Lucy – Superheldin der neuen Generation

by on 08/01/2014
© Universal Pictures

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Wie die meisten Studenten aus der kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Ecke habe ich irgendwann die Theorien von Erich Fromm für mich entdeckt und war besonders von „Haben oder Sein“ ganz hin und weg. Die Idee, dass die Fixierung des Denkens und Strebens auf die Vermehrung von materiellem und gedanklichem Besitz die Menschen an einem für alle angenehmen Zusammenleben hindere, erschien mir einleuchtend. Nun habe ich Lucy gesehen – und irgendwie scheint es mir, als habe ein Student diesen Film gemacht. Ein Student der Regie, mit Philosophie im Nebenfach, der Erich Fromm wahrscheinlich auch gelesen hat und in seinem ersten Film einfach ganz euphorisch alle Thesen umgesetzt hat, die ihm während seiner Studienzeit so einfielen.

Tatsächlich kommt Lucy aber von Luc Besson und erzählt die Geschichte einer jungen Frau (Scarlett Johansson), die in Taiwan von einer Gruppe Krimineller gefangen genommen und als lebender Drogentransport genutzt wird. Sie operieren ihr ein Päckchen mit leuchtend blauem Pulver in den Unterbauch hinein – frisches CPH4, ein teuflisches Zeug. Sie soll den Stoff als augenscheinlich ganz normale Passagierin per Flugzeug nach Europa bringen, wo er sich zur Trenddroge entwickelt hat. Als ein rivalisierendes Kartell sie abfängt und misshandelt, gerät das CPH4 in großen Mengen in ihren Organismus. Aber wider Erwarten tötet es sie nicht: stattdessen schärft sich plötzlich ihre Wahrnehmung. Lucy spürt die Erdanziehung und kann sich an Ereignisse ihrer frühsten Kindheit erinnern, sie kann riesige Mengen Wissen in kürzester Zeit verarbeiten und mühelos bis an die Zähne bewaffnete Kerle mit Schrankfigur umlegen. Während sie immer unfassbarere Fähigkeiten entwickelt, entfernt sie sich aber auch zunehmend von normalen menschlichen Empfindungen. Es gibt nur eine Person, die im Ansatz versteht, was mit Lucy passiert: Prof. Norman (Morgan Freeman) forscht seit Jahren über die Nutzung der Hirnkapazitäten des Menschen. Er ist Lucys einzige Hoffnung.

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Luc Besson ist nicht der einzige Regisseur, der sich in letzter Zeit der ganz großen Themen der Menschheit angenommen hat. Sie liegen in Mode, diese Filme, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse oder die sprichwörtliche rocket science untrennbar mit großen philosophischen Fragestellungen und Transzendenz verbunden sind. Wir nutzen nur in etwa zehn Prozent unserer Hirnkapazitäten – was passiert, wenn wir diese Aktivität systematisch steigern? 20 Prozent – 28 Prozent – 40 Prozent – Zwischentitel zeigen uns in Lucy an, auf welchem Level sich die Titelheldin gerade befindet. Ihre Fähigkeiten werden dabei immer gespenstischer. Wo uns zuerst noch bunt animierte Leuchtelinien suggerieren, dass Lucy den Pflanzen bei der Photosynthese zuschauen kann oder in Nullkommanichts ganze Sprachen erlernt, kann sie später Datenströme abfangen, Radiowellen manipulieren und die Zeit steuern. Ihre Gabe wird gefährlich.

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Lucy gehört jedoch zu einer neuen Generation von Superheldinnen, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann. Sie findet keinen Spaß am Töten, sie will nicht die Weltherrschaft an sich reißen, entwickelt keine tarantinoeske Killer-Coolness und unternimmt auch keine Reisen in eine zutiefst zerrissene Psyche. Lucy ist clean, modern. Ihrer Mitbewohnerin empfiehlt sie noch, immer schön Sport zu treiben und Bio zu essen, und dann macht sie sich auch schon auf den Weg, um kühl ihre Agenda abzuarbeiten: sich am Drogenboss (Min-Sik Choi) rächen, die übrigen Drogenkuriere abfangen, Prof. Norman die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse liefern. Keine Emotionen, nur dem Verstand folgen. Je mehr sie sich gezwungenermaßen auf sich selbst besinnt, desto weniger menschlich wird sie im Grunde. Lucy hat es nicht einmal nötig, in direkten Kontakt zu ihren Feinden zu treten. Als eine Gesandtschaft koreanischer Handlanger sie stoppen soll, baut sie einfach ein Kraftfeld um sich herum auf: die Koreaner hängen unter der Decke, keine unnötige Auseinandersetzung für Lucy, kein erneutes Kampfspektakel für uns Zuschauer.

Aber Luc Besson ist inkonsequent bei der Verfolgung dieser Linie. Seiner Lust am am großen Kawumm kann er nicht ganz widerstehen und wälzt dann doch Autocrashs aus bis zur Übelkeit, um die Action-Attitüde voranzutreiben. Nötig wäre das nicht, wenn er sich stattdessen lieber darauf konzentrieren würde, seine im Ansatz durchaus interessanten Thesen komplexer auszugestalten. Dann würde diese gute alte Erich Fromm-Idee aus Lucy vielleicht wirklich einen aktuell relevanten Film machen: konzentrierten sich die Menschen mehr auf den Augenblick, die Gegenwart, das einfache Sein als ihren Besitz, dann wären sie zu Unglaublichem fähig. So bleibt der Film aber dieser zwar unterhaltsame und mit nur 90 Minuten Laufzeit erfrischend kurzweilig erzählte, aber doch irgendwie zu vollgepfropfte und nicht gerade neue Ideen-Mischmasch, für den auch die übliche Hirnkapazität zur Genüge ausreicht.

Kinostart: 14. August 2014

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