Man of Tai Chi – Ist das denn wichtig?

by on 02/23/2014
© Universal

© Universal

Tai Chi, das ist diese Sportart, die man macht, wenn man a) ein Sportmuffel ist oder b) sein seelisches Gleichgewicht wiedererlangen will. Dachte ich zumindest. In seinem Regiedebut zeigt Keanu Reeves jedoch, dass Tai Chi auch eine nicht zu unterschätzende Kampfkunst ist, verliert dabei jedoch das Thema Gleichgewicht interessanterweise nie aus den Augen.

Man of Tai Chi beginnt heftig: Ein brutaler Kampf, laute Musik, Action pur. Dann tritt Keanu Reeves als teufelsgleicher Bösewicht auf, die Coolness in Person. Gelassen steigt er in seinen Sportwagen und in der Übertreibung seiner verwegenen Aura liegt mehr als nur ein Quäntchen Komik. Man of Tai Chi balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Selbstironie und Lächerlichkeit und kippt zuweilen in die eine oder andere Richtung. Dass die Lächerlichkeit in meinen Augen hierbei überwiegt, ist jedoch zum Teil der deutschen Synchronfassung zuzuschreiben, die anzusehen ich durch den Verleih gezwungen wurde. Das ist umso bitterer, da der Film im Original in verschiedenen Sprachen vertont wurde, um die unterschiedlichen Nationalitäten der Figuren hervorzuheben.

Aber zurück zum Film selbst. Keanu Reeves hat für sein Debüt eng mit Tiger Hu Chen zusammengearbeitet, der die gleichnamige Hauptfigur des Films verkörpert. Die beiden haben sich bei den Dreharbeiten zu den Matrix-Filmen kennengelernt, bei denen Tiger als Stuntman tätig war. Für Reeves, selbst großer Martial Arts-Fan, ist der gemeinsame Film ganz offensichtlich ein Herzensprojekt. Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle hakt, so glaube ich dem Gesamtprodukt doch den Spaß der Beteiligten anzumerken. Besonders angetan war ich überraschenderweise von den Kampfszenen, auch wenn sie meiner Meinung nach von noch weniger Schnitten und Close-Ups profitiert hätten. Während mich The Grandmaster einst durch seine Zerstückelung der Martial Arts-Choreographien sehr enttäuscht hatte, fand ich in Man of Tai Chi die ersehnte Ästhetik kämpfender Körper. Trotz aller Brutalität liegt in den Martial Arts doch auch eine große Schönheit und die akrobatisch anmutenden Bewegungsabläufe rauben mir manches Mal den Atem. Es ist sehr bedauerlich, dass ausgerechnet der finale Kampf negativ aus dem Rahmen fällt. Empfand ich die vorhergehenden Duelle auf Grund der längeren Schnittsequenzen und großer Bildausschnitte als besonders ehrlich, bediente sich der Endkampf zu großzügig des Spezialeffektes der Zeitlupe, um über offensichtliche Mängel in der Ausführung hinwegzutäuschen.

Während die Kampfsequenzen grundsätzlich als gelungen bezeichnet werden können, ist das Drehbuch von Michael G. Cooney in meinen Augen ein Reinfall. Ein Spannungsbogen gelingt, das Tempo stimmt, aber die Dialoge stellten mir die Nackenhaare auf. Es mag, wie oben schon erwähnt, auch an der Synchro gelegen haben, dass die Gespräche Tigers mit seinem Meister über das „unkontrollierbare Chi“ über die Maßen pathetisch und lächerlich wirken. Wenn Meister Yang (Hai Yu) die Augen aufreißt, seinen Lehrling vorwurfsvoll ansieht und mit erhobenem Zeigefinger verlauten lässt: „Du musst gaaanz dringend meditieren“, kann ich das nur als Witz verstehen. Auch erinnerte mich Meister Yang von seinem ersten Auftreten an so verdächtig an Yoda, dass ich geradezu von seiner korrekten Grammatik überrascht war („Gaaanz dringend meditieren Du musst“, wäre stimmiger gewesen). Wie mich jedoch der Kollege Thomas Groh nach dem Film aufklärte, ist Star Wars bewusst in Anlehnung an das Martial Arts-Genre entstanden. Jetzt habe ich wieder etwas gelernt und die frappierenden Parallelen zu dem Space-Western generieren plötzlich ungeahnten Sinn.

Die Handlung von Man of Tai Chi nämlich, rangiert doch sehr nah an Star Wars. Ein junger unschuldiger Mann wird von dem bösen Geschäftsmann Donaka (Keanu Reeves) für illegale Martial Arts-Kämpfe ausgewählt und in eine brutale Kampfmaschine verwandelt. Tiger Chen muss sich schließlich entscheiden, ob er seine Kraft der hellen oder der dunklen Seite widmen möchte – stets eindrücklich verkörpert durch den weiß gekleideten Meister Yang und den in schwarz gehüllten Donaka. Dem Konzept des Yin und Yang entsprechend geht es letztlich weniger um die Überlegenheit einer Seite, als um das Gleichgewicht beider Pole.

Keanu Reeves hat sich also bei seinem Film tatsächlich etwas gedacht, das über die bloße Aneinanderreihung von Kämpfen hinausgeht. Aber wirklich tiefgründig ist das alles nicht. Eindimensionale Figuren und die haarsträubenden Dialoge wollen einfach keine Atmosphäre aufkommen lassen, die über einen reinen Unterhaltungsfilm hinausginge. Stattdessen wird anhaltend eine nicht vorhandene Bedeutungsebene impliziert, wenn Donaka ein ums andere Mal auf Entweder-Oder-Fragen mit dem nichtssagenden aber ach so bedeutungsschwangeren Satz antwortet: „Ist das denn wichtig?“

Reeves Fokus bei diesem Projekt liegt klar auf der Darstellung des Tai Chi als Kampfkunst und das ist ihm zweifelsohne gelungen. Dass es der übrigen Inszenierung akut an Glaubwürdigkeit mangelt, ist durchaus zu verschmerzen und entwickelt zuweilen gar eine ganz eigene Komik. So wird die Restaurierung eines Tempels einzig durch drei demotivierte Komparsen verdeutlicht, die im Hintergrund im Sand kratzen, ein Autounfall findet seine Darstellung durch eine derart schlechte CGI, dass ich mich in meinem PC-Spiel von vor 10 Jahren glaubte.

Letztlich habe ich mich von Man of Tai Chi gut unterhalten gefühlt. Ich bin mir jedoch bis dato noch immer nicht sicher, ob der Film nun wirklich ein gelungener Martial Arts-Streifen oder doch nur ein unfreiwillig komischer Schuss in den Ofen ist. Aber um es mal mit Bösewicht Donaka zu sagen: „Ist das denn wichtig?“

Kinostart: 13. März 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

Weniger Martial Arts, dafür mehr Philosophie:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.