Noah – Bibelstunde mit Spezialeffekten

by on 03/31/2014

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© Paramount

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Ach, war das immer schrecklich: meine Klasse verbrachte früher die Sommertage am See, ich musste am Dienstagnachmittag zum Religionsunterricht. Gut, ich sah da eine Handvoll netter Menschen, aber die Lektionen und Geschichten waren eben seit der Vorsonntagsschule – sprich: seit Jahren – immer die Gleichen. Statt mich mit der biblischen Sintflut auseinanderzusetzen, zog ich das irdische Wasser in den Seen des Berliner Speckgürtels definitiv vor. Und obwohl ich auf Noah sehr gespannt war, überkam mich im Vorfeld des neuen Films von Darren Aronofsky die Erinnerung an dieses Gefühl sofort wieder: tausende Male habe ich die Story von Noah und seiner Arche schon gehört. Wieso also noch ein weiteres Mal?

Für alle nicht ganz so Bibelfesten hier doch noch mal ein bisschen Leser-Service: Jahre nach der Erschaffung der Erde, nach dem Sündenfall im Paradies und dem Brudermord des Kains an Abel haben die Menschen sich von ihrem Schöpfer abgewandt. Nur an Macht und Annehmlichkeiten interessiert, haben sie sich zu gewalttätigen Monstern entwickelt, die sich der Welt und ihren tierischen Bewohnern überlegen fühlen und Konflikten lediglich durch Brutalität begegnen. Allein Noah (Russell Crowe) und seine Familie lebt einsam und abgeschieden ein anständiges, naturverbundenes und gottgefälliges Leben, folgt nicht dem Prinzip des Stärkeren, der einzig überlebt. Und doch sind genau sie es, die von ihrer höchsten Macht auserwählt werden, um zu überleben. In seinen Träumen hat Noah Visionen von einer verheerenden Flut, die sämtliches Leben auf Erden auslöscht. Schließlich beauftragt ihn Gott, eine riesige Arche zu bauen, die die Unschuldigen retten soll. Je ein Paar jeder Tierart darf mitkommen, Noahs Frau Naameh (Jennifer Connelly), ihre drei Söhne Sem (Douglas Booth), Ham (Logan Lerman) und Japhet (Leo McHugh Carroll) und Sems Freundin Ila (Emma Watson). Sogleich macht sich die Familie an die beschwerliche Arbeit, die von den übrigen Menschen jedoch leider alles andere als unbemerkt bleibt.

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Ach, sie sind komisch, diese Bibelfilme, die zumindest innerhalb ihrer Diegese die Existenz eines Gottes einfach so voraussetzen und uns mit einer Geschichte konfrontieren, deren Ausgang uns sehr wohl bekannt ist. Noah bildet da keine Ausnahme: gleich zu Beginn führt uns die Erzählung vom ersten Sündenfall in Zeitraffer, kombiniert mit einigen erläuternden Zwischentiteln, auf den neusten Stand der Bibelhistorie, ein Score im Stil des Nolanschen Wumms sorgt für die nötige Dramatik und die stark gesättigte Farbgebung inklusive der Spezialeffekte gibt den Anschein eines apokalyptischen Fantasyfilms, angesiedelt in einer archaisch-brutalen Vergangenheit. Wenn dieser erste Schock verdaut ist, bekommen wir es mit der filmischen Gegenwart zu tun, der Zeit von Noah und seiner Familie. Darren Aronofsky erschafft in diesen ersten Minuten ein eindringliches Gefühl von Paranoia, denn die erste Regel im Kampf ums Überleben in der staubigen Einöde erschließt sich auch uns Zuschauern schnell: traue keinem Menschen außerhalb der eigenen Familie.

