Liebe

by on 07/26/2012

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© X-Verleih

Es gab mal eine Zeit lang diese Postkarten und Bilder, auf denen Stand „Liebe ist…“. Ein kleines Bildchen mit zwei Figuren, natürlich Mann und Frau, komplettierte diesen Satz durch einen einzigen Blick. Michael Hanekes Liebe ist für mich wie eines dieser Bilder gewesen, nur bitterernst statt verspielt und mit deutlich mehr Gehalt.

Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) sind eines dieser alten Ehepaare, deren liebevoller Umgang miteinander Außenstehende spontan zu Tränen rührt. Trotz der vielen Jahre, die sie bereits miteinander verbracht haben, können sie sich noch immer neue Geschichten erzählen. Auch wenn ihr Leben sich dem Alter des Paares entsprechend langsam abspielt, teilen sie noch immer Momente großer Nähe und Freude. Als Anne einen Schlaganfall erleidet, ist es für George gar keine Frage, dass er seine halbseitig gelähmte Frau zu Hause pflegen wird. Zudem ringt Anne ihm das Versprechen ab, sie nie wieder in ein Krankenhaus zu bringen. Entschlossen, sein Wort nicht zu brechen, übernimmt Georges einen Großteil der Pflegetätigkeiten. Mit einer immensen Fürsorge und Hingabe an seine zunehmend ungeduldigere Frau kümmert er sich um alle Belange des gemeinsamen Lebens. Selbst als die Situation durch einen zweiten Anfall immer schwieriger wird und Anne sich bald kaum mehr von einem pflegebedürftigen Kleinkind unterscheidet, hält George an seinem Versprechen fest.

Der Film von Michael Haneke beginnt und endet mit absoluter Stille. So schafft der Regisseur und Drehbuchautor von Beginn an eine besonders ruhige und intensive Stimmung. Alle Sinne des Zuschauers sind gespannt. Und die braucht er auch. Denn Liebe ist keiner dieser Filme, die wir uns mal eben so ansehen. Lange Einstellungen, der extrem reduzierte Umgang mit Musik und die Ereignislosigkeit der letzten Lebensepoche Annes erfordern vom Publikum erhöhte Aufmerksamkeit. Doch irgendwie gelingt es Michael Haneke durch eine geschickte Dramaturgie seine Zuschauer zwei Stunden lang an diese kleine Geschichte von der großen Liebe zu fesseln. Dabei hält die Kamera geradezu einen Respektabstand von den Figuren. Oft ist sie nur stiller Beobachter längerer Szenen, nähert sich nicht in aufdringlichen Nahaufnahmen und verfolgt nur im Ansatz die Bewegungen der Menschen auf der Leinwand.

Trotz dieser Distanz geht uns das Schicksal des Ehepaares an die Nieren. Bei etwa zwei Dritteln der Laufzeit spielte ich gar mit dem Gedanken, den Kinosaal zu verlassen. Ich hatte das Gefühl, den weiteren Verlauf der Geschichte nicht mehr ertragen zu können. Vielleicht liegt dies an meinem eigenen engen Verhältnis zu meinen Großeltern und der Erkenntnis, dass auch sie ein solches oder zumindest ähnliches Schicksal ereilen könnte. Vielleicht ist es aber auch Hanekes Regiearbeit, die uns die Charaktere trotz der zurückhaltenden Kamera so nahe bringt. In seiner Darstellung von Annes Krankheit erspart der Regisseur dem Zuschauer kaum ein Detail und scheut nicht davor zurück, uns Teile des nackten Körpers seiner alternden Protagonistin zu zeigen. Ein seltener Anblick im Kino. Themen wie der Gang auf die Toilette und später das Wechseln von Windeln werden nicht ausgespart. Michael Haneke lässt die Schauspieler die Szenen grundsätzlich ausspielen, statt Situationen nur anzudeuten und dann durch einen Schnitt abzubrechen, sobald das Thema grundsätzlich etabliert ist. So reicht kein kurzer Blick auf das nasse Bett, um uns über Annes einsetzende Inkontinenz ins Bild zu setzen. Denn es geht hier nicht um die Übermittlung einer Information. Stattdessen werden wir durch die Kamera Zeuge einer langen Szene, die uns die Gefühle Annes bis zur Unerträglichkeit nahe bringt. Auf diese Weise bekommen wir einen sehr guten Eindruck davon, wie sich das Leben eines Schlaganfallpatienten durch seine körperlichen und geistigen Einschränkungen verändert. Durch die zurückhaltende Kamera jedoch wirkt Hanekes Darstellung niemals voyeuristisch. Er behandelt Anne mit ebenso viel Respekt und Liebe wie ihr Leinwandehemann George.

Anne beginnt sich zunehmend für ihren Zustand zu schämen. Während sie zu Beginn noch eine immense Stärke an den Tag legt, gibt sie nach und nach

Das filmosophie.com-Gefühlsblitzlicht ersetzt eine Wertung nach Punkten.

innerlich auf. Georges hält durch. Alle Stimmungen seiner Frau fängt er auf, nie zweifelt er an seinem Entschluss, sie bis zu ihrem Tod zu begleiten. Seine Hingabe in Verbindung mit dem unaufhaltsamen körperlichen und geistigen Verfall seiner Frau rührt zu Tränen und ist stellenweise geradezu quälend real.

Die Figur Isabelle Hupperts, die die Tochter des Paares mimt, warf für mich einmal mehr die Frage auf, wie unsere junge Generation einst mit den Senioren umgehen wird bzw. es bereits tut. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Oma und Opa gerne und ohne viel Bedenken in ein Heim abgeschoben werden, sobald der Pflegeaufwand für uns selbst zu groß wird. Wir haben weder die Zeit noch die Lust (und vielleicht auch nicht den Mut), es George nachzutun.

Ich, die ich mich so oft frage, was es eigentlich mit der Liebe auf sich hat, habe in Michael Hanekes Film eine Antwort auf meine Frage gefunden. Ich kenne jetzt das Ende des Satzes „Liebe ist…“. Aber wie auch auf den Postkarten von damals, lässt sich dies nicht in Worten, sondern am Besten in einem zweistündigen intensiven Filmerlebnis ausdrücken.

KINOSTART: 20. September 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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