La Grande Bellezza

by on 06/12/2013
© DCM

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Nachdem ich den Film in Cannes verpasst habe, kommt La Grande Bellezza überraschend schnell in die deutschen Kinos. So war es für mich natürlich keine Frage, dass ich diesen italienischen Wettbewerbsbeitrag gleich bei der ersten Gelegenheit „nachholen“ würde. Um es direkt einmal vorwegzunehmen: Der Titel selbst ist die beste Beschreibung des Films. La Grande Bellezza ist vor allem eins: unheimlich schön.

Woher aber kommt diese Schönheit? Nun, ein Teil ist sicher dem Spielort, der „ewigen Stadt“ Rom geschuldet, die Regisseur Paolo Sorrentino durch beeindruckende Kamerafahrten mit all ihrem Zauber einfängt. Und es sind eben diese Kamerafahrten, die selbst erheblich zu der Ästhetik des Werks beitragen. Sie vermitteln dem Zuschauer das Gefühl, durch eine bunte Welt aus Sehenswürdigkeiten und Partyleben hindurch zu fliegen. Und ja, diese Gegensätze aus alt und neu bilden dann das dritte Element, das das Gesamtkunstwerk La Grande Bellezza abrundet: Sakrale Chorgesänge, die fast ein wenig zu viel Pathos erzeugen, und brummende Partybässe wechseln sich übergangslos miteinander ab. Der Film hat etwas Rauschhaftes, dem wir uns weniger rational, als vielmehr mit unseren Sinnen annähern.

Hauptfigur Jep Gambardella (Toni Servillo), erfolgreicher Journalist und Mitglied der römischen High Society jedoch tut genau das Gegenteil. Er nimmt Abstand von der scheinbar leeren Partykultur, vom rein sinnlichen Erleben des süßen Lebens der schönen und Reichen, und beginnt sich zunehmend den Kopf zu zermartern. Mit seinem 65. Geburtstag wird dem gescheiterten Romanautor die eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst und er begibt sich auf die Suche nach Sinn und wahrer Schönheit. Dass er diese inmitten der Oberflächlichkeit seines sozialen Umfelds nicht zu entdecken vermag, lässt ihn verzweifeln. Nur in den Gedanken an eine längst verflossene Liebe, eine durch die vielen Jahre idealisierte Erinnerung an seine Jugend, scheint ihm die Art unschuldiger Schönheit zu bieten, nach der er sich sehnt.

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Der Kontrast zwischen Schein und Sein ist in La Grande Bellezza omnipräsent und bezieht sich mitnichten nur auf durchgestylte High Society Snobs. Auch selbsternannte Performancekünstler bekommen hier ihr Fett weg. So wirkt die Darbietung einer nackten Schauspielerin, die zur Darstellung von – ja, was denn eigentlich? – mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wand läuft, nur noch absurd. Im Interview mit Jep erweist sich auch ihr esoterisches Lebensmotto als reine Phrase ohne echten Inhalt. Auf dieselbe Art und Weise wird später ein Geistlicher entlarvt, der trotz seiner erhabenen Stellung in der Kirchenhierarchie nur über seine Kochkünste zu berichten weiß und nicht in der Lage ist, Jep spirituellen Beistand zu leisten. Alles und alle sind reine Oberfläche.

Paolo Sarrontino zeigt uns ein Rom, das bis zum Exzess stilisiert ist.Verkehrschaos und Touristenströme suchen wir hier vergebens, dafür verströmen die bekannten Wahrzeichen eine marketingtaugliche Magie. Gleichzeitig entlarvt der Regisseur aber durch die Demaskierung der römischen intellektuellen Oberschicht auch seine eigene Inszenierung, denn im Grunde ist seine Darstellung von Rom nicht weniger „künstlich“.

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Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum La Grande Bellezza vor allem ein Gemälde bleibt, das wir uns gerne ansehen, und weniger eine Geschichte, in die wir uns emotional involvieren. Jeps Suche nach Schönheit, das Ringen mit der eigenen Vergänglichkeit und die Sehnsucht nach wahrer Liebe sind sichtbar aber nicht unbedingt auch spürbar, fordern nicht unsere Empathie ein. Und so lachen wir herzlich über die bis zur Absurdität überzeichneten Charaktere, auf die der Held im Laufe des Films trifft, verlieren uns aber niemals in Trauer über seine Situation.

La Grande Bellezza fängt uns mit seiner Bilderflut ein. Wir wollen immer weiter mit der Kamera fliegen, immer weiter Partys besuchen und uns an den skurrilen Ereignissen erfreuen. Wir wollen ganz eintauchen in diese sinnliche Welt. Und, ach, wie ernüchternd ist es, wenn nach erstaunlich kurzen 150 Minuten plötzlich der Abspann beginnt. Dann nämlich müssen wir wieder raus in eine Welt, die nicht halb so schön ist wie Sorrentinos La Grande Bellezza, und uns wieder unserer eigenen Sinnsuche widmen.

Kinostart: 25. Juli 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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