La tête haute – Wenn ein Film ein Diskussionsbeitrag sein will

by on 05/13/2015

Flattr this!

© Luc Roux

© Luc Roux

„Das Monster spielt doch ganz ruhig.“ Eine junge Mutter (Sara Forestier) ist mit ihren zwei kleinen Söhnen vorgeladen. Sie ist überfordert mit Malony (Enzo Trouillet), ihrem Sechsjährigen, und dem zweiten Kind. Was genau hier das Problem ist, können die Jugendrichterin (Catherine Deneuve) und wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen. Nur, dass es offensichtlich ein großes Problem gibt.

Harter Schnitt, Malony ist 15 Jahre alt (und wird nun gespielt von Rod Paradot). Lachend sitzt er am Steuer eines viel zu schnellen Wagens. Der nicht ihm gehört. Und eine Fahrerlaubnis hat er ebenfalls nicht. Schon finden wir uns wieder in dem kleinen, mit Menschen und Papierkram vollgestopften Büro. Die selbe Richterin, die selbe Mutter und der Sohn. Er ist nur größer geworden, genau wie seine Probleme. In La tête haute (Standing Tall), dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Festspiele von Cannes, lässt uns die Regisseurin Emmanuelle Bercot teilhaben an der Entwicklung eines Jungen, der den Versuch aufgegeben hat, einen eigenen Weg zu finden. Weil er, zumindest wenn es nach seiner eigenen Wahrnehmung geht, sowieso nichts richtig machen kann. Verwarnungen und Verhandlungen, Strafen und Gefängnisandrohungen gehören zu seinem Alltag. „Wie habe ich dieses Monster erschaffen?“, fragt seine Mutter und es scheint sie auch nicht zu stören, dass es Malony hört.

Bercot hat mit La tête haute einen Film gedreht, der etwas anders ist als die Filme, die sich in den letzten Jahren ein eher prekäres Milieu vornahmen. Bei ihr sehen wir keine endlosen Plattenbausiedlungen am Stadtrand, deren graue Trostlosigkeit gewissermaßen schon die halbe Erklärung für alles liefert, was in ihnen schief läuft. Die meiste Zeit spielt ihr Drama in eng begrenzten Innenräumen, im Büro der Richterin, in Besuchsräumen und beim gemeinsamen Essen im Jugendheim, das angefangen bei kleinen Kabbeleien schnell in halbe Massenschlägereien ausarten kann. La tête haute betreibt nicht vorrangig Ursachenforschung. Vielmehr untersucht er die Schnittstelle, an der zwei konträre Welten sich aneinander reibend aufeinandertreffen. Auf der einen Seite dysfunktionale Familien, überforderte Eltern, alleingelassene Mütter, abgewiesene Kinder. Auf der anderen Seite ein vermeintlich perfekt durchorganisiertes System aus Justiz und Polizei, Richtern, Betreuern, Sozialarbeitern, Anwälten, Psychologen. Unzählige kleine, perfekt ineinander greifende Rädchen, ein Stützpfeiler unserer zivilisierten Gesellschaft.

© Luc Roux

© Luc Roux

Es ist zum einen den Schauspielern zu verdanken, dass diese Gegenüberstellung nicht zu einer schlichten Schwarzweiß-Anordnung gerät. Rod Paradot spielt wunderbar diesen verschlossenen Jungen, die Lippen stets zu einem schmalen Schlitz zusammengepresst. Er mag nicht der charismatische Sympathieträger sein wie Antoine-Olivier Pilon in Xavier Dolans Mommy, aber wenn er allein in irgendeiner Ecke steht und mit den Füßen die Betonwand hinter sich tritt, dann kommt immer wieder der still auf dem Boden spielende Junge aus der Anfangsszene in Erinnerung, der schlicht nicht weiß, wohin mit sich. Der fünf Anläufe braucht, um in krakeliger Kinderschrift ein Motivationsschreiben für seine erneute Aufnahme in die achte Klasse zu verfassen. Der verschreckt zurückzuckt, wenn ihm jemand Anerkennung und Zärtlichkeit entgegenbringt. Catherine Deneuve hingegen spielt eine Richterin von geradezu mütterlichen Qualitäten, die ihre schweren Jungs schon mal zum gemeinsamen Essen im Jugendheim besucht. Ihre Rolle gibt ihr nicht allzu viele Möglichkeiten, die verbleibenden nutzt sie allerdings mit allen Mitteln, die einer Deneuve eben zur Verfügung stehen.

Zum Anderen ist es die sorgfältige Inszenierung von Emmanuelle Bercot, die zwischen all den verhärteten Fronten stets auf beiden Seiten nach etwas Menschlichkeit sucht. Die entspannte und sogar ausgelassene Momente zulässt und Betroffenheitskino von oben herab vermeidet. Schon in der ersten Szene gelingt es ihr, eine dichte Atmosphäre des Stresses aufzubauen: Reißschwenks, ein schreiendes Baby, laute Stimmen ohne die Gesichter der Streitenden zu zeigen. Unser Mitgefühl gilt dem Kind und alle Aufmerksamkeit gilt der Lösungsfindung, ohne  dabei aber dezidiert eine bestimmte Lösung für ihren Protagonisten vorzuschlagen. So lassen sich ein paar Klischees dabei nicht vermeiden: der tanzende Jugendliche in der Disco, die Ausraster in Stresssituationen, eine Teenagerschwangerschaft. All das haben wir sicher schon oftmals in anderen Filmen gesehen. Abseits einiger intensiver Momente rutscht der Film immer wieder ins Pädagogische, wird beispielhaft, zu abwägend und damit auch risikobefreit. Immerhin gibt Emmanuelle Bercot aber, soviel ist ihr anzurechnen, ihre Figuren nicht der Lächerlichkeit oder des sensationsgierigen Begafftwerdens preis. Sie lässt ihnen, und uns, am Ende die Aussicht auf Besserung.

Man könnte ihr, wenn man sich auf solche vereinfachenden Zuschreibungen einlassen wollte, damit den vielzitierten sensibleren, weiblichen Blick unterstellen, mit dem sie sich der harten Realität ihres Sujets widmet. Und ein Stück weit wäre das sicher im Sinne des Festivals, das sich immerhin im Jahre 2015 ein wenig mehr auf weibliche Perspektiven einzulassen gedenkt. Fakt ist aber vielmehr, dass Emmanuelle Bercot nicht unbedingt einen weiblichen, sondern den in einer ausgewogenen Situation einzig zielführenden Blick an den Tag legt: auf der einen Seite plädiert der Staatsanwalt strikt für Gefängnisstrafen, auf der anderen Seite wollen das die Sozialarbeiter unter allen Umständen vermeiden. Entschieden werden muss, so aufwändig es sein mag, neu von Fall zu Fall. Es ist der konsensfähigste Weg, nicht unbedingt der, der besonders schnell zu extremer Wirkung führt. Nur ist ein Film eben mehr als ausgewogenes Argumentieren. La tête haute ist nicht der spektakulärste Eröffnungsfilm für ein Festival wie Cannes. Eher Einer, auf den sich irgendwie alle einigen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 2+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.