Nasty Baby – Filmgewordenes Hipsterbashing #omg

by on 02/10/2015

Ich gebe es zu. 15 Minuten meiner Frühstückszeit und noch einmal einige Minuten am Abend verbringe ich damit, Blogs zu durchforsten, die bei Außenstehenden oft als oberflächlich und banal verschrieen sind: Modeblogs, betrieben von Hipstern aus Berlin und anderen Großstädten dieser Welt. Und weil PR-Agenturen und Co. schon lange die Werbewirksamkeit dieser Plattformen für sich entdeckt haben, ist ein Modeblog schon lange kein einfacher Modeblog mehr. Vielmehr gibt es da auch Lifestyle, Beauty und Living, #fashionweek, #eatclean, #glutenfree und #doityourself. Ich geb es ja zu, all diese künstlichen Hypes laden richtiggehend dazu ein, sich über sie wahlweise zu echauffieren oder lustig zu machen. Ausgenutzt wird das nicht zu knapp: Hipster-Bashing kommt fast überall gut an.

Nun halte ich es persönlich für prinzipiell überhaupt nicht problematisch, sich für Mode und Kunst abseits des Mainstream, Nachhaltigkeit und einen gesunden Lebensstil zu interessieren. Nur stehen all die kerngesunden Glutenverweigerer, Heimwerker und Jutebeutelträger auch oft symbolisch für den gegenwärtigen Trend in Richtung Biedermeier 2.0. Man stricke nicht mehr aus Protest im Bundestag, sondern um sich das eigene Heim zum Nest zu machen, stecke mehr Zeit in den hauseigenen Bienenstock statt in die abendlichen Nachrichten und ruhe sich auf dem Verzicht auf Fleisch und Weißmehl aus, während sich die Landbevölkerung Boliviens unbemerkt schon längst ihr tägliches Quinoa nicht mehr leisten könne. Aber warum sich mit der unübersichtlichen Welt beschäftigen, wenn auf dem nächsten Blog schon das nächste DIY-Tutorial wartet? Mit idiotensicherer Schritt- für Schritt-Anleitung und direkt sichtbaren Erfolgen.

© Berlinale

© Berlinale

Ein solches Milieu steht im Mittelpunkt des Dramas Nasty Baby von Sebastián Silva. Der Regisseur selbst spielt hier die Hauptrolle des Künstlers Freddy aus New York, der gemeinsam mit seinem Lebenspartner Mo (Tunde Adebimpe) unbedingt ein Kind kriegen will. Als seine beste Freundin Polly (Kristen Wiig) sich davon überzeugen lässt das Baby auszutragen, scheint alles perfekt. Doch Freddys Spermien sind von keiner guten Qualität und während die Zeit vergeht, entwickelt sich sein Wunsch immer mehr zur Obsession, auch in seinem Job. Für einen bekannten Galeristen plant Freddy eine Performance, während der er sich in ein Neugeborenes hineinversetzt.

Die beschriebene Ausgangssituation von Nasty Baby klingt erst einmal nach einem x-beliebigen Indiedrama, das Fragen über Beziehungen, Sexualität, Identität und Freundschaft stellt. Hier macht tatsächlich aber schon das Setting innerhalb weniger Minuten klar, das es einen besonderen Twist gibt. Allein die gemeinsame Wohnung von Freddy und Mo ist das perfekte Abziehbild einer Hipsterwohnung wie sie auf Instagram steht: hipper New Yorker Stadtteil, Dielenfußboden, ein Mix aus skandinavischem Design und minimalistisch rustikaler DIY-Ästhetik, die Bewohner tragen Bärte und natürlich ist auch für den #catcontent gesorgt: eine dürre Mietze streicht um die unzähligen Grünpflanzen herum.

Die Figuren, die diese Welt bevölkern, sind radikal ichbezogen und werden mit jeder Minute des Films weniger sympathisch. Der Eindruck weltgewandter und einfach cooler junger Menschen wandelt sich hin zu einem tief sitzenden Zynismus. Da kann dem verschrobenen Nachbarn zwar unter viel Gelächter und verdrehten Augen eine hässliche Stehlampe abgekauft werden – als ironisches Statement natürlich – aber wenn er morgens mit dem Laubbläser die Nachbarschaft weckt, bleibt vom Spaß an seinem kultig kauzigen Verhalten nicht mehr viel übrig. Besonders Freddy hat Schwierigkeiten mit seiner schnell aufsteigenden Aggression zurecht zu kommen und während er und seine Freunde unentwegt um sich kreisen, merken sie nicht, was draußen vor der Tür vor sich geht und wie privilegiert sie eigentlich sind. Dieses Grundprinzip des Films erschließt sich schnell, und auch wenn man die transportierte (und wenig originelle) Haltung Sebastián Silvas nicht gänzlich unterstützt, so liefert er mit Nasty Baby zumindest über weite Strecken recht annehmbare Unterhaltung und hübsch anzusehende Bilder ab.

Für einen Festivalfilm ist das nicht gerade ein befriedigendes Urteil – in diesem Fall hätte ich mir aber glatt gewünscht, es wäre bei dieser ambivalent-netten Leere geblieben. In den letzten zwanzig Minuten steigert der Regisseur seinen Film jedoch in einen geradezu hysterisch tollwütigen Anfall hinein und verlässt jegliche Regeln der Plausibilität. Er überzieht das Konzept des Hipsterbashings so sehr ins Bizarre, dass er selbst jenen Zynismus annimmt, den er seinen Figuren voller Verachtung vorwirft. Nasty Baby schießt völlig unverhältnismäßig über das Ziel hinaus und wird damit im Rückblick in seiner Gesamtheit völlig unerträglich. Nachdem schon einige Filme im diesjährigen Berlinale-Panorama Sex und Gewalt um des bloßen Schauwertes Willen miteinander verknüpften, treibt Sebastián Silva dieses Prinzip auf die Spitze. Sein Film ist nicht nur arrogant, er dürfte selbst Zuschauern, die sich gern über den typischen Berlin-Mitte-Hipster aufregen, weil es so schön einfach ist, als zutiefst misanthropisch auffallen. Nur, was das eigentlich soll und womit er seine verachtungsvolle Sicht letztlich begründet, das erklärt er natürlich nicht. Das wäre dann ja auch viel zu kompliziert. #omg

Nasty Baby auf der offiziellen Berlinale-Website

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