Mustang – Wehendes Haar, eingezäunt

by on 01/11/2016
© Weltkino Filmverleih

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Selma (Tugba Sunguroglu) sieht aus wie ein geisterhaftes Wesen auf dem Totenbett. In ihrem weißen, zart bestickten Kleid und der blassen Haut von langen dunklen Locken umrahmt scheint sie aus sich selbst heraus ein weiches Licht abzusondern. Die Szene ist im Grunde aber überhaupt nicht magisch, sondern schrecklich ernüchternd. Es ist der kalte Sitz eines Gynäkologen, auf dem sie liegt, und das noch in ihrem Hochzeitskleid. Weil das Laken nach der ersten Nacht mit ihrem Bräutigam keinen Blutfleck aufwies, haben die Schwiegereltern sie umgehend zum Arzt gefahren. Er soll klären ob sie wirklich noch eine Jungfrau ist, wie ihre Familie es vor Beschluss der Ehe versprochen hatte. „Ich habe mit der ganzen Welt geschlafen“, erklärt Selma stoisch dem Arzt, obwohl der das Jungfernhäutchen intakt vorfindet. „Wenn ich sage, ich sei eine Jungfrau, glaubt mir das doch auch niemand. Lasst mich alle in Ruhe.“

Mustang ist eine der Festival-Entdeckungen des Jahres 2015 und läuft nach renommierten Programmen wie der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes demnächst auch in den deutschen Kinos an. Oft ist seither in Besprechungen der Vergleich mit Sofia Coppolas The Virgin Suicides gefallen, denn der erzählerische Ausgangspunkt ist der Gleiche: eine Handvoll freiheitsliebender Schwestern im Kindes- und Teenageralter wird von den Erziehungsberechtigten eingesperrt, weil sie langsam zu Frauen zu werden drohen. Und dabei auch noch wagen Widerworte zu geben. Mustang ist trotzdem ein ganz anderer Film, auch wenn es hier durchaus ähnliche Einstellungen wie bei Coppola gibt, von Mädchen in leichten Sommerkleidern, die sich in weichem Licht aneinander schmiegen und dabei wie zu einem einzigen Organismus amalgamieren. Alles beginnt an einem sonnigen Nachmittag, dem Beginn der Sommerferien. Selma, Sonay (Ilayda Akdogan), Ece (Elit Iscan), Nur (Doga Zeynep Doguslu) und Lale (Günes Sensoy) wollen noch nicht sofort nach Hause. Noch in ihren Schuluniformen steckend springen sie in das nahe gelegene Meer, ein unschuldiges Raufen mit den Dorfjungs lässt sie für einen Moment den Alltagsstress vergessen. Leider sieht das auch eine Nachbarin, die sich über das unsittliche Gebaren der jungen Frauen bei ihrer Großmutter (Nihal G. Koldas) beschwert: seit dem Tod der Eltern leben die Schwestern bei ihr in dem kleinen Dorf im Norden der Türkei. Das Schimpfen hinterlässt bei den Mädchen nicht viel Eindruck, deswegen wird ihr Onkel (Ayberk Pekcan) ins Haus gebracht, und damit beginnt ein langes Martyrium.

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In ihrem Film sucht die Regiedebütantin Deniz Gamze Ergüven nicht angestrengt nach Psychologisierung und Motivation der handelnden Figuren. Nicht einmal die Religion muss als Erklärung für die Freiheitsberaubung der Mädchen erhalten, wenn natürlich auch der Islam durch die Minarette im Dorf und die Kopftücher der älteren Frauen stets implizit präsent ist. Die Regisseurin zeigt vielmehr eine Gesellschaft unter den Zwängen der Patriarchie, die einfach handelt wie sie handelt, weil es eben so ist. Weil es schon immer so war. In der das auch keiner der Erwachsenen hinterfragt. Nicht einmal die allein erziehende Großmutter (übrigens ohne Kopfbedeckung): erzieherisch hat sie in den Augen der Verwandtschaft eben versagt. Schläge sind dann schon mal das einzig verbliebene Mittel („Das habe ich für dich getan.“) und sexueller Missbrauch an Minderjährigen zieht lediglich Worte nach sich wie: „Du bist jetzt eine Frau. Bald wirst du heiraten. Ich war damals in deinem Alter, bei mir waren es auch besondere Umstände.“ Es ist ein Horror, den die Schwestern durchleiden müssen, auch wenn sie gelegentlich träumerisch schöne, poetische Momente miteinander teilen. Das allegorische Totenbett Selmas verweist  auf die schmerzhafte Tragik in Mustang: Zäune werden um das Haus herum gebaut, die Gartenmauer verstärkt und die Fenster vergittert. Die Schwestern dürfen die Schule nicht mehr besuchen, ihre Freunde nicht mehr treffen, Computer und Telefone, Fernseher und Make-up landen auf dem Müll. Endgültig kann die Schande aber nur abgewandt werden, sobald die Mädchen verheiratet sind. Eine nach der Anderen wird an den erstbesten Anwärter versprochen. Wie auf Filmplakaten der 70er Jahre lassen sich ihre Portraits wegkreuzen, bis sich der Vergleich mit dem Final Girl des Horrorfilms aufdrängt.

Und tatsächlich stellt sich Lale, die Jüngste, im Verlauf des Films als Motor der Rebellion und Mittelpunkt der Geschichte heraus. Sie ist es, die – noch viel deutlicher als Kind statt als junge Frau zu erkennen – sich Hilfe zur Selbsthilfe sucht, die Pläne schmiedet und für eine derartige Zuspitzung der Dramatik sorgt, dass ich gegen Ende mit kalten Händen und Kloß im Hals heftig schluckte und fieberte. Auch ohne die einzelnen Figuren charakterlich zu durchdringen, vermittelt Mustang eine Intimität, einen authentisch anmutenden Eindruck der teenage experience, die uns die fünf Schwestern ans Herz wachsen lässt: ihre körperliche Nähe zueinander, in der sie Trost und Liebe suchen, aber auch Schutz – wie wilde Tiere, die sich bei dräuender Gefahr aneinander drängen. Durch ihre Ausgelassenheit in Momenten der Freiheit, das wehende Haar, strahlende Augen, die langsam erwachende Sinnlichkeit. Und den manchmal unromantischen Pragmatismus im Umgang mit repressiven Situationen, den zu verschweigen ihrer Lebenswelt nicht gerecht würde: ist die Tür verschlossen, klettern wir eben durch die Fenster. Sind die Fenster zu, kommt man immer noch auf’s Dach. Und wenn du unbedingt Jungfrau bleiben musst, dann machst du’s eben hintenrum.

Es tut weh zu sehen, wie die Lebenswelt der jungen Frauen Stück für Stück eingeschränkt wird, wie aussichtslos ihre Situation erscheint. Den einzig möglichen Weg zeigt schließlich die kleine Lale auf: „Wo soll ich hingehen?“ -„Nach Istanbul, so wie alle.“ Es fühlt sich denn auch nach einer regelrechten Erlösung an, als irgendwann die Häuser der Stadt am Bosporus auf der Leinwand aufscheinen, von der Morgensonne in violettes Licht getaucht. Es ist ein Glück – und ein Fluch zugleich, dass die Flucht in die Großstadt und damit der endgültige Bruch mit der Vergangenheit für so viele junge Menschen die einzige Alternative zum allegorischen Totenbett zu sein scheint.

Kinostart: 25. Februar 2016

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