Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger

by on 12/14/2012

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© 20th Century Fox

Ang Lee ist ein Meister darin, ungewöhnliche Beziehungskonstellationen auf die Leinwand zu bringen. Brokeback Mountain brach mit dem Tabu schwuler Sexualität im Mainstream-Kino und Gefahr und Begierde portraitierte eine durch Macht und Unterwerfung geprägte Affäre (und das war bevor Fifty Shades of Grey BDSM salonfähig machte). In seinem neusten Film Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger geht es zwar nicht um Romantik, dennoch steht eine innige Verbindung zweier Wesen im Mittelpunkt, die definitiv nicht alltäglich ist.

Die Eltern von Pi (Suraj Sharma) beschließen, mit der gesamten Familie die indische Heimat zu verlassen, um nach Kanada auszuwandern. Das Besondere: Pis Vater (Adil Hussain) besitzt einen Zoo und möchte einen Teil seiner Tiere mit auf die große Reise nehmen, um sich in der Fremde eine neue Existenz aufzubauen. Und so kommt es, dass sich Pi mit seiner Familie und einer beträchtlichen Anzahl wilder Tiere – darunter der Tiger „Richard Parker“ – auf einen großen Überseekreuzer begibt. Mitten auf dem Ozean geraten sie in ein schreckliches Unwetter und das Schiff sinkt. Pi verliert in den Turbulenzen sowohl seine Familie als auch die Besatzung aus den Augen, kann sich jedoch auf eines der Rettungsboote flüchten. Als er am nächsten Tag unter der gnadenlos brennenden Sonne mitten auf dem Meer erwacht, stellt er fest, dass er nicht alleine an Bord ist. Seine Begleitung ist niemand Geringeres als Richard Parker.

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Selbst wer den Roman von Yann Martel nicht gelesen hat, wird spätestens jetzt durchblickt haben, dass es sich bei Life of Pi nicht um eine durchweg realistische Geschichte handelt. Und so inszeniert Ang Lee die Verfilmung auch von der ersten Minute an als Märchen. Die starken Farben von Französisch-Indien, wo der kleine Pi aufwächst, und die dem exotischen Zoo eigene mystische Aura vermitteln dem Zuschauer gemeinsam mit der Filmmusik umgehend das Gefühl, sich in einer Welt zu befinden, die mit rein rationalen Mitteln nicht zu ergründen ist. Dabei bleibt die Handlung jedoch grundsätzlich den weltlichen Naturgesetzen verpflichtet. Richard Parker ist kein Schmusekätzchen, sein Charakter wird nicht vermenschlicht. Als Raubtier geht von ihm für Pi dieselbe Gefahr aus, wie dies auch im wahren Leben der Fall wäre. Es handelt sich also nicht um ein Märchen im klassischen Sinne, in dem die Tiere zu sprechen beginnen und die Funktionen menschlicher Charaktere übernehmen.

Trotz geltender Naturgesetze bleibt Ang Lee in der Binnenhandlung seiner märchenhaften Inszenierung weitgehend treu. Pis Rettungsboot wird in schillernden Farben dargestellt, immer wieder verursacht die Spiegelung des Himmels auf der Meeresoberfläche den Eindruck, Pi und der Tiger würden sich in einem der Realität vollkommen entrückten, leeren Raum befinden. Die Sterne funkeln am Himmel und im glasklaren Ozean tummeln sich schillernde Fische. Wenn inmitten eines opulenten Meeresleuchtens ein riesiger Wal über Pis Boot springt, erinnert die Ästhetik aber leider doch ein wenig an ein Airbrush-Gemälde. Auch wenn ich mich gerne in diese märchenhafte Welt einsaugen lasse, wirkten diese Passagen auf mich zunehmend optisch überladen. Weniger wäre hier mehr gewesen.

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Es geht aber auch anders. Life of Pi zeigt nicht durchgehend eine quietschbunte Fantasy-Welt. Die Rahmenhandlung, in der Pi als Erwachsener Mann einem Schriftsteller seine Geschichte erzählt, ist lebensnah und realistisch gehalten. Und wenn Pi in der Binnenhandlung in Not gerät, dann sind die sich überschlagenden Riesenwellen auch nicht mehr kitschig-freundlich, sondern durchaus bedrohlich. Manchmal sind die eher actionreichen Szenen jedoch auch von so viel religiösem Pathos durchzogen, dass sie – ähnlich wie die kitschige Märchenästhetik – eine Distanz zwischen Zuschauer und Geschichte erzeugen.

