We Need to Talk About Kevin

by on 08/22/2012

© fugu

We Need to Talk About Kevin, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Lionel Shriver, ist ein Film, der körperliches Unbehagen bereitet. Dies mag eine Floskel sein, doch in diesem Falle trifft sie zu, zumindest bei mir. Er ist nicht perfekt, gelegentlich scheint sich Regisseurin Lynn Ramsay etwas zu sehr ihrer Virtuosität bewusst zu sein, doch wenn subtilste Details eingefangen werden und Alltägliches den darunter verborgenen Abgrund offenbart, hat diese Studie über die Rätselhaftigkeit des Bösen eine bedrohliche Wucht, wozu die schauspielerischen Leistungen erheblich beitragen. Über die Entscheidung, bei der Darstellung der Entwicklung eines Psychopathen auf die üblichen Erklärungen zu verzichten, lässt sich sicherlich trefflich streiten, doch wie soll man diesem notorischen Dilemma beikommen? Mark David Chapman, John Lennons Mörder, hatte eine schwere Kindheit und wurde angeblich von J.D. Salingers Catcher in the Rye inspiriert – lässt sich da eine lückenlose Kette bilden? Wohl eher nicht. Daher ist das Rätsel um die Motivation eine kluge und umso beunruhigendere Wahl. Man kann seine Augen nicht abwenden, auch wenn bald deutlich ist, wie fatal die Geschichte ausgehen wird.

Eva Khatchadourians (Tilda Swinton) Leben liegt in Trümmern. Ihr Haus wird mit roter Farbe beschmiert, der Wagen demoliert. Nur mit Tabletten übersteht sie den Alltag. Immerhin schafft es die einstige Abenteurerin und erfolgreiche Schriftstellerin, eine einfache Anstellung in einem Reisebüro zu finden. Doch ihre Vergangenheit verfolgt sie, selbst ein Supermarktbesuch birgt Gefahren, da sie dort gewissen Leuten begegnen kann. Welche Schuld hat sie auf sich geladen? Nach und nach kommen die Hintergründe in Rückblenden ans Licht: Ihr kleiner Sohn Kevin (Jasper Newell) ist ein Tyrann, der sie bei jeder sich bietenden Möglichkeit demütigt. Zunehmend verschlimmert sich diese Eigenart noch, während er gegenüber seinem Vater Franklin (John C. Reilly) nur seine freundliche Seite präsentiert. Von bewusster Zerstörung bis zu subtiler Erpressung reichen seine Methoden dann als Heranwachsender (Jasper Newell). Im Teenageralter erreicht Kevin (Ezra Miller) dann erneut eine höhere Stufe der Niedertracht.

Wie gesagt, die Motivation für Kevins Verhalten wird ausgespart, sieht man einmal von einer – etwas plakativen – Andeutung von Hunger nach (Medien-)Aufmerksamkeit ab. Nun könnte man sicherlich einwenden, dass daher das Böse hier also einen mythischen Anstrich bekäme. Das ist nicht von der Hand zu weisen, jedoch meistern die drei Darsteller des Protagonisten ihre Aufgabe mit einem Bravour, der bei einer anderen, realistisch-kausalen Konzeption à la „Kind wird nicht geliebt, es will auffallen, es wird böse, etc.“ so nicht möglich gewesen wäre. Gerade Ezra Miller, der mit seiner blasierten, androgynen Ausstrahlung optisch glatt als tatsächlicher Sohn Swintons durchgehen könnte, entwickelt eine Präsenz, der man entsetzt, aber fasziniert zuschaut. Ohnehin ist Stimmung das Entscheidende für Ramsays zweiten Langfilm, deren Auslöser – über sich hinausweisende Momentaufnahmen, Umschwünge, kurze Augenblicke, auch des Glücks – lange nachhallen, nicht Gewalt selbst, die allenfalls angedeutet wird.

Es entwickelt sich eine fragmentierte, jedoch nie verwirrende Reise durch die Gedanken der von Schuldgefühlen geplagten Eva, deren gegenwärtiges Leid enorm berührt, gerade weil Tilda Swinton sie ambivalent anlegt. Die Szene, in der sie auf dem Weg von ihrem erfolgreichen Bewerbungsgespräch der Mutter eines Opfers begegnet, dürfte zum Erschütterndsten gehören, was ich im Kino bisher gesehen habe, ein brutaler Stimmungswechsel, auch für den Betrachter, der ja durchweg gezwungen wird, ihre Perspektive einzunehmen. Auch darin geht der Plot über allzu Vertrautes hinaus, meist werden die Opfer von Gewaltverbrechen in den Fokus gerückt, nicht die (vermeintlichen?) Verursacher auf Elternseite. Emotional ist dies bisweilen schwer zu ertragen, doch nicht zuletzt angesichts der nie schwindenden Aktualität der Thematik lohnt sich der Kinobesuch unbedingt.

Bei aller bewundernswerten Kunstfertigkeit: Manchmal wäre weniger dann doch mehr gewesen. Wenn Eva andauernd die rote Farbe an ihrem beschmierten Haus entfernt und diese nur mühsam von ihrer Haut verschwindet, ist das eine etwas zu aufdringliche Symbolik. Diverse Montagen setzen zudem zu sehr auf den Effekt und der durch David Lynch zum Standard avancierte Dröhn-Sound ist inzwischen leider zum Klischee verkommen. Letztlich überwiegt der positive Eindruck allerdings bei weitem, auch wenn We Need to Talk About Kevin freilich nicht zu den Filmen gehört, die man sich öfters anschauen kann. Er geht dahin, wo es wehtut, in die Regionen, wo sich die verdrängten Gedanken über die eigene Schulzeit und Ängste über die Zukunft der (eventuellen oder bereits vorhandenen) Kinder befinden.

KINOSTART: 16. August 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

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jonas reinartz hat in Köln Germanistik, Mittlere/Neuere Geschichte und Anglistik studiert. Generell ist er ein bisschen vernarrt in Kino und Literatur, in Naturwissenschaften eher weniger. Rezensionen für filmstarts.de und literaturkritik.de.

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