Little Feet – Ein Film zum Wundern

by on 04/24/2014

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„Die Zeit heilt alle Wunder“ singt die deutsche Band Wir sind Helden und wie Recht sie doch hat. Als Kinder sind wir noch in der Lage, über den Anblick einer Ameise in Verzückung zu geraten. Als Erwachsene latschen wir in der Regel einfach drüber. In seinem Film Little Feet gelingt es Regisseur Alexandre Rockwell einen Teil des kindlichen Zaubers einzufangen und für den Zuschauer (wieder) erfahrbar zu machen.

Im Zentrum der Geschichte stehen die Geschwister Lana und Nico, gespielt von Rockwells eigenen Kindern. Weil der Filmvater nach langen Arbeitstagen abends besoffen auf der Couch einschläft und die Mutter verstorben ist, hat die ältere Lana die Rolle eines Elternteils übernommen, kocht, badet den kleineren Bruder und erzählt ihm zum Einschlafen eine Geschichte. Eines Tages verstirbt einer der beiden Goldfische der Familie. Damit sich der verbliebene Fisch nicht einsam fühlt, beschließen die Geschwister gemeinsam mit dem Nachbarsjungen Nene (Rene Cuante-Bautista), Goldfisch „Curly“ in ein offenes Gewässer zu entlassen. Mit einem Einkaufswagen begeben sie sich auf eine abenteuerliche Reise durch L.A., die sie bis zum weit entfernten Ozean führt.

© Black Horse

© Black Horse

In körnigen schwarz-weiß Aufnahmen fängt die Kamera den Alltag der beiden Kinder ein. Lana ist überfordert: Während sie ihrem Bruder das Shampoo aus den Haaren wäscht, brennt in der Küche das Essen an. Doch dies ist kein Grund zum Trübsal blasen. Spätestens nach einer Verfolgungsjagd durch die Wohnung ist das keine Küchenchaos auch schon wieder vergessen. Das Spiel der beiden Kinder erinnert zuweilen an Pippi Langstrumpf. Da werden die Lieblingsspeisen wild in der Pfanne zusammengemischt und Brote mit einem Bügeleisen getoastet. Doch Rockwell betrachtet die kleinen Schauspieler nicht aus der Perspektive eines Erwachsenen. Die Kamera filmt oft auf Augenhöhe oder blickt sogar zu den Figuren hinauf. Auch liegt in der Darstellung kein Funken Mitleid für die „armen vernachlässigten Kleinen“.

Lana und Nico sind immer dann am authentischsten, wenn sie sich in klassischen Kinderspielen verlieren, einander die Haare schneiden, Kissenschlachten veranstalten oder schlichtweg albern sind. In ihrer kleinen Welt werden die alltäglichsten Dinge zu kleinen Wundern und der erwachsene Zuschauer darf an diesem Zauber teilhaben. Mit dem Beginn der Reise durch L.A. verändert sich die Stimmung des Films, wird von der realistischen, fast dokumentarischen Betrachtung zu einem kindlichen Roadmovie mit absurden Zügen. Lana und Nico wirken zunehmend weniger authentisch, die Szenen gespielt statt aus dem Leben gegriffen. Auch kann sich der Nachbarsjunge Nene nicht so recht an die Dynamik der Geschwister anpassen, was letztlich Sinn ergibt: Lana und Nico sind ein eingespieltes Team, eine Einheit, die den Freuden und Problemen des Lebens gemeinsam entgegentritt. Auf ihrer Reise durch die Stadt begegnen die drei Kinder auch einigen Erwachsenen, doch treten sie mit ihnen niemals in Interaktion. Es sind ausschließlich andere Kinder, die vorübergehend zu Wegbegleitern werden und die entscheidenden Tipps für den Erfolg des Unternehmens beisteuern. Auch diese Begegnungen sind voller authentischer Naivität und es überrascht wenig, dass im Abspann Lana Rockwell als Co-Autorin des Films genannt wird. Viele der Ideen der Geschichte entstammen ganz offensichtlichem einem kindlichen Gemüt, das eine Handlung ganz ohne Selbstzensur entspinnen kann. Klischees wie das des trinkenden Vaters rücken plötzlich in ein anderes Licht und auch die zum Teil surreale Handlung erhält nun eine neue Bedeutung.

Little Feet ist ein Film über das Kindsein und vor allem das Kindsein-Dürfen. Trotz der Vernachlässigung durch ihre Eltern, die insbesondere Lana zu einer kleinen Erwachsenen macht, behalten sich die Geschwister ihre naive Freude am Leben, die spätestens im Finale am Ozean auch auf den Zuschauer übergeht. Dass die Filmmusik hier noch eine extra große Portion rührselige Emotion oben drauf klatscht, ist hierbei völlig unnötig und geradezu störend, lenkt dies doch von den wunderschönen Bildern ab, die Lana und Nico beim ausgelassenen Spiel in den Wellen zeigen.

Unklar bleibt, wieso Alexandre Rockwell einen Film mit Kindern für Erwachsene gemacht hat. Little Feet funktioniert trotz seiner Naivität nicht für ein junges, sondern ausschließlich für ein erwachsenes Arthaus-Publikum. Letztlich büßt das Gesamtkonzept mit dem offensichtlich künstlerischen Anspruch einen Teil seiner kindlichen Energie und Unbeschwertheit ein, was insbesondere im Mittelteil ermüdend wirkt. So ist dieser Film letztlich doch kein „Kinderspiel“, sondern eines für Erwachsene, ein kleines filmisches Experiment vielleicht, über das man sich wundern kann und soll.

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