Lunchbox – Essen ist manchmal auch der Sex der jungen Leute

by on 11/12/2013
© NFP

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Wenn der Durchschnittsdeutsche an Indien denkt, dann denkt er wahrscheinlich an bunte Saris, bunte Gewürze, bunte Straßen, alles bunt, alles laut, alles quirlig. Komplett falsch ist das ja nicht unbedingt, die Realität stellt sich aber eben immer etwas komplexer dar. Auch die Bollywoodfilme vom Subkontinent sind schließlich mehr als ihre fiebrige Oberfläche, davon kann auch unser dennis ein Lied singen. Lunchbox ist aber anders. Ziemlich begeistert war ich bei dem Gedanken, an einem grauen Novembertag einen Film zu sehen, der mich in eine ungleich wärmere Region dieser Welt entführen würde. Und enttäuscht wurde ich ganz sicher nicht – trotzdem ist Lunchbox anders, als wir es von einem indischen Film vielleicht im ersten Moment erwarten würden.

Im Mittelpunkt von Lunchbox steht die Hausfrau Ila (Nimrat Kaur), die den größten Teil des Tages in der Küche verbringt, wo sie das Essen für ihren Mann zubereitet und mit ihrer Nachbarin aus der Wohnung über ihr durch ein offenes Fenster kommuniziert. Die fertigen Mahlzeiten werden von den sogenannten Dabbawalas ins Büro ihres Mannes transportiert. Riesige Boxen und ein ausgeklügeltes Zeichensystem kommen dabei zum Einsatz, damit selbst Analphabeten den Job übernehmen können. Ihre Fehlerquote liegt erstaunlich niedrig, doch dann wird Ilas Mittagessen doch falsch ausgeliefert. Es geht an den kurz vor der Rente befindlichen Versicherungsangestellten und Witwer Saajan Fernandes (Irrfan Khan), der beim Geschmack der frisch zubereiteten Speisen geradezu dahinschmilzt. Für Ila ist es etwas ganz Besonderes, die Lunchbox am Nachmittag leer zurückzuerhalten – ihre Mahlzeit scheint gut angekommen zu sein. Also schreibt sie einen Dankesbrief an den unbekannten Genießer und ihre Nachricht bleibt nicht unbeantwortet. In der schriftlichen Korrespondenz mit Saajan findet die junge Frau eine Abwechslung, eine Flucht aus ihrem eintönigen Alltag und der unglücklichen Ehe.

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In indisches Essen könnte ich mich reinlegen – dass sich Saajan in diesem bezaubernden kleinen Film zuerst ausschließlich von kulinarischen Genüssen verführen lässt, erschien mir also definitiv nachvollziehbar. Ähnlich schnell habe ich mich von Lunchbox verführen lassen. Das Werk von Ritesh Batra ist zwar mit westlichen Sehgewohnheiten durch und durch kompatibel, jedoch ist es noch immer ein indischer Film. Hier wird das Land mitsamt seiner Leute nicht nur zu einer puren Kulisse, die als Ort der Selbstfindung für stressgeplagte Westler erhalten muss wie in Best Exotic Marigold Hotel und Konsorten. Es gibt auch keine betroffene Perspektive auf die (zweifelsohne existenten) Missstände des Staates oder einen exotisierenden Blick auf leicht bekleidete Tänzerinnen. Solche visuellen Sensationen hat der Film auch nicht nötig, denn hier stehen vielmehr die komplexen Figuren im Mittelpunkt, ihre Sorgen und Zweifel, aber auch ihre Hoffnungen und Zukunftsträume. Sie stecken in ganz alltäglichen Situationen und sind im Grunde nichts Besonderes – gerade diese Unaufgeregtheit ist es aber, die ihre Geschichte so sehenswert macht.

Wir denken Indien gern als spirituellen Ort voller halb erleuchteter Menschen, tatsächlich leiden Ila, Saajan und ihre Mitmenschen aber an Problemen, die uns selbst alles andere als fremd sind: zwischenmenschliche Kommunikation fällt allem Anschein nach auch im personell überfüllten Indien nicht leicht. Da sind einerseits die Dabbawalas mit ihrem fehlerhaften Zeichensystem, andererseits Ila und Saajan, die lediglich durch Briefe und Mahlzeiten miteinander korrespondieren. Ilas Mann kommuniziert seiner Frau gegenüber nichts als Gleichgültigkeit und die nette Nachbarin, die wir den kompletten Film über nicht zu Gesicht bekommen, schreit stets nur durch das Fenster und lässt gelegentlich einen Korb mit neuen Rezepten und Zutaten zu Ila hinunter. Unmittelbare Kommunikation zwischen Gesprächspartnern auf Augenhöhe, einen Dialog von Angesicht zu Angesicht kann es in Lunchbox nur selten bis gar nicht geben. Dazu das Rattern der vollgestopften Züge, das Rauschen der Deckenventilatoren, das Dauerplärren der Fernseher, das sämtliche Personen zu Zahnrädern in einer durchorganisierten Alltagswelt degradiert. Was ist es da für eine Wohltat, mit einem leisen Klappern zum Mittag die Blechdose zu öffnen, aus der der umwerfende Duft einer frisch gekochten Speise in die Nase steigt – da wird das Essen zur extremstmöglichen Form der körperlichen Unmittelbarkeit. Und so ist Lunchbox tatsächlich eine ideale Flucht aus dem kalten Novemberwetter – aber eben auf andere Weise, als wir es bei der Marke ‚indischer Film‘ eventuell erwartet haben.

Kinostart: 21. November 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

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