Love & Mercy – Hawaiihemden, Surfbretter und Stimmen im Kopf

by on 04/29/2015

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© Studiocanal

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Ich hab es schon wieder getan: mir einen Film über einen Musiker angesehen, über den ich kaum etwas weiß. Solche Pläne sind in meinem Fall schon oft aufgegangen, zuletzt bei Nick Cave, den ich durch die fabelhafte Doku 20.000 Days On Earth für mich entdeckte. Und nun also Brian Wilson und die Beach Boys, in gewisser Weise das genaue Gegenteil des düsteren Gentleman des Heroinrocks. Man kennt die Beach Boys, klar. Ich erkenne auch die ersten Takte von „Surfin’ USA“ und assoziiere bunt bedruckte Hawaiihemden und Surfbretter. Da hörten bei mir die Assoziationen aber auch auf – zu überdreht, um es sich lang konzentriert anzuhören.

Love & Mercy, das Biopic, das Bill Pohlad nun über den kreativen Kopf der Band gedreht hat, holt mich als unbedarften, unvoreingenommenen Zuschauer ab: der junge Brian Wilson, überraschend gut gespielt von Paul Dano, sitzt in einem dunklen Raum und reflektiert über seine Arbeit: er wisse selbst nicht so recht, wie er das mache, gibt er zu. Seine Einfälle fühlten sich manchmal an, als seien sie nicht von ihm und er habe Angst, seine Fähigkeiten könnten ihn irgendwann verlassen. Sie ist kurz, diese Exposition, und verrät doch die grundlegende Essenz dieses Mannes und dieses Films über ihn. Dann der erste geniale Einfall Bill Pohlads: das Bild wird schwarz, Tonfragmente, Stimmengewirr sind zu hören, weben ein akustisches, experimentelles und doch erstaunlich greifbares Netz um uns verlorene Zuschauer im dunklen Kinosaal. Und dann befinden wir uns auch schon mitten drin in der Geschichte von Brian Wilson.

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Was die Dramaturgie seines Films angeht, hat der Regisseur eine ziemlich kluge Entscheidung getroffen: er bietet keine strikte Nacherzählung eines Lebens, sondern fokussiert sich im Wesentlichen auf zwei bestimmte Zeitabschnitte in Wilsons Leben: seine Aufnahmen zu dem heute legendären Album Pet Sounds und die Phase in den Achtziger Jahren, als er seine jetzige Lebensgefährtin Melinda (Elizabeth Banks) kennenlernte. An dieser Stelle kommt es nun auf das eigene Vorwissen an, ob wir uns von Love & Mercy überraschen lassen oder nicht. Was zu Beginn noch wirken könnte wie jede andere Liebesgeschichte auch, entpuppt sich schon bald als die eindringliche Erzählung einer Rettung: Ende der 80er Jahre steht Brian Wilson unter dem starken Einfluss seines Psychologen Gene Landy (Paul Giamatti), der bei ihm eine manische Paranoia diagnostiziert, ihn mit Psychopharmaka traktiert und all seine Belange bis ins kleinste Detail überwacht. Melinda, die Brian (in seinem späteren Leben dargestellt von John Cusack) bei einem Autokauf kennenlernt, ist es, die den Weg des Musikers zurück zur Selbstbestimmung einleitet. Die Art und Weise, auf die Bill Pohlad sie als Kämpferin für Wilsons Persönlichkeitsrechte darstellt, scheint von einigen künstlerischen Freiheiten geschönt zu sein. Das lässt sich aber verzeihen, denn im Wechselspiel mit der anderen Zeitebene in Love & Mercy ergibt sich ein wirkungsvoller Bedeutungszusammenhang.

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Auch zur Hochphase der Beach Boys ist entgegen des verkauften Images nicht alles eitel Sonnenschein. Zunehmend liegt Wilson mit seinen Bandkollegen im Clinch, die darunter leiden, dass alle Popularität und Aufmerksamkeit ihrem Frontmann gilt. Als er schließlich bei den Aufnahmen zu Pet Sounds den berühmten Beach Boys-Klang im Alleingang durch damals ziemlich verrückt erscheinende Experimente verzerrt, eskaliert die Situation. Studiomusiker und Kritiker halten ihn für ein Genie, die Kollegen für einen perfektionistischen Wichtigtuer. „Sogar unsere lustigen Songs klingen traurig“, stellt Bandkollege Mike (Jake Abel) fest. Und er scheint Recht zu behalten: die Platte floppt. Dazu kommt der herrische Vater, erste Drogenexperimente und die unaufhörlichen Stimmen in Wilsons Kopf, die im Idealfall noch nie gehörte Klangwelten erschließen und im schlimmsten Fall so lange bohren, bis er die Wände hochgeht. Dass Love & Mercy die Ausgewogenheit zwischen Faszination für den exzentrischen Künstler und drohender Selbstzerstörung so lange aufrecht erhalten kann, liegt zum Einen an Paul Dano. Nach haufenweise düsteren Rollen wie der des Nietzsche zitierenden Einzelgängers in Little Miss Sunshine lässt er hier erstmals auch den Clown heraus, den der junge Brian Wilson selbst so überzeugend spielen konnte, um andere Menschen für sich einzunehmen.

Zum Anderen ist es der Ambivalenz in der Inszenierung Bill Pohlads hoch anzurechnen: zumindest ein unvoreingenommener Zuschauer wie ich wird sich lange Zeit nicht sicher sein, wie die Figur Landys zu bewerten ist: als aufopferungsvoller Kümmerer oder geldgeiler Kontrollfreak? Nicht zuletzt ist Love & Mercy aber auch wunderbar anzusehen: ein grob gekörnter und stark gesättigter Filmlook sorgt in den richtigen Momenten für das gut gelaunte Retrofeeling. 360°-Schwenks der Kamera fangen die experimentelle Stimmung im Tonstudio ein, eine präzise gesetzte Tiefenschärfe lässt den Zuschauer mit Wilson allein und überhaupt sah die lachende Sonne vor dem tiefblauen kalifornischen Himmel selten so melancholisch aus. Als Musikliebhaberin, die mit Brian Wilson bisher nicht viel mehr verband als überdrehte Surfermukke, meine ich sagen zu können, dass Love & Mercy seinem Protagonisten durchaus gerecht wird. Und ich glaube, ich werde den Beach Boys doch noch eine Chance geben.

Kinostart: 11. Juni 2015

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