Lesestoff: Lars von Trier goes Porno

by on 05/21/2014

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© Bertz + Fischer

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Ich frage mich wie Georg Seeßlen das gemacht hat. Kaum waren Nymphomaniac: Vol. I und Nymphomaniac: Vol.II in den deutschen Kinos, erschien auch schon sein Buch Lars von Trier goes Porno: (Nicht nur) über NYMPHOMANIAC, in dem sich der bekannte Filmkritiker en detail mit dem letzten Streich des dänischen Skandalregisseurs auseinandersetzt. Eine einzige Sichtung kann da kaum ausgereicht haben, um derart tief in das verworrene Universum dieser beiden Filme einzutauchen. Die Frage, wie dieses Buch entstanden ist, kann ich leider nicht beantworten, dafür aber, worum es geht und was es taugt.

Wie der Titel schon verrät, geht es hier nicht ausschließlich um Nymphomaniac, sondern um das gesamte Oeuvre von Triers. Georg Seeßlen will dem Leser den Menschen Lars von Trier nahe bringen, um ihm den Künstler Lars von Trier verständlich zu machen und so beginnt sein Buch auch mit dem trefflich benannten Kapitel „Who the fuck is Lars von Trier„? Nach wenigen Seiten wird bereits deutlich, dass wir es hier nicht mit einem neutralen Betrachter, sondern mit einem Fan zu tun haben und dieser Eindruck hält sich bis zum Ende des 224 Seiten langen, aber kleinformatigen Buches. Nun ist freilich nichts dagegen einzuwenden, Lars von Trier als Menschen und/oder Künstler zu schätzen, die Perspektive jedoch ist dementsprechend eine andere als beispielsweise der sehr von Trier kritischen feministischen Filmkritik.

Deutlich interessanter als die Informationen zu der Person Lars von Trier waren daher für mich Seeßlens Überlegungen zu Pornografie und Film, die er im zweiten Kapitel ausführt. Hierin liegt für mich ganz klar die Stärke dieses Buchs. Der Autor betrachtet im Folgenden alle Werke von Triers mit Hilfe der im zweiten Kapitel entwickelten Paradigmen und untersucht die verschiedenen pornographischen Elemente, das Verhältnis der Geschlechter und selbstredend das Verhältnis von Filmfigur, Schöpfer und Zuschauer. Dabei gelingt es Georg Seeßlen, das Werk Lars und Triers in neuem Licht erscheinen zu lassen, zumindest mir eröffneten sich neue und aufschlussreiche Sichtweisen auf seine Filme. Nur im Finale verlor mich die Lektüre dann doch. Seeßlen geht derart detailliert an die beiden Nymphomaniac Teile heran, dass selbst ich, die ich die Filme sehr aufmerksam gesehen habe, angesichts all dieser Details den Überblick verlor. Auch steigert sich sein Theoriegebäude in immer schwerer zu durchdringende Komplexität, die weniger Aha-Effekte als neue Fragen entstehen lässt. Am Ende bleibt bei mir der Eindruck, dass ein wenig mehr zeitliche Distanz zu diesem Werk sowohl für den Autoren als auch für seine Lehre produktiver hätte sein können.

Ich kann von mir nicht behaupten, ich würde Nymphomaniac nun besser verstehen und auch meine recht kritische Meinung zur Abwesenheit gewisser Körperteile hat sich durch die Lektüre von Georg Seeßlens Buch nicht geändert. Wohl aber habe ich neue Werkzeuge erhalten, mit deren Hilfe ich existente und noch kommende Filme (nicht nur) von Lars und Trier betrachten und interpretieren kann. Lars von Trier goes Porno ist eine wirklich spannende Abhandlung für all jene, die sich entweder für Lars von Trier oder aber für Sexualität im Film interessieren. Voraussetzung ist jedoch – wie leider so oft bei Büchern dieser Art – eine geisteswissenschaftliche Grundbildung. Ohne jene dürften die komplexen Satzkonstruktionen und kulturwissenschaftlichen Begrifflichkeiten nämlich kryptischer wirken als jeder Lars von Trier Film.

Das Buch ist am 2. April 2014 bei Bertz + Fischer erschienen.

Bücher über Lars von Trier und Sexualität im Film im Bertz + Fischer Verlag:

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