Alsbald beginnt der Bau der Arche und hier sind es vorrangig die beeindruckenden Bilder, auf die der Regisseur setzt, um uns bei der Stange zu halten. Das gelingt ihm auch recht gut: wenn tausende Schlangen auf das noch im Bau befindliche Schiff zuschlängeln, dann ist man doch ganz froh, dass die Viecher nur aufgrund des 3D-Effektes so plastisch erscheinen. Besonders gern wählt Darren Aronofsky aber auch die Vogelperspektive, die uns gewissermaßen aus der Perspektive des großen Auftraggebers auf das irdische Treiben schauen lässt: erst gehen die Säugetiere in einer ziemlich eindrucksvollen Szene an Bord, später tobt ein kämpfendes Menschenmeer, um sich doch noch der rettenden Arche zu bemächtigen und letztlich schießt das Wasser eindrucksvoll aus allen Ritzen, bereit, die menschliche Unart beinahe gänzlich auszurotten. Ehrlich gesagt habe ich noch nie einen effektbasierten Film gesehen, in dem die 3D-Technik derart unnötig war. Sie verkleinert letztlich nur optisch die Leinwand, mehr nicht. Rein dramaturgisch erreicht Darren Aronofsky sein Ziel jedoch: uns für eine Geschichte zu vereinnahmen und eine Spannung aufrecht zu erhalten, obwohl der Ausgang doch von vornherein feststeht.

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Wassermassen bedecken die Erde, die letzten Überlebenden schreien von einer schroffen Klippe aus um Hilfe, die Arche schaukelt schwerfällig auf den Wellen. Aber vom Film ist trotzdem erst die Hälfte der Laufzeit rum. Die zweite Hälfte von Noah unterscheidet sich in allen Punkten vom Beginn mit seinen epischen Szenerien. Nun nähert sich Aronofsky doch noch seinen Figuren und ihren Einzelschicksalen, zeichnet ein etwas differenzierteres Bild der Situation und stellt auch den bisher unantastbar weisen Noah in Frage, der mittlerweile beunruhigend fanatische Züge trägt. Diese ruhige Gangart ist ein zweischneidiges Schwert. Für das Gesamtwerk ist sie sicher eine gute Entscheidung, verleiht sie dem Film doch mehr Tiefe als allein durch das CGI-Feuerwerk im ersten Teil möglich gewesen wäre und löst sich von der weitgehend vorlagengemäßen Interpretation der Geschichte, die ein Kollege nach der Vorführung so treffend als „die Version für den Verein bibeltreuer Christen“ bezeichnete. Für den gemeinen Zuschauer aber, der sich gerade erfolgreich auf Action, Spezialeffekte, schnelle Schnitte und viel menschliches Elend eingestellt hat, ist das plötzliche Runterfahren durchaus schwer zu verkraften. Gefühlte Längen tun sich in der Geschichte auf, die dem Gesamteindruck ein wenig den Bombast rauben, und so ergibt sich plötzlich die Zeit, um über die weniger erfreulichen Seiten von Noah nachzudenken. Zum Beispiel über die bei einem Bibelfilm erwartbare, aber doch irgendwie ärgerliche Tatsache, dass mal wieder die Kernfamilie über allem steht und Sexualität ausschließlich im Rahmen der Fortpflanzung stattfinden darf.

In der nachträglichen Erinnerung an Noah überwiegt bei mir dann aber doch die Einstellung, die Noahs Großvater Methuselah, dargestellt von Anthony Hopkins, lebt. Im Angesicht der heranrollenden Flut pflückt er noch eine leckere Beere und lässt sich den Augenblick buchstäblich auf der Zunge zergehen. Wer sich mit einigen kleinen Schnitzern und Reiberei abfinden kann, wird in Noah Unterhaltung finden, die andere Filme mit Special Effects-Showcase mühelos hinter sich zurück lässt.

Kinostart: 03. April 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

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One Response to “Noah – Bibelstunde mit Spezialeffekten”

  • Jan says:

    So allmählich trudeln die ersten Meinungen bei mir ein und meine Befürchtungen werden doch immer mehr unterstützt, dass Aronofsky sich mit seinem (teilweise) Effektspektakel nicht unbedingt etwas Gutes tut… Na ja, allein wegen des Regisseurs werde ich mir den Film schon angucken, als Totalausfall liest es sich hier ja zumindest nicht.

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