Im Grunde ist die ökumenische Botschaft von Life of Pi sympathisch. Pi will sich nicht auf eine Religion beschränken und setzt seinen Glauben aus dem Hinduismus, dem katholischen Christentum und dem Islam zusammen. Der Glaube an einen – wie auch immer gearteten – Gott, spielt eine zentrale Rolle. So will der erwachsene Pi durch seine Geschichte den ungläubigen Schriftsteller von der Existenz Gottes überzeugen. Und auch während seines Schiffbruchs, der den 17jährigen Jungen großem Leid aussetzt, findet Pi in seiner Religion Kraft und Hoffnung. Der oben erwähnte Pathos jedoch erschwert die Identifikation mit seiner Haltung. Wenn sich Pi inmitten eines tosenden Unwetters laut brüllend der Hand Gottes übergibt, dürften dies die wenigsten Zuschauer nachvollziehen können. Und selbst ich als gläubiger Mensch zog mich an dieser Stelle ein wenig aus der Geschichte zurück.

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Es ist schade, dass die überladene Inszenierung dazu führt, dass der Zuschauer sich nicht vollends von der Geschichte aufsaugen lassen kann. Die zu Beginn erwähnten Filme Ang Lees entfalteten in meinen Augen ihre große Wirkung insbesondere dadurch, dass sie im Stande waren, das Publikum emotional an ihre Figuren zu binden. Natürlich ist auch Brokeback Mountain in gewisser Weise melodramatisch überladen, doch schafft es Ang Lee dort, uns durch die überzeugenden Charaktere die emotionale Daumenschraube anzulegen. Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger fehlt in meinen Augen dieses Potential.

Dass die Identifikation mit Pi schwer fällt, liegt nicht an Nachwuchsdarsteller Suraj Sharma. Es gab nur wenige Momente, in denen mich sein Minenspiel nicht überzeugte. Sharma steht hier erstmals vor einer Filmkamera. Das Konzept des Films stellt auch für erfahrene Schauspieler eine große Herausforderung dar, denn während des Drehs musste der Hauptdarsteller oft auf ein menschliches Gegenüber verzichten. Richard Parker, Pis einziger Gefährte auf seiner abenteuerlichen Reise, ist im Computer entstanden. Wie schon Planet der Affen – Prevolution stellt auch Life of Pi in dieser Hinsicht einen filmtechnischen Meilenstein dar, denn der Tiger wirkt so real, dass man ihn ohne Weiteres für ein echtes Tier halten könnte.

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Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger gehört für mich nicht zu den großen Meisterwerken von Ang Lee, aber das Urteil, ob seine latent überladene Darstellung der Romanvorlage entspricht, überlasse ich denen, die Yann Martels Buch gelesen haben. Natürlich sehe ich auch ohne Kenntnis des Buchs durchaus, dass diese Inszenierung einen Zweck erfüllt. Ang Lee ist sich der Künstlichkeit seiner dargestellten Welt durchaus bewusst und nutzt die Ästhetik, um die dem gesamten Film zu Grunde liegende Frage zu forcieren: Welche Art von Geschichte wollen wir hören? Bevorzugen wir das optisch überladene, pathetische Märchen oder die ungeschönte Realität? Diese Frage richtet sich nicht nur an den Journalisten, der Pis Geschichte zu Papier bringen soll, sondern auch an uns als Zuschauer. Die Antwort auf diese Frage wird für euer eigenes Urteil über Life of Pi zentral sein.

KINOSTART: 26. Dezember 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

3 Responses to “Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger”

  • Lutz says:

    Vielleicht kein Meisterwerk von Ang Lee, aber trotz allem für mich einer er besten Filme des Kinojahres 2012. Und die Frage, die der Film stellt, ist auch: wollen wir glauben (auch im religiösen Sinne zu verstehen) oder eben nicht?

    • filmosophie
      filmosophie says:

      Stimmt, die Frage nach dem Glauben ist sehr zentral. Und das ist – meiner Meinung nach – eine der wichtigsten Fragen überhaupt im Leben. Als Christin weiß ich: Glauben ist eine bewusste Entscheidung. Danke, dass Du meine Aufmerksamkeit noch mal darauf gelenkt hast!

      • Alice says:

        Ich habe den Film gesehen, war beeindruckt – verstehe aber nach wie vor nicht, was der Film mit dem Glauben zu tun hat? Es geht meiner Meinung nach doch viel mehr darum, wie sehr ich an mich selbst glaube, an meine Vorstellungskraft. Ich bin der Gestalter meines Lebens, ich erzähle allein meine eigene Geschichte und ich kann entscheiden, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist. Das ist für mich die Aussage dieses Films. Man kann schlimme Dinge überleben und danach trotzdem glücklich weiterleben, wenn man das Vergangene für sich gut abgeschlossen hat.

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