Nightcrawler – Der Psychopath ist nur das Symptom

by on 09/25/2014
© Concorde

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Schon in der Grundschule lernte ich die Journalisten-Weisheit, „Hund beißt Postbote“ sei keine Nachricht, wohingegen „Postbote beißt Hund“ sehr wohl eine sei. Heutzutage interessiert jedoch auch das niemanden mehr. Insbesondere das amerikanische Fernsehen füttert das Publikum mit den immer gleichen Bildern von Autoverfolgungsjagten, Gewalt, Unfallopfern und allem, was sonst noch das Potential hat zu schockieren. Michael Moore hat diese „Nachrichtenkultur“ in seinem Film Bowling for Columbine einst sehr treffend als Strategie der kollektiven Verunsicherung entlarvt. Wer jeden Tag sieht, welch schreckliche Straftaten in der eigenen Stadt verübt werden, der glaubt erstens, dass es notwendig sei, sich eine Handfeuerwaffe zur Selbstverteidigung zuzulegen und zweitens, dass er sich durch das aufmerksame Verfolgen dieser Berichterstattung nicht nur informieren, sondern auch gegen mögliche Übergriffe der Täter schützen kann.

Vor eben diesem sehr amerikanischen Hintergrund muss Dan Gilroys Regie-Debut Nightcrawler gesehen werden. Hierzulande ist uns dieses Ausmaß des Kriminalitätsvoyeurismus zum Glück noch fremd. Unsere Gesellschaft funktioniert (noch) ohne das System der Angst. In den USA jedoch ist es völlig normal, dass sich am Tatort eines bewaffneten Raubüberfalls die Journalisten um die Opfer drängeln wie die Schmeißfliegen. Nightcrawler werden diese Kameracrews genannt, die nachts den Polizeiruf abhören, um als erste an Ort und Stelle zu sein und ihr Bildmaterial möglichst gewinnbringend an die lokalen TV-Stationen zu verkaufen. Grundvoraussetzung für diesen Job ist ein Mangel an Empathie. Nur wer ohne Rücksicht auf Verluste mit der Kamera nach vorne drängt, kann sich gegen die Konkurrenz behaupten.

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Lou (Jake Gyllenhaal) kennt keine moralischen Zweifel. Er ist berechnend, manipulativ, distanzlos und clever. Die perfekten Voraussetzungen also, um in einem kapitalistischen System ganz nach oben zu kommen. Nightcrawler ist die pervertierte „From Rags to Riches“-Erzählung eines Mannes, dem durch das Leid anderer der finanzielle Aufstieg gelingt. Regisseur Dan Gilroy führt seinen Helden als gescheiterten Kleinganoven in die Geschichte ein, der an jeder Preisverhandlung seiner gestohlenen Ware scheitert. Er wirkt unsicher, ein wenig verschroben, aber in seiner Hilflosigkeit und vermeintlichen Naivität anfänglich durchaus liebenswert. Mit fortschreitender Handlung jedoch entpuppt sich Lou mehr und mehr als Psychopath nach Lehrbuch, dem es mit der skrupellosen Manipulation seiner Mitmenschen gelingt, vom Amateurfilmer zum erfolgreichen „Nachrichtenproduzenten“ aufzusteigen.

Jake Gyllenhaal liefert die vielleicht beste Performance seiner Karriere. Über die grandios geschriebenen, völlig entpersonalisierten Monologe seiner Figur geht er weit hinaus und verleiht Lou mit spezifischen Gesten und Gesichtsausdrücken eine überzeugende Individualität. So kann sich der Psychopath vom pathologischen Typus zu einer Persönlichkeit entwickeln, die dem Zuschauer mehr und mehr das Fürchten lehrt. Dan Gilroy entwickelt seine diabolische Hauptfigur Schritt und für Schritt und sehr subtil, verzichtet darauf, Lou frühzeitig durch Kamerawinkel und eine entsprechende Musikuntermalung als Bedrohung zu entlarven. Hierdurch erschafft er ein wirkungsvolles Spannungsverhältnis zwischen der Sympathie für und der Abscheu gegen seine Figur. Wenn Lou beispielsweise den Schauplatz eines Autounfalls für den perfekten Kamerawinkel arrangiert, ohne beim Anblick der Todesopfer auch nur mit der Wimper zu zucken, glorifiziert der melodische Score das kaltblütige Handeln als bahnbrechenden Karriereschritt. Doch es ist auch eben jener Moment, an dem das enge Verhältnis zwischen Zuschauer und Hauptfigur erste gravieren Risse erfährt.

Die anfänglichen Erfolge motivieren Lou zu immer stärkerem Eingreifen in eben jene Szenen, die er nur zu beobachten vorgibt. Hiermit stellt Nightcrawler auch die wichtige Frage nach den Grenzen oder gar der Möglichkeit objektiver Berichterstattung. Entscheidend dabei ist, dass es nicht Lou ist, der hier als isolierter Psychopath das Grauen personifiziert. Er ist Teil eines viel größeren und kränkeren Systems, das sich am Elend der Menschen bereichert. In Programmchefin Nina (Rene Russo) findet der Nightcrawler eine würdige Gegenspielerin, die er zwar durch geschickte Manipulation und schließlich Erpressung in die Enge treibt, die sich aber trotzdem (oder deshalb?) dem Charme seiner Macht nicht entziehen kann. Lobenswert ist dabei die Figurenzeichnungen der taffen Vorgesetzten, die hier niemals als Opfer, sondern immer auch als Täterin erscheint, ist es doch sie, die Lou mit ihrem Wunsch nach blutigem Elendsjournalismus zur Höchstform antreibt.

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Auch wenn Lou manchmal ein wenig zu sehr nach dem Lehrbuch konstruiert erscheint, ist Dan Gilroys Inszenierung des Antihelden doch glaubwürdig genug, um den Zuschauer einem stetig wachsenden Unbehagen auszusetzen. Die Gefühlskälte der Figur lässt uns schließlich das Blut in den Adern gefrieren, produziert Gefühle von Übelkeit und eine paradoxe Sehnsucht nach dem Ende des Films, um diesem Schauspiel der Unmenschlichkeit nicht länger beiwohnen zu müssen. Paradox ist diese Sehnsucht deshalb, weil Dan Gilroy seinen Thriller absolut packend erzählt. Am Anfang noch langsam und komödiantisch inszeniert, verdichtet sich die Atmosphäre bis zur Unerträglichkeit. Insbesondere der Showdown der letzten zwanzig Minuten macht atemlos.

Benommen und verstört verlässt man nun das Kino. Nightcrawler ist eben nicht nur ein grandios inszenierter Thriller, sondern auch ein Finger, der tief in der Wunde unserer Medienkultur steckt. Lou mag eine (nach Psychologielehrbuch) überzeichnete Figur sein, doch in seiner Geschichte liegt trotzdem eine nicht zu leugnende, unbequeme Wahrheit. Es ist diese Verbindung aus vorbildlichem Filmhandwerk und irritierendem Realitätsbezug, die einen überragenden Film ausmacht. Nightcrawler ist – und ich freue mich, das mal wieder sagen zu können – ganz großes Kino!

Kinostart: 13.11.2014

Pressespiegel auf film-zeit.de 

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