Ma Ma – Der Ursprung der Liebe und das Bestiale im Heiligen

by on 05/31/2016

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© MFA+ / Filmagentinnen

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Ob es gilt eine Marienstatue zu verkaufen oder einfach nur Windeln –  ständig ist es die idealisierte Mutterliebe, die als Kaufargument zum beherrschenden Motiv des Kunstwerks oder der simplen Werbung wird. Dabei wohnt der Mutterliebe nebst selbstloser Aufopferung auch etwas geradezu Bestialisches inne. Weil ihr eine in der Praxis kaum umzusetzende Perfektion zugeschrieben und ein drohendes Ende eingeschrieben ist, und weil es von der Selbstlosigkeit oft nur ein kleiner Schritt ist bis zur Selbstaufgabe. Oder das andere Extrem: der Egoismus, der darin liegt, ein Leben zu erschaffen, um das Eigene zu komplettieren.

Julio Medem entscheidet sich in seinem Film Ma Ma – Der Ursprung der Liebe dafür, all diese unschönen Aspekte der Mutterschaft auszublenden und sich ganz auf ihre Heiligkeit zu konzentrieren. Die zeitlos bildschöne Penélope Cruz eignet sich da ganz hervorragend für die alles bestimmende und überstrahlende Hauptrolle. In zahlreichen Szenen des Filmes wandelt sie gar durch so gleißend weiße Räume, dass es scheint, als stünde sie schon vor des Himmels Tor. Stattdessen sitzt sie an einem ganz und gar unhimmlischen Ort: im Krankenhaus wegen der Chemotherapie. Ihre Figur – die junge Madrilenin Magda – leidet unter einem aggressiven Brustkrebs – und somit ist auch das Filmplakat als Lüge entlarvt, das eine rosige Hauptdarstellerin mit langem, vollem Haar zeigt, von opulenten Blüten warm umrankt. Wohl in der optischen Assoziation an die Almodóvar-Filme, die die heilige Penélope ebenfalls vergoldete – womit wir wieder bei den Werbeversprechen wären.

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Aber Julio Medem ist stilistisch leider lang nicht so versiert wie sein Landsmann, und deswegen ist das Plakat im Grunde auch schon das visuell Aufregendste an Ma Ma – Der Ursprung der Liebe. Der Rest des Films erschöpft sich in cleanen Innenaufnahmen aus dem Krankenhaus oder katalogwürdigen Apartments. Damit erinnert er an deutsche Fernsehproduktionen – inhaltlich verhält sich das auch nicht anders. Die Grundschullehrerin Magda sieht mit dem endenden Schuljahr wie so viele Spanier der Arbeitslosigkeit entgegen, ihr Mann, ein Philosophieprofessor, räkelt sich mit einer blonden Studentin an irgendeinem Strand, und als sie die Krebsdiagnose erhält, schickt sie auch noch ihren Sohn Dani (Teo Planell) in den Sommerurlaub, um sich endgültig einzuigeln. Ihre neue Liebe Arturo (Luis Tosar) lernt sie an jenem Tag kennen, an dem dessen Tochter durch einen Unfall stirbt und seine Frau ins Koma fällt. Außerdem im Figureninventar: ein Arzt (Asier Etxeandia), der trotz seiner Arbeit in einem öffentlichen Krankenhaus nur Augen und alle Zeit der Welt für Magda hat, aber eigentlich viel lieber Schlagersänger geworden wäre und sich deswegen ständig bemüßigt fühlt, seiner Patientin schmalzige Lieder über Leben und Tod vorzutragen.

Die Prämisse von Ma Ma – Der Ursprung der Liebe dürfte soweit klar sein: Das eine Auge weint, aber das andere lacht. Der Eine stirbt, aber der Andere lebt weiter. Über allem schwebt die große ideale Mutterliebe, die das Leben überhaupt erst möglich macht. Und so muss Penélope Cruz im eigens produzierten Film die krebskranke Schwangere spielen, die Handyvideos für ihre ungeborene Tochter aufnimmt, damit die sich einmal an sie erinnert. Sie muss ihrem Sohn das Leben erklären und was danach kommt. Sie muss die Bindungsangst des Arztes therapieren, ihrem Klotz von einem Ex-Mann gütigst verzeihen, ihrem neuen Freund stets nur Verständnis entgegenbringen und dabei noch selbst im Endstadium ihrer Krankheit blendend schön aussehen. Julio Medem zeigt für einen Moment dünne Haare und in den Chemotherapie-Szenen ein paar Schläuche, unschöner wird es bei ihm nicht. Cruz ist die ikonische Kranke, aufgewertet durch den heiligen Schein des Mutterstatus und durch nicht vieles sonst. Eine Frau, die – so impliziert es der Film – lebt, um Kinder in die Welt zu setzen und sich um Andere zu kümmern, nicht allzu viel sonst.

Kinostart: 30. Juni 2016

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