Molière auf dem Fahrrad – Philosophie für Einsteiger

by on 12/19/2013

Flattr this!

© Pathé

© Pathé

Manche philosophisch angehauchten Fragen wurden so oft gestellt, dass sie nur noch nach einem oberflächlichen Klischee klingen. So zum Beispiel die unausweichliche Frage, ob das Glas eher halb voll oder halb leer ist. Über Opti- und Pessimismus lassen sich vortrefflich Binsenweisheiten verbreiten, im Grunde reicht das Thema aber doch weiter. Das Stück Der Menschenfeind von Molière verhandelt genau diese Problematik und gilt bis heute als eines der anspruchsvollsten französischen Bühnenwerke. Der Regisseur Philippe Le Guay hat den Stoff für seinen Film Molière auf dem Fahrrad neu bearbeitet und war mit dem Endresultat als Abschlussfilm auf der Französischen Filmwoche in Berlin zu Gast. Was war ich im Vorfeld gespannt: zum einen, weil bei einer so ambitionierten Vorlage einiges schief gehen kann, zum anderen, weil ich selbst so den ein oder anderen misanthropischen Zug in mir trage und vielleicht sogar ein bisschen auf eine filmische Rechtfertigung dafür hoffte.

Schnell war klar, dass es sich bei Molière auf dem Fahrrad dem Himmel sei Dank nicht um eine bloße Adaption von Der Menschenfeind handelt. Lambert Wilson spielt hier den unter Ottonormalbürgern gefeierten Arztserienschauspieler Serge Tanneur, der das bewusste Stück von Molière neu auf die Bühne bringen und darin auch gleich noch die schwierige Hauptrolle des miesepetrigen Alceste spielen will. Er erhofft sich damit nämlich den endgültigen Aufstieg aus den Gefilden der banalen Fernsehspiele in die französische Kulturelite. Zu diesem Zweck besucht er seinen alten Kollegen Gauthier Valence (Fabrice Luchini), der sich aus dem Haifischbecken des Filmbusiness zurückgezogen hat und einsam in einem Haus auf der abgeschiedenen Île de Ré lebt. Eigentlich ist Valence gar nicht begeistert von der Idee, die Ruhe seines Domizils für ein Bühnencomeback aufzugeben – und das schon gar nicht für die viel zu kleine Nebenrolle des stets versöhnlichen Philantes, die Tanneur ihm anbietet. Aber auch die eitle Diva in dem gealterten Schauspieler ist geweckt, und so bietet er seinem Kollegen an, eine Woche gemeinsam auf der Insel zu verbringen und in zahlreichen Proben herauszufinden, wer für welche Rolle am besten geeignet ist.

© Pathé

© Pathé

Bei der Vorführung von Molière auf dem Fahrrad war Regisseur Philippe Le Guay im Berliner Kino International zu Gast und warnte das versammelte Publikum vor, es würde gleich einen Film über Schauspieler zu sehen bekommen. Und zwar nicht nur über die glamourösen Roter-Teppich-Momente der Zunft, sondern auch über ihre charakterlichen Abgründe. Wer Schauspieler nicht möge, solle doch am besten gleich das Kino verlassen und den Abend anderweitig verbringen. Teilweise sollte Le Guay damit Recht behalten: er zeigt in seinem Film nämlich ziemlich schonungslos und selbstreflexiv die Seiten seiner Branche, die wohl tatsächlich Misanthropen hervorbringen können. Das Kino zu verlassen wäre aber trotzdem nur allzu schade gewesen, denn wie sich Serge und Gauthier, diese beiden alten Gockel, gegenseitig auszustechen und zu übertrumpfen versuchen und dabei gelegentlich unter die Gürtellinie der zwischenmenschlichen Schicklichkeit zielen – das ist ein riesengroßer Spaß. Die beiden Darsteller öffnen eine Arena, in der sich genau die beiden Pole gegenüberstehen wie in Der Menschenfeind. Besonders Fabrice Luchini in der Rolle des miesepetrigen Möchtegern-Alceste ist die reinste Augenweide, wenn er leberwurstig die Lippen spitzt und in seiner blasierten Divenhaftigkeit manchmal so überzeichnet auftritt, dass ich prompt an ähnlich exzentrische Hähne wie den stets einen Anflug des beleidigt Seins ausstrahlenden Harald Glööckler denken musste – das ist mir im Kino wahrlich auch noch nie passiert (und Fabrice Luchini trägt deutlich weniger Schminke im Gesicht). Es mag durchaus etwas dran sein, dass die verbalen Höhepunkte des Drehbuches am allerbesten in der französischen Originalversion ihre ganze Schlagkraft, aber auch ihren unwiderstehlichen Witz entfalten. Im Fall von Molière auf dem Fahrrad lohnt es sich auch für Ungeübte definitiv, sich der Beanspruchung eines Films mit Untertitel auszusetzen.

