstfantasien befriedigen will.

Das alles soll und darf den vom Naziregime begangenen Massenmord nicht schmälern oder gar rechtfertigen. Im Gegenteil, dieser darf nie vergessen werden. Doch gelähmt sein ist keine Lösung. Dazu fällt mir der Artikel „Keine Angst vor Hitler“ des Tagesspiegel Kolumnisten Harald Martenstein ein, den er vor mittlerweile 6 Jahren geschrieben hatte. Anlass war ein Zwischenfall im Wachsfigurenkabinett Madame Tussaud in Berlin, bei dem ein Besucher dem Wachs-Hitler den Kopf abgehauen hatte und dieser seit dem hinter einer Glaswand steht und es auch verboten ist sich mit der Diktator aus Wachs fotografieren zu lassen. Das Problem ist, dass Hitler zu einem scheinbar unerreichten Monster hochstilisiert wird. Was er zweifelsohne war, doch das macht ihn zu einem noch größeren Problem. Er wird damit auf einen Sockeln gehoben, auf dem scheinbar unantastbar wird, zu einem „Voldemort der Geschichte“ hochgehoben, dessen Namen man nicht nennen darf und damit zu einem Phänomen verklärt, das unerklärlich „vom Himmel kam“. Doch das Gegenteil ist der Fall: er war ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft, der mit demokratischen Mittel an die Macht kam. Das macht es nicht besser, im Gegenteil, das ist sogar noch erschreckender. Aber erst wenn wir keine Angst mehr vor ihm haben, können wir ihn entzaubern und über ihn lachen. Und genau das macht Chaplin: er stellt Hitler / Hinkel als eine Mann dar, der mit einem Luftballon in Form einer Weltkugel durch das Zimmer tanzt und dessen Träume am Ende zerplatzen.

Ein weiteres gelungenes Beispiel ist dahingehend eben Iron Sky (2012) von Timo Vuorensola.
Auch wenn auf Deutschland zu Recht die Last der Vergangenheit und damit die Bürde der Verantwortung und Mahnung liegt, finde ich es schade, dass die deutsche Medienlandschaft scheinbar keinen großen Mut dazu aufbringt dem Weg von Chaplin zu folgen. Ausländische Produktion tendieren hingegen dazu häufig das Thema zu plump und einfach darzustellen. Iron Sky ist da erfreulicher Weise anders.
Ein Bonus dieses Films ist wohl, dass auch deutsche Schauspieler an dem Projekt beteiligt waren und damit diesen Mythos der Unantastbarkeit und der vermeintlichen Unspielbarkeit deutscher Nazis durch deutsche Schauspieler gebrochen haben.
Was aber die beiden genannten Filme verbindet, ist die Tatsache, dass sich die Figuren, oder in diesem konkreten Fall die Nazis, sich selbst zu ernst nehmen und uneingeschränkt von der eigenen Überlegenheit überzeugt sind. So staunt Doktor Richter (Tilo Prückner) in Iron Sky, überzeugt von der Überlegenheit seines deutschen Zuse, nicht schlecht als ihm ein iPod präsentiert wird, der eine größere Rechenleistung hat als sein überdimensionierter Rechner. Kurz gesagt, der Gag zündet erst dann, wenn die „überlegen Herrenrasse“ als gar nicht mehr so überlegen dargestellt wird und sich selbst bloßstellt.

Ein Beispiel, in dem dieses Prinzip hingegen leider nicht funktioniert, ist Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (2007) von Dani Levy. So ehrenvoll und gut gemeint die Geschichte auch sein mag, der Versuch sich über Hitler lustig zu machen, schlägt in meinen Augen fehl. Das Problem liegt in dem von Helge Schneider dargestellten depressiven Hitler, der in einer Sinnkrise steckt. Ich kann keine Person als einen größenwahnsinnigen Hanswurst bloßstellen, die von sich selbst weiß, dass sie ein Hanswurst ist – und das genau macht der Hitler in Levys Film. Die Fallhöhe, die dafür nötig ist um die Figur bloßzustellen, ist nicht mehr gegeben.

Ein weiteres Beispiel hingegen dafür wie man mit Humor und dem Thema Nationalsozialismus umgehen kann und das zugleich auch zeigt, welchen schmalen Grad man dabei immer läuft, ist Sein oder Nichtsein (1942) von Ernst Lubitsch. Auch dieser Film profitiert von eben dieser genannten Fallhöhe. Der Geniestreich von Lubitschs Werk ist aber, dass die Figuren in dieser shakespeareartigen Tragikomödie, selbst im Angesicht des eigenen möglichen Todes, den Gegner mit Humor bezwingen und das macht ihn so stark.

Ich habe an dieser Stelle nur ein paar Beispiele genannt und die Debatte über die Darstellbarkeit des (personifizierten) Grauens könnte noch sehr lange dauern. Wer sich noch weiter mit dem Thema der Darstellbarkeit des Grauens befassen will, dem empfehle ich – wenngleich mehr auf Fotografie bezogen – das sehr interessante Buch „Bilder trotz allem“ von Georges Didi-Huberman. Ich glaube aber, dass diese paar filmischen Beispiele ganz gut zeigen, dass Humor eine sehr starke Waffe sein kann, der Film und wir keine Angst vor Hitler haben dürfen und nur so diesem scheinbar unzerstörbarem Mythos „Hitler“ den Boden entziehen können und müssen.

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