Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne

by on 10/19/2015
© Concorde

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Die Kunst der [bitte existenzielles Lebensthema oder scheinbare Nebensächlichkeit einfügen]. Diese Konstruktion erfreut sich offensichtlich großer Beliebtheit in der Szene deutscher Filmtitel-Erdenker. Diesmal ist es Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne, ein französischer Film von Xavier Giannoli. Sie sind gar nicht so selten, diese französischen Komödien in deutschen Kinos, die garantiert ihr Publikum finden; immer für einen Lacher gut, blendende Laune garantiert.

Und welche Geschichte würde sich wohl für einen solchen Film eher als Vorlage anbieten als die von Florence Foster Jenkins? Die einer Frau, die nicht singen kann, aber es trotzdem tut. Meryl Streep und Hugh Grant drehen gerade ein Biopic über die Frau, und bei aller Verehrung für Meryl ist es sicher nicht die schlechteste Idee, das Schlimmste zu erwarten. Der Film von Xavier Giannoli lief hingegen schon auf dem Filmfestival von Venedig und ändert die Geschichte leicht ab: statt einer amerikanischen Erbin schauen wir hier einer französischen Adligen ins Notenblatt: Catherine Frot spielt Marguerite Dumont, eine leidenschaftliche Musikliebhaberin, die in regelmäßigen Abständen handverlesene Gäste in ihre Villa einlädt, um an Vortragsabenden die großen Komponisten zu ehren. Junge Stimmen erhalten dort Gehör, aber die eigentliche Attraktion ist immer sie.

Es ist ein solcher Vortragsabend, an dem auch wir Zuschauer erstmals in den zweifelhaften Genuss ihrer gesanglichen Fähigkeiten kommen: Marguerite ist nicht imstande den Ton zu halten, geschweige denn Dynamik oder Gefühl in ihren Vortrag zu legen. Einen Arienschlager nach dem Anderen dreht sie durch die Mangel. Catherine Frot bestreitet mehrere Gesangsszenen in Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne und behauptet sich darin als die wahre Künstlerin des Projekts: ihre Stimme mag von einer professionellen Sängerin gedoubelt worden sein, ihr Ausdruck überzeugt jedoch als der gänzlich Ihre. Blenden wir für einen Moment die kreischenden Töne aus, sehen wir eine Frau, die hart für ihre Berufung arbeitet: die die ausladenden Bewegungen der großen Opernsängerinnen ihrer Zeit haargenau abgeschaut hat, die eine naive Leidenschaft an den Tag legt, die auch trotz der albern auf ihrem Kopf wippenden Feder etwas in uns berührt. Xavier Giannoli zeigt seine Protagonistin als eine komplexe Frau, nicht als Witzfigur. Das ist ihm hoch anzurechnen. Aber dann kommen die übrigen Figuren ins Spiel.

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Niemand traut sich Marguerite die Wahrheit ins Gesicht zu sagen: die feine Gesellschaft des Musikvereins lacht nur hinter vorgehaltener Hand, um nicht auf die großzügigen Spenden der reichen Gönnerin verzichten zu müssen. Ihre Angestellten schweigen und verteilen während der Proben mit verstohlenem Blick Ohrstöpsel. Und ihr Ehemann Georges (André Marcon) hat sein Anrecht auf Mitleid am längsten verwirkt: die Heirat brachte ihm den Adelstitel ein und die gelebte Lüge genügend Freizeit, um sich in die Arme unkomplizierterer Frauen zu stürzen. Hin- und her gerissen zwischen seinem schlechten Gewissen und der bequemen Vermeidungstaktik erscheint er schon bald als die eigentlich schwache Figur, Marguerites Leidenschaft und Fokus gehen ihm nämlich völlig ab. „Warum tut sie das nur?“, fragt er immer wieder ungläubig.

Und das ist im Fall von Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne die eigentlich spannende Frage. Xavier Giannoli zeigt das Frankreich der 1920er Jahre in kühlen Farben als eine recht nüchterne Umgebung, wenn man es einmal von Avantgarde-Veranstaltungen und privaten Jazzparties absieht. Marguerite ist darin der schillernde Mittelpunkt. Pfauen schreiten durch ihren Garten, Bühnenrequisiten füllen ihre Villa, ein opulenter Kronleuchter schmückt ihr Schlafzimmer, und wenn Marguerite ihn anstupst, bringt sie die Lichtreflexionen zum Tanzen. Auf ihrem Kaminsims stehen aufwendig inszenierte Fotos, die sie als Opernheldin in allen wichtigen Rollen zeigen. Sie stehen dort, wo bei anderen Paaren die Familienfotos stehen. Man möchte ihr die irgend größtmögliche Hingabe an die Kunst attestieren, doch dann folgt die Ernüchterung. Es fällt Xavier Giannoli nichts anderes ein, als die unerfüllte Liebe zu ihrem Ehemann als Marguerites eigentliche Motivation zu deklarieren. Sie will seine Aufmerksamkeit, seine Zuneigung, seine Anerkennung. Und das – mit Verlaub – ist für einen Film mit Anspruch im Jahre 2015 ein wenig schwach. In einer Zeit, in der gottlob immer mehr Menschen aufgeht, dass auch die perfekten Familienfotos auf dem Kaminsims oft nicht mehr als eine Inszenierung sind. Stünde Marguerite feder- und flügelgeschmückt glitzernd auf einer Theaterbühne und sänge für sich und ihre Liebe zur Musik die Lunge aus dem Leib – dann würde sie zur Symbolfigur eines selbstbestimmten Strebens, und wen kümmerte dann noch wirklich ihre Stimme? Dass sie nur für ihren Mann auf der Bühne steht, degradiert sie in letzter Konsequenz zu einer Art Trophy Wife. Einer, die ihre eigene Stimme zwar hörbar macht, aber dabei doch so abhängig bleibt, dass sie sich selbst nicht hört. Madame Marguerite oder Die Kunst Drehbücher zu schreiben, in denen scheinbar starke Frauenfiguren am Ende doch vom Mann gerettet werden wollen.

Kinostart: 29. Oktober 2015

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