Mistress America – Orientierungslosigkeit als Orientierung

by on 11/25/2015
© 20th Century Fox

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Es gibt Filme, in die ich mich einfach hineinlegen möchte. Die Filme von Noah Baumbach (Greenberg, Frances Ha) und der hier auch als Co-Drehbuchautorin fungierenden Greta Gerwig schaffen es für mich immer wieder in diese Kategorie. Ob das nun an Baumbachs oder Gerwigs Talent liegt, vermag ich nicht zu sagen (vermutlich an beidem). Nach Frances Ha zentriert sich auch Mistress America (unter anderem) um eine von Greta Gerwig gespielte Figur. Während es Frances aber noch an Entschlossenheit mangelte, geht es hier um ein nur scheinbares Zuviel an dieser. (Milde Spoiler.)

Genau genommen geht es um die Studienanfängerin Tracy (Lola Kirke), die im Orientierungsjahr noch vollkommen ohne Orientierung ist. Gut, dass ihre Mutter nun neu heiraten möchte, denn durch diesen Umstand kommt sie zu einer neuen, erfahrenen New Yorker Halb-Schwester: Der von Greta Gerwig gespielten Brooke. Deren zahlreiche Interessen und Obsessionen machen derart Eindruck auf Tracy, dass Brooke selbst eine Art Obsession für sie wird.

Es wäre einfach, aus einem derartigen Plot eine Moral zur richtigen Lebensführung oder eine klassische Coming-of-Age-Geschichte zu machen, bei der beide Frauen voneinander lernen und sich gegenseitig stabilisieren. Das machen Greta Gerwig und Noah Baumbach mit Mistress America glücklicherweise nicht, jedenfalls nicht auf eine erwartbare Art und Weise.

Noah Baumbachs jüngere Filmographie liest sich ein wenig wie ein Kommentar zur zumeist jugendlichen Orientierungslosigkeit, gesprochen von mehreren Beobachtern. Greenberg ist die retrospektive Sichtweise, die die jugendliche Offenheit für alle Optionen idealisiert und gerade darum zur Stagnation führt. Frances Ha ist die Überforderung eines jungen Geistes zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Optionen (scheinbar) stark verringern. While We’re Young ist wiederum retrospektiv, nur das Ben Stiller und Naomi Watts ihre Idealisierung dieses Mal recht schnell überwinden und die Jugend nicht unbedingt als besser, aber auch nicht als schlechter erkennen.

© 20th Century Fox

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Wie While We’re Young bringt Mistress America positive Noten in die mögliche Sichtweisen auf den Orientierungsverlust: Denn genau einen solchen erleidet Brooke trotz ihrer zahlreichen Leidenschaften nicht. Gerade auch das zu einem kleinem Kammerspiel mutierende Finale zeigt, das wir die eigentliche Brooke im Film zunächst nicht kennenlernen. Oft wusste ich nicht, wie ich Brooke „beurteilen“ soll. Ist sie wirklich ein solcher Tausendsassa oder ist ihre elfenhafte Zerstreutheit ein Hinweis auf ein zerstörerisches Chaos tiefer drin?

Anfangs überhöht durch Tracy, scheinbar kann Brooke die Leitung von Fitnessgruppen, Businessmeetings für die Eröffnung eines Restaurants, Bandauftritte, eine Wohnungsbesetzung und ein Partyleben spielend aufrechterhalten, erscheint sie zunehmend im Lichte der Überforderung. Nach und nach wird Tracys Leben komplizierter, mehrere Blickwinkel beeinflussen ihren eigenen und so wird auch Brooke für sie zu etwas anderem, das keine absolute Orientung mehr bieten kann.

Denn Brooke ist nicht perfekt. Für den Zuschauer vielleicht weniger überraschend gibt es auch Probleme in ihrem Leben, darunter eine offene Rechnung mit einer der ehemals guten Freundin Mamie-Claire (Heather Lind), die ohne Erlaubnis eine von Brookes T-Shirt-Ideen monetarisiert hatte und dessen Mann Dylan (Michael Chernus) nicht ganz unzusammenhängend einmal Brooke verfallen war.

Ein Mini-Kammerspiel ist der Nexus, der die verschiedenen Blickwinkel auf Brooke und letztlich ihre Art zu leben vereint. Tracy bringt ihre Anfang-20er-Verzweiflung und einen Pseudo-Love-Interest-Kommilitonen (und dessen Freundin…) mit, der Kommilitone hat auch seine Meinung zu allem und Mamie-Claire und Dylan sowieso. Das filmische Mittel hilft in Mistress America, so einiges Gesehene neu zu interpretieren und zu bewerten. Keine Perspektive wird vollkommen eingenommen und so wird der Film zu einer Art Mikrokosmos, der den Makrokosmos der verschiedenen Orientierungslosigkeit-Beobachtungsweisen in Baumbachs Filmographie widerspiegelt.

© 20th Century Fox

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Nach und nach wird klar, dass hier keiner, egal, wie erfolgreich, einhundertprozentig zufrieden ist: Kein Lebensplan ist einem anderen überlegen und „Orientierungslosigkeit“ kann genauso schlimm oder gut sein, wie alles andere auch. Es ist ok.

Was anfangs wie eine relativ erwartbare Charakterstudie beginnt, wird dank einem starken Skript und noch stärkerem Ensemble zu einem ständig wechselndem Geschehen mit mehreren Ebenen, das in seiner dialogischen und situativen Skurillität mehr als nur einmal an Baumbachs Langzeitkollaborateur Wes Anderson erinnert. Greta Gerwig als Zweitprotagonistin Brooke umarmt überzeugend die Ungewissheit, während sich Lola Kirke als Erstprotagonistin Tracy ebenso überzeugend gegen jene sträubt. Daneben entzückt auch Michael Chernus, der seine charmante Rolle aus Orange Is The New Black channelt und diese mit einem guten Stoß Ausgebranntheit abrundet. Es macht einfach Spaß, diesen Leuten beim Reden, beim wirklich authentisch klingendem Unterhalten und Argumentieren, zuzuhören.

Und so ist Mistress America nicht nur ein weiterer, scheinbar abschließender Blickwinkel auf das Phänomen der Orientierungslosigkeit, sondern bietet wie Frances Ha und Co. zuvor ein wohliges Päuschen von den stromlinienförmigen Hollywooddialogen und -storylines. Ich weiß nicht, ob Noah Baumbach und Greta Gerwig nun noch etwas zur Orientierungslosigkeit zu sagen haben. Wenn es so verzaubernd ist wie Mistress America, höre ich es mir aber gern an.

Kinostart: 10. Dezember 2015

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