© Pathé

© Pathé

Verlasse ich allerdings die in meinen Augen sicher wichtige Ebene des gegebenen Unterhaltungsfaktors, stoße ich doch auf ein paar Punkte, in denen Philippe Le Guay das Potential leider nicht zur Gänze ausschöpfen konnte, das in seinem Filmstoff enthalten ist. Es liegt wohl in der Trägheit des Menschen begründet, dass wir gern in entgegengesetzten Polen denken und uns auf bereitwillig ausgebreitete Lesarten so gern einlassen, dass wir einfach darin verhaftet bleiben. In Molière auf dem Fahrrad ordnen wir deswegen ganz schnell zu: der ambitionierte Serge steht für den Part des Philante aus Der Menschenfeind, der grummelige Gauthier entspricht dem Titelhelden Alceste. Das Problem dabei: uns wird kaum Gelegenheit gelassen, den charakterlichen Eigenschaften der Figuren oder einer eventuellen Botschaft des Films im Laufe des Werks von allein auf die Schliche zu kommen. Es ist noch keine halbe Stunde vergangen, da bekommen wir eine mögliche Interpretationsweise schon  hübsch säuberlich präsentiert: der Pessimist in Der Menschenfeind sei der eigentliche Optimist, so erklärt uns der angehende Theaterregisseur Serge, denn er zeige ein reges Interesse an den Dynamiken der Gesellschaft und hofft sie durch seine offenkundige Ablehnung zu verbessern. Wohingegen Philante, der vorgebliche Optimist, sich mit den Fehlern der Menschen arrangiere und im selben Zug vor der Herausforderung resigniere, etwas zu verändern.

Das ist sicher eine wertvolle Erkenntnis, ich wäre allerdings lieber von allein darauf gekommen, als vom Drehbuch im ersten Viertel des Films schon deutlich darauf eingeschossen zu werden. Stellt sich die Frage, wieso der Regisseur sich für eine derart schlichte Umsetzung seines Themas entschieden hat. Unterschätzt er den philosophischen Horizont seines Zuschauers und resigniert damit auf ganz ähnliche Weise wie Philante? Immerhin beraubt er sein Publikum der Möglichkeit, nicht nur seinen eigenen Film, sondern auch das Stück von Molière unvoreingenommen und eigenständig denkend zu entdecken. Oder führt er gerade vielleicht nur mich ganz allein vor, weil ich es in meiner kritikertypischen Arroganz nicht geschafft habe, noch eine weitere Dimension in Molière auf dem Fahrrad zu erkennen? Ist das vielleicht nur der eingangs von mir zugegebene misanthropische Zug? Ob in Bezug auf diesen Film das Glas für mich halb leer oder halb voll ist – so ganz sicher bin ich mir noch nicht.

Kinostart: 03. April 2014

Vier andere Filme mit  dem sehr unterhaltsamen Fabrice Luchini:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 6+4=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.