Liebe auf den ersten Schlag – Ein Film wie ein Sommer-Survivaltrip

by on 06/08/2015

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© Tiberius Film

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Eines hab ich in Liebe auf den ersten Schlag schon mal gelernt: Wenn du von einer Lawine verschüttet wirst, musst du dich anpinkeln. An der Laufrichtung der Flüssigkeit erkennst du die Steigung und weißt, in welche Richtung du graben musst. Angenommen, du steigst in eine Bahn und jemand setzt sich dir gegenüber und gibt dir diesen Tipp, wie reagierst du dann? Schüttelst du unmerklich den Kopf und grinst in dich hinein? Oder bedankst du dich für den Hinweis und merkst ihn dir für den Tag X?

Madeleine (Adèle Haenel) ist jedenfalls fest davon überzeugt, dass eben jener Tag X naht. Und zwar schneller als wir alle ahnen. Deshalb will sie auch zur Armee, in das härtest mögliche Regiment. Um vorbereitet zu sein. Auf den Weltuntergang. Deshalb quält sie ihren Körper, schwimmt in Kampfstiefeln und mit Ziegelsteinen auf dem Rücken und isst rohe Sardinen mit Kopf und Schuppen. Arnaud (Kévin Azais) sieht aber mehr in Madeleine als die knochentrockene Kämpferin. Von Anfang an hat er einen Narren an ihr gefressen. Und deshalb meldet er sich einfach ebenfalls für das zweiwöchige Camp, das die Armee in der Gegend als Übung veranstaltet.

Der deutsche Titel Liebe auf den ersten Schlag verfolgt wie so oft eine ziemlich durchsichtige Verkaufsstrategie. Der Film, der im Französischen Les Combattants (also soviel wie Die Kämpfer) heißt, wird hierzulande als Sommerromanze mit Armee-Slapstick-Humor vermarktet. Die Liebesgeschichte ist hier aber im Grunde nur die besondere Zutat, die die Story ins Rollen bringt und am Laufen hält. Der Film beginnt bei einem Bestatter: Arnaud und sein Bruder Manu (Antoine Laurent) wollen einen Sarg für den kürzlich verstorbenen Vater aussuchen, aber weil das Holz von minderwertiger Qualität ist, schreinern sie ihn dann doch lieber selbst. Damit kennen sie sich aus, schließlich versuchen sie schon seit einer Weile, sein altes Zimmermannsunternehmen vor dem Bankrott zu retten.

© Tiberius Film

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Die Ausgangssituation für Liebe auf den ersten Schlag ist jedenfalls bezeichnend: die Erwachsenen sind entweder tot oder Trottel oder Langweiler oder was eigentlich auch immer. Zurück bleibt die junge Generation mit ihren verschiedenen Vorstellungen und Lebenseinstellungen: die Weltuntergangsbeschreier, die Lethargischen, diejenigen mit einer wagen Vorstellung davon, was sie in ihrem Leben nicht wollen. Versauern, zum Beispiel. Regisseur Thomas Cailley hat mit Liebe auf den ersten Schlag im Grunde gleich mehrere Filme gedreht: was sich tatsächlich noch als sich anbahnende Romanze zweier augenscheinlich grundverschiedener Jugendlicher lesen lässt, entpuppt sich nach einer Weile als Bonny-und-Clyde-Geschichte und irgendwann kann es sich Cailley auch nicht mehr verkneifen, doch noch ein bisschen Postapokalypse zu spielen. Anfangs noch treffsicher und wohldosiert, später etwas zu überzeichnet verpackt er seine Sicht auf das krisengeschüttelte Frankreich und seine verunsicherte junge Generation in Bilder leerer Ortschaften im Ascheregen und deutet leise optimistisch an, dass eine Katastrophe auch Reinigung und Neubeginn bedeuten kann.

Besonders stark ist Liebe auf den ersten Schlag aber nicht in diesen symbolgeschwängerten, sondern eher in den leichten, komödiantischen Momenten. Ich bin ein Mensch der vieles nachvollziehen kann – aber nicht, wenn jemand freiwillig zur Armee geht. Thomas Cailley scheint da ganz auf meiner Seite zu stehen. In seiner Entlarvung eines Systems, das auf stupiden Befehlsgehorsam statt eigenständigen Denkens setzt, kann er sich auf seine schmallippige Hauptdarstellerin verlassen (Adèle Haenel ist eine wahre Entdeckung!), die stur mit Verachtung straft, wer oder was ihr in die Quere kommt. Da ist es auch nicht nötig, hirnverbrannte Witze aus Genderklischees zu bauen, die in anderen Komödien über eine Frau in der Armee leider unvermeidbar sind. Stattdessen beweist Cailley ein Gespür dafür, wo statt Humor eher Ernsthaftigkeit angebracht ist: als bei der Einführung in das Campleben die drei jungen Frauen der Einheit vortreten müssen und öffentlich heruntergeputzt werden – „Ich will wegen euch keinen Ärger mit Sex in der Kompanie!“ – ist das kein bisschen lustig.

Letztlich verbindet sich Liebe auf den ersten Schlag zu einem Amalgam aus den verschiedensten Zutaten – zu inkonsistent vielleicht, um wirklich groß zu sein. Aber eben auch nicht zu trocken oder zu banal, zu wütend oder zu albern, zu kurz oder lang. Ein angenehmer, sommerlicher Kurztrip – bald nicht mehr ständig präsent, aber wenn man später die Fotos wieder findet, kommen die schönen Erinnerungen zurück: da war doch was.

Kinostart: 02. Juli 2015

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