Love – Der unbefriedigendste Porno der Welt

by on 05/23/2015

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© Festival de Cannes

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„Männer sollen einen Ständer kriegen und Frauen feucht werden“, hatte Gaspar Noé vollmundig angekündigt und die geschickt auf Hype kalkulierte Werbekampagne inklusive äußerst expliziter Plakate tat ihr Übriges. Jeder wollte Love sehen. Auch ich habe mich in Cannes zwei Stunden lang für den 3D-Porno angestellt. Fragt sich nun im Nachhinein, ob die insgesamt guten vier Stunden Lebenszeit, die für den Film draufgingen, eine gute Investition waren. Ich war gewarnt worden. Aber die Neugier hatte gesiegt, denn letztlich bin ich auch nur ein Mensch, bei dem Sex-Sells-Kampagnen ziehen. Und Mitreden können ist ja auch nicht schlecht.

Persönlich zähle ich mich nicht unbedingt zu den großen Fans Gaspar Noés, das sollte hier vielleicht Erwähnung finden. Seine Jünger werden sich in Love aber umgehend zuhause gefühlt haben, denn optisch lässt der Film sofort auf seinen Regisseur schließen. Es gibt dunkle Gänge darin, diesen abgerockt dreckigen Look und vorzugsweise künstliches Licht, gerne in Rottönen. Noés Figuren, allen voran der Protagonist Murphy (Karl Glusman), befinden sich meist im Mittelpunkt der Bilder, entweder verfolgt von einer gleitenden Kamera oder in fixen Einstellungen gerahmt von Fenstern, Türen, den quadratischen Fugen zwischen den Fliesen im Bad.

In eben jenem Bad sitzt Murphy vor allem zum Heulen. Denn Love erzählt im Grunde eine Geschichte, die schon lange in der Vergangenheit liegt. Am ersten Tag des Jahres erhält Murphy, ein in Paris lebender Amerikaner, einen Anruf von der aufgelösten Mutter seiner Ex: sie hat seit Ewigkeiten nichts von ihrer Tochter gehört und macht sich große Sorgen. Murphy, mittlerweile selbst mit Frau und Kind, verbringt den folgenden Tag allein in seinem Apartment, suhlt sich in Selbstmitleid und erinnert sich an die Beziehung seines Lebens mit Electra (Aomi Muyock). Dieser erzählerische Rahmen gibt bereits die Perspektive vor, aus der wir jedes weitere Geschehnis in Love betrachten werden. Murphy selbst mag zwar in jeder Szene zu sehen sein (und das natürlich auch nicht selten in voll frontaler Nacktheit), letztlich bleibt der erinnernde Blick auf die Beziehung, die Sexszenen und die Körper aber stets ein dezidiert Männlicher.

© Festival de Cannes

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Damit könnte man vielleicht noch leben, wenn Murphy nicht so ein Arschloch wäre. Nachdem er sich zwei Stunden lang – seine Stimme ist aus dem Off zu hören – in unendlich banalen Litaneien redundant selbst bemitleidet hat, gerät es fast unglaubwürdig, dass er es gegen Ende auch für nötig hält, sich um Electra zu sorgen. Dass die Beziehung mit ihm nicht funktionieren konnte, wundert den Zuschauer zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr. Obwohl er permanent mit anderen Frauen schläft, lässt er seiner Freundin gegenüber die große Eifersucht heraushängen und sein Kopf ist randvoll mit antiquierten Vorstellungen davon, seine Frau beschützen zu müssen. Wenige harmonische Szenen der Zweisamkeit werden so schnell von unerträglich ordinärem Geschrei abgelöst, das Murphy und Electra sich im Streit um die Ohren hauen. Die Sichtung von Love erinnert tatsächlich an einen schlechten Porno: wenn die Leute reden, will man vorspulen. Aber wenn sie dann nicht mehr reden, ist es auch nicht so wahnsinnig geil.

© Festival de Cannes

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Also nehmen wir doch einmal Abstand von der narrativen Rahmung und werfen einen Blick auf Gaspar Noés größtes Verkaufsargument. Schon in der allerersten Szene – wie könnte es anders sein – nackte Körper in Aktion. Noé filmt die Orte des Geschehens meist tableauartig aus der Vogelperspektive und lässt so flache Bilder entstehen, die die 3D-Technik in Frage stellen. Das wirklich Ärgerliche dabei ist jedoch etwas Anderes. Von der ersten Einstellung an sehen wir sie immer und immer wieder: Penisse! Mächtig gewaltig beim Fellatio im Gegenlicht oder unmittelbar dem Zuschauer entgegen ejakulierend. Der Ausspruch ‚in your face‘ erhält mit der 3D-Technik in Love eine ganz neue Bedeutung. Beim spärlich vorhandenen Cunnilingus muss hingegen immer schön sein Kopf alles Relevante verdecken. In über zwei Stunden hat mich keine einzige Schamlippe angelugt, wirklich wahr! Frauen dürfen hier zwar durchaus Sex genießen und einfordern, trotzdem bleiben sie aber letztlich Typen ohne eigene Stimme und Charakter. Gaspar Noé inszeniert nichts weiter als den Mythos von der sinnlichen Frau, die den Mann betört und um den Verstand bringt. Von einem Film, der sich als progressiv und frei verkauft, hätte ich durchaus etwas mehr erwartet. So nutzen sich die Sexszenen schnell ab und holen nach einer Weile auch niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, der festivalbedingt unter Untervögelung leidet.

Am Ende bleibt Love vor allem als ärgerlich und unbefriedigend in Erinnerung. Und auch, wenn er eine Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen zum Thema macht, erzählt er von Einem ganz sicher nicht: von Liebe.

Pressespiegel auf film-zeit.de

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