Mikro & Sprit – Eine Rebellion namens Fantasie

by on 05/16/2016

Flattr this!

© Studiocanal

© Studiocanal

Wir alle haben diese Dinge auf unseren To-Do-Listen stehen, und manchmal sind es wirklich nur Winzigkeiten, die wir aber unbedingt endlich erledigen wollen. Manchmal geht es da um die kleine Rache an großen Ungerechtigkeiten, endlich Genugtuung, die Umsetzung alter Kindheitsträume. Es wirkt fast so, als hätte Michel Gondry eine Liste mit all seinen Vorhaben niedergeschrieben und um diese dann eine Geschichte herum gestrickt. Die Geschichte von Mikro & Sprit.

Zwei Außenseiter treffen in Gestalt von Microbe (Ange Dargent) und Gasoil (Théophile Baquet) aufeinander: Ersterer, weil er für sein Alter ungewöhnlich klein und mädchenhaft aussieht, Letzterer, weil er als Neuling an der Schule lieber auf knatternden Motorbikes seine Pausen verbringt als mit den coolen Leuten auf dem Hof. „Keine Sorge, die Schläger von heute sind die Opfer von morgen“, mit diesem Satz beginnt ihre Freundschaft. Michel Gondry hat sich eine ganz besondere Zeit für seinen Film ausgesucht. Diese Phase, wenn die Pubertät schon einsetzt, aber die ganze Wucht der Teenagerjahre noch ein wenig auf sich warten lässt. Wenn man voller Unverständnis die Kapriolen der älteren Geschwister aus der Distanz heraus beobachtet, aber selbst langsam Torschlusspanik herankribbeln spürt: irgendwas scheint bald zu enden, die Kindheit oder nur der Sommer. Also wird es Zeit, die großen und kleinen Träume von der berühmten Liste anzugehen.

Auf Gondrys Liste stand vielleicht:

  • das Behandlungszimmer meines Zahnarztes als die Folterkammer zeigen, die es ist
  • auf Apple scheißen
  • in einem selbst gebauten Auto quer durch Frankreich fahren
© Studiocanal

© Studiocanal

Um diese und viele andere Punkte abzuhaken, schickt er seine beiden halbwüchsigen Helden in Mikro & Sprit auf einen Roadtrip in einem Haus auf Rädern, komplett mit Geranien am Fenster und herunterlassbarem Sichtschutz für die Autoreifen – denn die Zulassung für einen fahrbaren Untersatz bekommt man in der 8. Klasse eher nicht. Der mal märchenhafte, mal szientifische Surrealismus, der Michel Gondrys Filme durchzieht, wird hier von ihm in eine realistisch anmutende Geschichte versetzt. In die Kindheit, in der die eigene Fantasie ausreichen sollte, um die Welt als ein Wunder zu betrachten und zum Entdecker zu werden. So scheint tatsächlich eine seltsam irdene Magie am Werk zu sein, wenn das kleine Holzhäuschen gemächlich französische Landstraßen herunterzuckelt, als hätte Baba Jaga ihre Hühnerfüße und Zauberkessel gegen Altmetall und Autowerkstatt eingetauscht.

Eigentlich ist Mikro & Sprit aber ein ausgesprochen pessimistischer Film. Für Michel Gondry scheint überbordend kindliche Fantasie nämlich nicht mehr die Normalität zu sein, sondern Ausnahme und verzweifelte Rebellion. „Ihr seid nichts als die asexuellen Reproduktionen eurer Eltern“, beschimpft Gasoil seine neuen Mitschüler und scheint erschreckenderweise recht zu haben. Die unterbrechen ihre Lernerei nämlich nur für dämliche Kostümparties. Die älteren Geschwister tragen zwar Punk-Montur, beschäftigen sich aber auch lieber mit ihren Handys statt dem Umstürzen des Systems. Und von den Eltern brauchen wir gar nicht erst anzufangen: wie Gondry hier Audrey Tautou als verhärmte Mutterglucke inszeniert, könnte sie nicht weiter entfernt erscheinen von der entrückten Amélie, die sie vor 15 Jahren noch perfekt verkörperte. Es ist diese von Vorstellungskraft und Vision befreite Gesellschaft, die eine entmutigende Bürokratie am Leben erhält, in der die Unterkünfte von Sinti und Roma brennen und schon kleine Mädchen als Schlampen beschimpft werden.

Michel Gondry scheint etwas über unsere Zeit und unsere eigentlichen Probleme verstanden zu haben. Umso mehr ist es schade, dass sein Film selbst oft unter typischen Symptomen leidet. Der glatte Digitallook mag einfach keine rechte Stimmung aufkommen lassen, die einzelnen Stationen der Reise wirken etwas beliebig zusammengeklöppelt und bevor Mikro & Sprit an Fahrt aufnehmen, lassen sie uns durch das erste Drittel des Films hindurch viel zu oft gähnen. Vielleicht ist das aber auch Kalkül: langsames Kino, eine Absage an digitale Computerspektakel. In der Zeit könnte man ja schon mal seine eigene Liste schreiben.

Kinostart: 02. Juni 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 6+4=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.